Los Angeles

Vision.Illusion.Konfusion!

06.10.2008 – 13.10.2008

USA: LOS ANGELES

Re-LAX in der Stadt der Engelchen: 1.291 km² groß, eine Ausdehnung von 71 km in Nord-Süd – und 47 km in Ost-West-Richtung, 12.875.587 Einwohner, 3.168,5 Einwohner je km², sechs verschiedene Telefonvorwahlen, eine der höchsten Luftverschmutzungen in den USA, 224 gesprochene Sprachen, 480 Morde (2006) pro Jahr, 14.353 Raubüberfälle (2006) pro Jahr, 1.350 kriminelle Banden mit insgesamt 152.000 Mitgliedern, 25 Partnerstädte, längste Straße 42,3 km (Sepulveda Blvd.), kürzeste Straße 3,96 Meter (Powers Street), Heimat von 22 Nobelpreisträgern, 53 Kunstmuseen, 9 Gebäude des Architekten Frank Lloyd Wright, 125 Krankenhäuser, 152.192 Geburten (2003) pro Jahr, 61.072 Todesfälle (2003) pro Jahr, 152 Feuerwehrstationen mit insgesamt 2.803 Feuerwehrmännern, 890 Notärzten, 7 Hubschraubern, 33.253 km Straßennetz, 5.850.140 zugelassenen Autos (inkl. Krad und LKW sind es 7.514.916). Kurzum, diese Stadt ist groß, und es gibt viel zu tun.

Auf Safari in der Großstadt

Los Angeles, die Stadt der Stars und Sternchen. Alle leben sie hier, im Großstadtdschungel. Oft ist L.A. wirklich einem undurchdringlichen Dschungel ähnlich. Schnell verliert man die Orientierung. War man nicht gerade noch hier und eben nun schon dort. Das Dort müsste aber eigentlich da sein und das Hier eben nicht hier, sondern eher dort.

Um uns nicht zu verirren, machen wir die Tour der Touren. Die Königsdisziplin aller Touren: „Promi-Safari“. Ziel der Tour ist es, in einem gemütlichen Cabrio-Minibus (ja, so etwas gibt es hier wirklich) an über 40 Heimen der Stars vorbeizuschauen und mit etwas Glück ein Exemplar dieser seltenen Spezies zu Gesicht zu bekommen. Wie sagt das Motto des Unternehmens schon so schön: „Take the tour to find out! You may see a star!“ Nicht vergessen, immer die Kamera im Anschlag haben. Denn diese Spezies ist scheu, lebt zurückgezogen, gerne in Oasen zwischen hohen Bäumen und Hecken und wagt sich nur selten aus ihrem „Bau“ – die Gefahren sind einfach zu groß.

Über den legendären Sunset-Strip geht es los. Vorbei am Nachtclub „Whisky a Go Go“: hier waren seinerzeit The Doors Hausband, Van Morrison und Jimi Hendrix jammten hier. Guns N’ Roses und Metallica gaben hier ihre ersten Konzerte, bevor sie zu Weltruhm aufstiegen. Weiter geht es zum „Viper Room“, ehemals im Besitz von Johnny Depp. Hier an dieser Stelle, genau vor dem Haupteingang auf dem Bürgersteig, starb River Phoenix 1993 an einer Überdosis. Ein geschichtsträchtiger Ort jagt den anderen. Das nächste Highlight ist das Chateau Marmont, ein bei den Stars und Sternchen sehr beliebtes Hotel. Warum ist fraglich, starben hier doch John Belushi (1982, Überdosis) und Helmut Newton (2004, er fuhr frontal in die Betonwand der Hotelauffahrt); Red Hot Chili Peppers- Gitarrist John Frusciante sprang dem Gevatter Tod gerade noch mal von der Schippe (Überdosis), und Britney Spears ist wiederholt rausgeschmissen worden (was wiederum für das Hotel spricht). Es gab aber auch Gäste, die kamen und gingen: Mick Jagger, Ringo Starr, Spike Lee, Marilyn Monroe, Paul Newman oder auch Heath Ledger (dieser verbrachte hier seine letzte Lebenswoche, wenigstens starb er nicht auch hier).

