Highway No. 1

Links und rechts der Straße!

21.09.2008 – 05.10.2008

USA: NAPA VALLEY UND BIG SUR

„In vino veritas“. Auf einer Länge von 56 km und einer maximalen Breite von etwa 4 km finden sich laut der offiziellen Homepage der im Napa Valley ansässigen Weinbauern 330 Weingüter. Das sollte reichen, um die „Wahrheit“ zu finden. „Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz entdeckte, brachte er den Göttern hundert Ochsen dar. Seitdem zittern die Ochsen, so oft eine neue Wahrheit ans Licht kommt.“ (Ludwig Börne (1786-1837), dt. Schriftsteller u. Kritiker). Ochsen werden wir sicher keine opfern, höchstens den einen oder anderen klaren Kopf.

Die wilden 70er: Napa goes Paris

Ob Dionysos es in seinem Weinfass sitzend und philosophierend vorhergesehen hätte? Unwahrscheinlich, war die damalige Welt doch noch sehr klein und die Erde eine Scheibe und Amerika terra incognita. Heute, im 21. Jahrhundert, besteht kein Zweifel daran, dass die Erde groß und rund ist, Amerika existiert und einige der besten Weine weltweit aus dem Napa Valley kommen. Das mit dem Wein ist aber nicht immer so gewesen. Das sollte sich, salopp gesprochen, im Handumdrehen, nicht einmal sehenden Auges ändern. Im Blindflug in eine neue Ära. Sozusagen. Irgendwie.

Frankreich, einst stolze, mächtige und den Reichtum seiner Kolonien genießende Großmacht blieb nach deren Verlust (insbesondere Vietnam und Algerien) nur noch die inzwischen per Gesetz von Anglizismen bereinigte Sprache. Und Wein. Viel Wein und guter, sehr guter Wein. Das wussten nicht nur die Franzosen, nein, die ganze Welt wusste es. Frankreich ist das Mutterland des Weines.

Dann kamen die wilden 70er-Jahre. Es fing mit dem Schulmädchen-Report 1970 an, Willy Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis, 1972 kamen die Olympischen Spiele nach München, 1974 stolperten Richard Nixon und Willy Brandt über ihre Affären (Watergate bzw. Guillaume) und schließlich der 24. Mai 1976. Der letzte Tag; ein Schock, eine Bastion gefallen. Das Ende der französischen Weinvormacht. Dabei fing alles so friedlich und optimistisch (für die Franzosen) an, an jenem 24. Mai 1976. Steven Spurrier, ein englischer Weingroßhändler, organisierte eine Blindverkostung von je 10 Rot- und Weißweinen. Diese Weine stammten entweder aus Frankreich oder eben aus dem Napa Valley. Die siegessicheren Franzosen verließen sich ganz auf ihre sensiblen Nasen und Gaumen, um die jeweiligen „Könige“ zu küren. Und dann der Schock: in beiden Kategorien gewannen Weine aus dem Napa Valley! Aus dem Land der BigMacs und Pommes Frites sollten nun also die besten Weine der Welt kommen? Unmöglich. Die Vorstellung unerträglich; ungläubig und in Schockstarre bestanden die Franzosen auf einer zweiten Verkostung, wieder blind. Und abermals gewannen die Weine aus dem Napa Valley. Der Untergang des Abendlandes lag in 10 Gläsern. Ein Komplott der Amerikaner auf die französische Vormachtstellung in Sachen Wein.

In der Kategorie der Rotweine gewann ein Cabernet Sauvignon, Jahrgang 1973, der Stag’s Leap Wine Cellars, bei den Weißweinen war es der Chardonnay (ebenfalls Jahrgang 1973) von Chateau Montelena (der Weinmeister Miljenko – genannt Mike – Grgich sollte später, 1977, die Grgich Estates gründen). Bemerkenswert ist ebenfalls, dass der Chardonnay damals schon auf organische Weise angebaut, geerntet und gekeltert wurde. Der einzige Reporter vor Ort war dann auch noch ein amerikanischer, George Taber vom Time Magazine. Und da das Time Magazine ja nun bekanntermaßen kein Provinzblättchen ist, war es für Taber ein Leichtes und Erfreuliches, den unerwarteten Erfolg in die Welt hinauszutragen. Steven Spurrier wurde dafür als „Strafe“ für ein Jahr von allen öffentlichen Verkostungen auf französischem Boden ausgeschlossen.