Und dann endlich stoßen wir unter enormen Geschnatter und Gegacker der mit an Bord befindlichen Damen ins Kernland und eigentliche Ziel unserer Safari vor: Beverly Hills und Bel-Air. Hier wohnen oder wohnten sie dann also, diese raren, fast schon vom Aussterben bedrohten Wesen der Gattung „Sternios Starum“. Und wie viele. Tom Cruise, Ozzie Ozbourne, Madonna, Jackie Chan, Nicolas Cage, Sean Connery, Angelina Jolie, George Marciano, Gründer von “Guess” (im Vorgarten stehen dann auch gleich acht Ferrari, 2 Rolls Royce und ein Bentley), Peter Falk, Ronald Reagan, Elvis Presley, Marilyn Monroe, Frank Sinatra, Gregory Peck, Judy Garland, Humphrey Bogart. Unter nicht enden wollenden „Uaahs“, „Uuuuuuh, „he is so sweet“, „My Dreamboy“ oder einfach nur animalischem Gestöhne bleiben wir vor dem Haus des ewigen Frauenverstehers, von allen Frauen geliebten Richard Gere stehen. Es gibt sicher wenige Dinge, in denen sich Frauen so übereinstimmend gemeinsam für etwas begeistern könne. Jakob, als einziger Mann an Bord, hat es schwer, darf sich aber laut Führer auf die Playboy-Mansion freuen. Vergeblich, wie wir bald sehen.

Gesehen haben wir nix. Kein Abschuss. Auf Nachfrage erfahren wir dann aber auch, dass die beste Zeit zur Starsichtung so gegen 19 Uhr sei, im Halbdunkel. Da kämen sie manchmal raus. Egal, alleine schon die Anwesen waren die Tour wert. Man muss an dieser Stelle ehrlich sein: manche Anwesen fußballspielender Bayern (z.B. Oliver Kahn, wenn auch inzwischen in Rente und heute Philosoph) muten im Gegensatz hierzu an wie die Gemächer der Bediensteten in Bel-Air.

The Chinese Theatre

Die Safari beginnt und endet im Herzen Hollywoods, am Sid-Graumann-Chinese-Theatre. Das ist nicht irgendeine kleine chinesische Klitsche, in der 24 Stunden lang Kung-Fu und schlecht animierte Manga-Filme laufen. Nein, es ist ein echter Klassiker, eine Institution. Hier ist es, wo man all die Hand- und Fußabdrücke bekannter und ehemals bekannter Schauspieler in Beton verewigt findet; an die 160 sind es inzwischen. Zuletzt hinterließ Michael Caine am 11. Juli 2008 seine Spuren hier. Auch wurden und werden in diesem Kino mehr Hollywoodfilme uraufgeführt als in jedem anderen der Stadt!

Der Ruhm und die Legendenbildung begannen am 27. Mai 1927 mit der Uraufführung Cecil B. DeMilles “The King of Kings”, Tausende säumten die Straße, es kam zu Tumulten, alle wollten die Stars sehen. Extra für diese Uraufführung wurde ein 65-köpfiges Orchester Orgel engagiert. Heute sind ein solcher Rummel und Aufwand nicht die Ausnahme, sondern die Regel, aber 1927…In der Folgezeit fanden hier auch zweimal die Oscarverleihungen statt.

In einem alten Reiseführer über Los Angeles heißt es: „To visit Los Angeles and not see the Chinese is like visiting China and not seeing the Great Wall.” Vielleicht ist das ein bisschen übertrieben, aber beeindruckend ist es allemal.

Über den roten Teppich zu Onkel Oscar

Gleich nebenan steht eine Legende der Moderne, ein Tempel der Eitelkeiten, Erfolge und des Scheiterns: Das weltberühmte Kodak-Theatre. Es wurde, auch wenn es den Rest des Jahres anderweitig verwendet wird, nur für diesen einen speziellen Abend konzeptioniert, geplant und gebaut: Die glamouröse Nacht der Oscarverleihung. Seit 2002 die erste feste Bleibe für die Oscarverleihung und die wird es auch bis zum Jahre 2021 bleiben. Oscar ist nun nicht mehr obdachlos. Vorher zog die Verleihung immer wieder um. Die erste fand 1929 direkt gegenüber im Hollywood-Roosevelt-Hotel statt und dauerte, das feierliche Abendessen inklusive, gerade mal knapp 1 ½ Stunden. Seinerzeit waren 250 Gäste zugegen, das Eintrittsticket kostete $10. Heute dauert allein das Schau- oder auch Spießrutenlaufen der Stars schon so lange, und das Kodak-Theatre ist bis auf den allerletzten der 3.300 Plätze besetzt. Und mitspielen darf auch nur, wer von der Acadamy persönlich eingeladen wurde. Sogar Stars, denen der Oscar verliehen werden soll (werden oder eben auch nicht), erhalten nur ein einziges weiteres Ticket, für wen auch immer sie für würdig erachten, an ihrer Seite über den roten Teppich zu flanieren.

Im Inneren (nur zu besichtigen auf einer geführten Tour) kann man dann sogar einen echten Oscar bewundern. Hinter Panzerglas steht einer der vielen Oscars, die die Firma Kodak selbst, für welche Leistung auch immer, bekommen hat. Um absolute Geheimhaltung bis zum letzten, alles entscheidenden Moment zu gewährleisten, werden die Juroren und Umschläge (die dann auf der Bühne feierlich geöffnet werden) übrigens von der international angesehenen Wirtschaftsprüfungsfirma PricewaterhouseCoopers kontrolliert.

Die ewige Siegerliste führen mit je 11 verliehenen Oscars die Filme „Ben Hur“ (1959), „Titanic“ (1997) und „Herr der Ringe“ (2003) an. Als Schauspielerin ist die unangefochtene Königin Katharine Hepburn mit sagenhaften 4 verliehenen Oscars (als Hauptdarstellerin), die Liste der Nominierungen führt Meryl Streep mit 14 haushoch an (erhalten hat sie aber nur 2, schlechte Erfolgsquote eigentlich, sozusagen 1/7 Erfolg, der Rest Scheitern auf – jedoch – hohem Niveau).

Warum der Oscar Oscar heißt? Hierzu gibt es mehrere Geschichten. Welche wahr ist? Gute Frage, aber alle drei sind irgendwie nett. Bette Davis soll die kleine, goldene Statue nach ihrem ersten Mann (von vier) Harmon Oscar Nelson benannt haben. Hierfür spricht, dass der Name Oscar just zu dieser Zeit (1934) das erste Mal in einem Artikel im Time-Magazine erwähnt wurde und sich Bette Davis auch 1936 bei der Preisverleihung für ihren Oscar bedankt haben soll. Auch Walt Disney wird nachgesagt, er habe sich als Preisgewinner für seinen Oscar bedankt und somit den Namen erfunden; dies scheint aber nicht erwiesen zu sein, fällt somit weg, und außerdem fielen Walt Disney genügend andere Ehren zu.

Die am häufigsten zitierte und kommunizierte Geschichte ist aber jene der Academie-Chef-Sekretärin Margaret Herrick: als sie die kleine Figur 1931 das erste Mal sah, meinte sie trocken, dass diese sie an ihren Onkel Oscar erinnere. Ein anwesender Reporter, Qiang Skolsky, fing den Namen auf und schrieb in einem Artikel, dass die Figur intern als Oscar bezeichnet werde und dies ja eigentlich ein ganz netter Name sei.

Wie komme in L.A. von A nach B (und hoffentlich zurück)

Bei einer so großen, unübersichtlichen Stadt, in der sich über 80% der Bevölkerung nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen, stellt sich die ernste Frage, wie man seine Fortbewegung selbst bewerkstelligen will. Klar, es gibt Busse und sogar eine U-Bahn. Nur hat letztere weniger Haltestellen als die Münchner und das bei einem Stadtgebiet von 1.291 km². Außerdem ist das Netzwerk aus Bussen, U-Bahnen und S-Bahnen so verwirrend, dass wir uns entscheiden, für ein paar Tage einen Mietwagen zu nehmen. Den Kritikpunkt, wir hätten doch ein Auto dabei, möchten wir damit entkräften, dass unser „Kompaktwagen“ 3,5 Meter hoch ist und die Parkhäuser hier eine maximale Einfahrtshöhe von vielleicht 1,9 Meter haben. Ja, das sind so die Kleinigkeiten, an die man nicht immer denkt, die einem aber mit einem Laster als Reisemobil manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen.