Manchmal wiederholt sich die Geschichte. Zum 10- und zum 30-jährigen Jubiläum der 1976er-Verkostung traten jeweils wieder französische und amerikanische (Napa Valley) Weine gegeneinander an. Und bei beiden Tastings gewannen die kalifornischen Weine wiederholt und haushoch. Ein Mythos war somit entzaubert, und der Siegeszug von Weinen aus dem Napa Valley war nicht mehr zu stoppen.

Unterwegs im Namen des Bacchus

Das Napa Valley liegt knappe 80 km nord-östlich von San Francisco und ist somit eigentlich nur einen Katzensprung entfernt. In Wirklichkeit taucht man ein paar Kilometer landeinwärts in eine komplett andere und neue Welt ein. Die Bergkette der Sonoma Moutains schirmt sowohl das Sonoma Valley als auch das Napa Valley von den feuchten, kalten und stürmischen Pazifikausläufern ab. Für uns bedeutet dies das erste Mal auf unserer Reise Sonne und wirkliche Hitze. Voller Freude und Begeisterung kramen wir aus den Tiefen der Taschen und Schränke wieder T-Shirts und kurze Hosen hervor und, ja, und genießen es einfach. Kein Wölkchen am Himmel, Sonne satt und hemmungsloses Schwitzen.

Wie eingangs erwähnt, ist das Napa Valley in seiner Größe eher überschaubar und es gibt eigentlich auch nur zwei das Tal durchziehende Straßen: den Highway 29 und den Silverado Trail, beide gesäumt von Weingütern. Von San Francisco kommend erscheint es uns wie die Verwandlung eines Landes; die Hügel sanft, fast toskanisch, das Gras braun und ausgetrocknet. Oleanderbüsche säumen die Straßen und wirken in ihrer Farbenpracht wie Lametta an einem ausgetrockneten Christbaum. Hier sitzen die Menschen in Straßencafés, ein Glas Wein, was auch sonst, in der Hand und genießen das Leben. Sofort fällt uns auf, dass es im Napa Valley KEINE Fastfood-Ketten gibt. Diesem Umstand ist es wahrscheinlich auch zu verdanken, dass sich hier nicht ein Wohnmobil an das andere reiht. Camper sind hier nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Wahrscheinlich würden Camper Joe und Judy hier schlicht verhungern, wenn auch nicht verdursten.

Im Sinne der Veritas-Findung machen wir uns auf, Weingüter zu besichtigen und deren Rebsäfte zu probieren. Bei über 300 Weingütern ist es nicht gerade einfach, eine Auswahl zu treffen. Zahlreiche Weingüter bieten Touren und/oder Tastings nur nach vorheriger Anmeldung an, andere sind gar nicht zu besichtigen. Wieder andere sind immer und für jeden geöffnet. An eben diesen Weingütern herrscht dann auch der größte Trubel, sie wirken eher wie kostenlose Besäufnisanstalten, und wehe, man kauft nichts im Souvenirshop. Wir sind fast schon positiv überrascht, nicht Bacchus (nach dem griechischen Gott Dionysos), den römischen Gott des Weines, mit einer amerikanischen Flagge in der Hand zu finden.

Unsere Weingütertour ist dann auch eine Mischung aus den beiden ersten Optionen. Wir beginnen mit Trefethen Vineyards. Ursprünglich bereits 1886 gebaut, erlebte das Weingut ab 1968 seinen zweiten Frühling. Warum? Viele ältere Herrschaften kauften sich in diesen Jahren ein Weingut im Napa Valley, um hier die Rente sonnig und warm zu genießen. Doch schon bald, vom Nicht-so-viel-Tun gelangweilt, fingen die Trefethens an, das Weingut zu restaurieren und neu zu bepflanzen. Der Jahrgang 1973 war der erste dieses Weingutes, und 1979 gewann dann der 1973er Chardonnay bei dem Gault-Millau-Blindtasting in Paris den ersten Preis. Aus war es mit der geruhsamen Rente, auf ging es in ein neues und unbekanntes Wagnis. Mit Erfolg, wie man heute weiß, ist es doch das mit weitem Abstand größte Weingut des Tals. Die Tour ist wirklich interessant, und man lernt noch eine ganze Menge dazu. Absolut empfehlenswert, ebenso die Weine!