Was für eine gute Entscheidung der Mietwagen war, realisieren wir das erste Mal, als wir von der Walt-Disney-Concert-Hall in Downtown nach Beverly Hills fahren und für diese Strecke im fließenden Verkehr fast eine Stunde benötigen. Von München aus erreicht man in derselben Zeit Salzburg! Eine andere Stadt, ja sogar ein anderes Land. L.A. ist einfach enorm groß. Das Dumme am Mietwagen ist nur, dass wir nun die Strafzettel auch zahlen müssen; $ 47 für etwa 10 Minuten Parken bei abgelaufener Parkuhr! Zahlbar per Kreditkarte.

Die Traumfabrik und zerstörte Illusionen

Natürlich hat diese Stadt noch mehr zu bieten als Oscars, chinesisches Theater oder die Herbergen von Stars, nämlich die Arbeitsstätten der Stars – die Filmstudios. Irgendwo müssen die vielen Filme ja auch herkommen.

Driften wir mal ganz kurz ab und versuchen uns eine Folge von „Emergency Room“ mit George Clooney vorzustellen. Bei fast allen Szenen, die nicht auf dem OP-Tisch spielen, denken wir uns doch (bitte ehrlich sein), dass Chicago ja eigentlich ganz nett ausschaut. Wenn die Jungs und Mädels aus „Friends“ durch New York bummeln, im Central Park spazieren gehen, oder wenn die vier sex- und modeverliebten Freundinnen aus „Sex and the City“ shoppen (Männer und Klamotten) gehen, denken wir uns doch, dass New York faszinierend ist.

Nun sitzen wir in der prallen Sonne in einem kleinen Elektrozüglein und fahren durch den Central Park, durch Soho, durch Chicago im Schnee und mit Vollgas in die Notaufnahme. All das auf ein paar hundert Quadratmetern. Wir sind an den Original-Drehorten für die oben genannten Serien angekommen. In Chicago liegt schon Schnee (die Weihnachts- und Winterfolgen werden gerade gedreht), die Krankenwagen stecken an der Steckdose (bei den Ölpreisen sparen auch die Studios), der in jeder Folge von „ER“ auftauchende UPS-Laster parkt gegenüber – Product Placement. Und keinem ist es bisher aufgefallen.

Nach zweimal abbiegen kommen wir in den Central Park. Kein Scherz, echt. Da ist er. In seiner vollen Pracht liegt er vor uns, quasi zu Füßen. Es ist überwältigend. Keine 10 Bäume, die Grünfläche gerade mal an die 40 x 8 Meter groß. Das soll er sein? Zum Glück waren wir schon in New York, sonst wären wir wahrscheinlich vom Glauben abgefallen. Die nette Züglein-Fahrerin und Führerin versucht uns zu erklären, wie man durch optimale Kameraführung und -stellung dieses trostlose Stückchen Grün samt Bäumen in den Central Park verwandeln kann. Ach, und noch was: Der Central Park kann auch in einen schmucken Friedhof umgewandelt werden. Die Grabsteine liegen rechts am Rand gestapelt. Der Multifunktionsparkfriedhof.

Nächster Stopp ist das Central-Park-Café. Der Ort, an dem Rachel, Monica, Phoebe, Joey, Chandler und Ross, also die „Friends“, die Probleme der Welt erörtern und nochmals erörtern. Durch eine unscheinbare Sperrholztüre, auffallend ist nur das riesige Sicherheitsschloss, geht es ins Café. Von unzähligen Episoden kennt man es, und nun ist man dort. Mittendrin. Und alles schaut so aus wie im Fernsehen. Für eingefleischte Fans muss ein Traum wahr werden. Artig (es wird dem Besucher suggeriert, eigentlich dürfe man das überhaupt nicht), nehmen die Tourteilnehmer hintereinander auf dem bekannten Sofa Platz und lassen sich fotografieren. Man sitzt fast auf dem Schoß von Rachel, Jennifer Aniston. Wow!

Vom Set von „Sex and the City“ ist nichts mehr zu sehen. Verschrottet. Schade. Dafür gibt es im Souvenirladen die gesamte Serie auf DVD. 20 DVD’s, unzählige Stunden Schuh- und Männersuche. Für die echten Hardcorefans. Wir haben sie nun auch!

Der Besuch der Warner-Brothers-Studios hat uns die eine oder andere Illusion definitiv zerstört; ein so winziger Central Park, Schnee in Los Angeles bzw. Chicago, alles aus Pappe, nichts echt. Manchmal ist Unwissen auch was wert, und Illusionen bleiben einem erhalten. Wie schön war doch die Vorstellung, dass all diese Serien und sicher noch weitere unzählige Filme auch ein bisschen, wenigstens ein bisschen die Realität zeigen. Und seien es nur die Drehorte. Wer die Welt sehen will, dem reicht fast ein Ausflug in eines der großen Hollywoodstudios, in die Traumfabrik.

Wie heißt es auf unserer Startseite: „Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.“ Nun haben wir die Dinge gesehen, wie sie sind, oder eben auch nicht sind. Die Vorstellung der Wirklichkeit ist in Wahrheit nur die Vorstellung einer Illusion. In diesem Fall.

Teertümpel in Downtown

Anderorts als Umweltkatastrophe verschrien, ist es in L.A. ein Museum und Park. Davon hätten die Exxon-Verantwortlichen nach der Havarie nicht einmal zu träumen gewagt. Aber hier, mitten in Downtown L.A., ist es Wirklichkeit. Eingezäunt und als öffentlicher Park sind die La Brea-Tar Pits zu bewundern. La-Brea-Teer-Pfützen? Was es damit auf sich hat? Seit ungefähr 40.000 Jahren quillt an dieser Stelle Erdöl einfach so an die Erdoberfläche. Mitten in einem kleinen See. Dieser See schaut aus wie der Miniaturalptraum eines jeden Greenpeaclers. Eine glänzende, ölige und schleimige Masse treibt an der Wasseroberfläche. Manchmal stößt aus den Tiefen eine Methanblase nach oben und entlädt sich mit einem heftigen Blubb. Unweigerlich denken wir an Veronika Feldbusch und Spinat. Wieso nur?

Was diesen Tümpel so bedeutend macht? Erdöl, der prallen Sonne ausgesetzt, verwandelt sich langsam in Teer. Und diesem Teer sind hunderttausende Sensationen zu verdanken. In einer Zeit der Dinosaurier und Mammuts kamen diese an dieses Wasserloch zum Trinken. Hatten sie Pech, blieben die armen Tiere einfach in dem dickflüssigen Teer stecken, soffen ab, starben und versteinerten. Zwischen 1906 und 1960 wurden über 750.000 versteinerte Skelette aus dem Matsch gezogen. Absolutes Highlight ist ein kompletter Mammut. Seit 1969 sind aus dem Tümpel Nummer 91 noch einmal weitere 250.000 Skelette geborgen worden. Mit dieser unglaublichen Anzahl an Versteinerungen ist es eine der ergiebigsten Ausgrabungsstätten für Versteinerungen weltweit! Und all das mitten in Downtown L.A., umgeben von in der Sonne blitzenden Hochhäusern. Nach diesem zugegebenermaßen etwas befremdlich riechenden „Museum“ gehen wir nach nebenan.

LACMA und eine automobile Zeitreise

In direkter Nachbarschaft mit Blick auf die Teertümpel ist das LACMA, das Los Angeles-County-Museum-of-Art. Über das Museum mit seinen über 150.000 Exponaten heißt es im Fodors: „Its collection is wideley considered the most comprehensive in the western United States“. Und das ist nicht übertrieben. Allein in dem von Renzo Piano gestalteten Gebäude für moderne Kunst finden sich 2.000 Werke der Moderne seit 1946. Das Erdgeschoss ist ganz Richard Serra gewidmet, und zu sehen sind zwei (kein Tippfehler) Werke von ihm: „Band“ (2003) mit den gewaltigen Ausmaßen von 3,9 x 21,5 x 11,2 Metern, das zweite ist in seiner Art und Größe ähnlich. Durch die Bögen und Kurven des Kunstwerkes spazierend vermittelt sich uns ein Gefühl von „einem Raum in einem Raum“. Wir betreten „Band“ auf der einen Seite und sind links und rechts von knapp 4 Meter hohen und massiven Stahlwänden umgeben. Licht kommt nur von oben und durch die langen und gestreckten Kurven erscheint der Weg unendlich.

Die beiden weiteren Stockwerke bieten eine herausragende Sammlung moderner Kunst. Roy Lichtenstein, Jeff Koons (wahrscheinlich gibt es keinen Ort, an dem mehr Werke von ihm zu finden sind; auch sein bekannter „Michael Jackson mit Bubbles“ ist hier), Damian Hurst, Andy Warhol, Jasper Johns (und dessen bekannte US-Flagge), Jackson Pollock und noch viele, viele, viele andere. Es ist ein Genuss.

Das LACMA ist eines der besten Museen, das wir auf unserer Reise bisher gesehen haben. Es ist einfach sagenhaft. Insgesamt besteht das gesamte Museum aus sechs verschiedenen Gebäuden. Photographie, deutsche Impressionisten, Afrika, Textilien, asiatische Kunst, koreanische und japanische Kunst, islamische, griechische, römische und etruskische Kunst. Endlos. Im Museumsplan heißt es dann auch, man solle sich mindestens einen ganzen Tag Zeit nehmen. Um einen Teil zu sehen. Machen wir und haben einen wirklich wunderbaren Tag.

Auf der anderen Straßenseite schaut es anders aus. Das Gebäude nicht besonders ansehnlich, eher grau, Lagerhallencharakter. Es ist im entferntesten Sinn auch eine Lagerhalle. Eine Lagerhalle für Oldtimer. Zwei Stockwerke alte Autos. So stellt man(n) sich die Garage daheim vor!
Die Autos sind aber nicht einfach langweilig nebeneinander gestellt. Es gibt einen nachgebauten Verkaufsraum von Ford aus den 1910ern voll mit den verschiedensten Ford T-Modellen; eine Shoppingmall der 40er Jahre, die Autos stehen auf dem Parkplatz, die Läden sind authentisch eingerichtet. Es wirkt so real, man könnte denken, Gemüse, Fleisch, Obst seien echt. An einer Tankstelle reihen sich die Autos aneinander zum tanken.
Auch für Nichtautoenthusiasten ist dies ein sehenswertes Museum, und schnell vergisst man die Zeit.

Von heißen Hunden und einem genervten Koch

Los Angeles ist nicht Los Angeles ohne den Besuch von zwei Institutionen:
„Pink’s“-Hot-Dog-Stand und „Philippe the Original“, das älteste Restaurant der Stadt. Paul und Betty Pink gründeten diesen Mythos, das „Pink’s“, und schufen ein nicht mehr wegzudenkendes landmark in Hollywood. Angefangen hat es 1939 mit einem kleinen Hot-Dog-Stand zum Schieben. Standort Ecke La Brea und Melrose. Der Erfolg ließ dank Betty’s hausgemachter Chilisauce, des Brotes und des damals günstigen Preises von 10 Cent nicht lange auf sich warten. 1946 kauften die beiden an genau dieser Ecke ein kleines Fleckchen Land und bauten das heutige „Pink’s“. Seit 1946 hat sich an dem Gebäude nichts geändert, ebenso wenig an der Qualität der Hot Dogs und dem regen Zulauf. Auch wenn man nur 30 Sekunden für die Zubereitung eines Hot Dogs benötigt, stehen wir doch 45 Minuten in sengender Hitze und warten, bis wir zum bestellen dran sind. Es soll Kunden gegeben haben, die bis zu 18 Hot Dogs verzehrt haben. Verständlich bei der Qualität. Auch erwähnenswert ist die Tatsache, dass der Laden noch immer in Familienbesitz ist; eine Dynastie auf Hot Dogs gebaut. Bekannt ist „Pink’s“ auch aus dem Film „Jackass“ mit Brad Pitt. Dieser wurde unter den entsetzten Augen zahlreicher Schaulustiger auf seinen Hot Dog wartend entführt.

Ein weiteres Unikum von L.A. ist „Philippe the Original“ und seine French-Dip-Sandwiches. Die Geschichte ist folgende: Kurz nach der Gründung 1908 beschwerte sich ein Gast, dass das Brot seines Sandwiches zu trocken sei. Auch ein frisches Brot konnte den Gast nicht überzeugen. Der Koch, inzwischen reichlich genervt, schmiss das Brot einfach in eine Schüssel mit Bratensauce und gab es dem Gast zurück, „so, jetzt ist es nicht mehr trocken“. Zu beider Erstaunen schmeckte es dem Gast. Dieser kam nun immer öfter und bestand darauf, sein Brot in die Sauce geschmissen zu bekommen. 100 Jahre später wird das Brot noch immer in die Sauce geschmissen, und die Sandwichs sind einsame Klasse und suchen ihresgleichen. Die Vernunft sagt einem, dass ein Sandwich genug sei, aber da sie so lecker sind, ist schwer zu widerstehen, noch eines zu bestellen…

Jetzt gibt es was auf die Ohren

Und zwar gewaltig. Tschaikowsky und Strawinsky. Von Tschaikowsky das Klavierkonzert Nummer 1 mit Yefim Bronfman. Von Strawinsky Fireworks und Firebird. Beides von den Los Angeles-Philharmonikern unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. Obwohl die L.A.-Philharmoniker fast jeden Tag ein Konzert geben, ist es schwierig, Karten zu bekommen. Davon können Konzerthäuser und -veranstalter in Deutschland leider nur träumen.

Auch haben die Los Angeles Philharmoniker wohl eines der beeindruckendsten Konzerthäuser. Eine Illusion aus Edelstahl von Frank Gehry. Wie ein Objekt aus einer andern Welt steht es in dem Wald aus Hochhäusern in Downtown. Von außen wirkt es wie ein fensterloser Bau. Einmal im Inneren, fällt das viele Tageslicht auf. Es kommt durch unzählige Dachfenster, versteckte Balkone und von außen uneinsehbare Lichtschächte. Die Walt-Disney-Concert-Hall ist mit weitem Abstand das spektakulärste Gebäude dieser an spektakulären Gebäuden nicht armen Stadt. Man kann es entweder mit einer geführten Tour entdecken (langweilig), oder sich mit einem Plan und einem hervorragenden Audio-Guide selbst auf den Weg machen. Der „Nachteil“ der Tour auf eigene Faust ist, dass man völlig das Zeitgefühl verliert. Stundenlang erkunden wir jede Rundung, jede Ecke und jeden Lichtschacht dieses „UFO’s“, bleiben in dem dazugehörigen Garten, angelegt in fast 15 Meter Höhe, über einem Freeway hängend, genießen das Grün, das Plätschern des Brunnens.

Eine weitere Kuriosität dieses Konzerthauses ist, dass es im Inneren einen Souvenirladen gibt. Natürlich dreht sich alles um die Philharmoniker und deren Dirigenten. Es gibt aber auch ein knallrotes Plastikpiano für Kinder zwischen einem und drei Jahren. Dass es in einem europäischen Konzerthaus einen Souvenirladen gibt? Eher undenkbar.

Ist die Stadt ein Moloch oder die Reise wert?

Insgesamt waren wir eine Woche in dieser faszinierenden Stadt. Geplant waren 2-3 Tage. Dachten wir doch eher, dass es ein smogverseuchter Riesenmoloch sei, wenig ansprechend, außer Hollywood nichts Besonderes, zu erleben. Weit gefehlt. Lässt man sich auf die Stadt ein, belohnt sie einen. Aber dafür braucht man Zeit. Und manchmal Nerven. Los Angeles hat nicht das klassische Stadtbild. Es gibt kein klassisches Zentrum, von dem sich alles irgendwie sternförmig ausdehnt. Nein, ein Zentrum gibt es hier nicht. Eher viele verschiedene Zentren. Zu sehen gibt es unheimlich viel. Und da alles so wahnsinnig weit auseinander liegt, sieht man auf dem Weg von hier nach dort nebenbei auch noch viele Ecken und Kanten der Stadt, die einem sonst sicher verborgen geblieben wären.

Auf unserer imaginären Liste der Orte, an denen wir uns vorstellen könnten zu bleiben, gibt es einen Neuzugang: Los Angeles, die Stadt der Engel!

 

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