Um die gewonnene Weisheit wieder „aufzuweichen“, kehren wir in die immer überfüllte und beliebte Oakville Grocery ein. Diese Grocery ist ein echter Klassiker und bietet alle Leckereien des Tals an. Von Wein über Gemüse, Obst und Sandwiches. Sandwiches sind auch der eigentliche Grund für die zahlreichen Besucher. Und diese Sandwiches sind so lecker, dass es die Warterei von knapp 40 Minuten allemal wert ist. Mit dem Sandwich bewaffnet, suchen wir uns einen schattigen Platz im dazugehörigen Garten und müssen aufpassen, nicht einfach die Füße auszustrecken und einzuschlafen.

Weinanbau – mystisch und gnostisch

Gestärkt geht es weiter. Die Grgich Estates warten darauf, von uns „probiert“ zu werden. Ja, das ist das Weingut, von dem der Sieger-Chardonnay des legendären 1976er-Tastings kam. Heute ist das Weingut das einzige des Tals, das seine Weine nach den Lehren Rudolf Steiners anbaut, nämlich biologisch-dynamisch.
Aber was ist biologisch-dynamisch eigentlich? Demeter definiert es folgendermaßen: „Biologisch-dynamische Bauern arbeiten zusammen mit den in der Natur und in den Präparaten enthaltenen Kräften. Sie nutzen diese Energien zur Bodenverbesserung und Qualitätssteigerung. So etwa die positiven Wirkungen aus den wechselnden Stellungen von Sonne, Mond und Planeten zueinander.“

Diese Art und Weise der Landwirtschaft ist in Amerika noch weitestgehend unbekannt und stellt für das Weingut ein nicht unbedeutendes Alleinstellungsmerkmal dar. Bei unseren Recherchen, was der Philosophie Steiners zu Grunde liegt, stießen wir auf folgende Aussage: „Er (Rudolf Steiner) begründete die Anthroposophie, eine gnostische Weltanschauung (die materielle Welt wird als böse Schöpfung betrachtet), die an die christliche Theosophie (eine Spielart der Mystik), das Rosenkreuzertum (Rosenkreuzer nennt man die Mitglieder einer geheimen, mystischen Gesellschaft) und die idealistische Philosophie (bezeichnet in der Philosophie unterschiedliche Strömungen, die gemein haben, dass in ihren Augen das eigentlich Wirkliche die Ideen sind; was wir wahrnehmen, seien nur Abbilder davon) anschließt und zu den neumystischen Einheitskonzeptionen (Menschen als Götter der Erde) der Zeit um 1900 gezählt wird.“

So, jetzt wissen wir es, und da sage noch einer, dass Reisen nicht bildet! Und im Sinne Gerhard Schröders: Basta! Nach diesem kurzen Ausritt in die Spiritualität und Mystik zurück ins Napa Valley. Als Nächstes steuern wir unser Highlight an, das Weingut Frog’s Leap. Es fing alles ganz unbedeutend an. Wir waren vor einigen Monaten essen und bestellten den Wein eigentlich nur des netten Namens wegen. Dass er dann jedoch so lecker sein würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Inzwischen ist er irgendwie unser Lieblingswein geworden, und so mussten wir natürlich unbedingt auf das dazugehörige Weingut. Leider waren alle geführten Touren auf Wochen hin ausgebucht, aber auch ohne Führung durften wir uns umschauen und Wein verkosten.

Ein paar Weingüter später lassen wir den Tag ruhig ausklingen, liegen faul in der untergehenden Sonne und denken uns: “in vino veritas, in aqua sanitas”. Morgen werden wir wieder „gesund“. Wir genießen noch ein paar Tage im Napa Valley und wollen eigentlich gar nicht weiter, ist es doch so schön hier!

Highway No. 1: Kürbisse, Nebel und surfende Prinzen

Wir verlassen das Napa Valley in süd-westlicher Richtung, fahren noch einmal über die Golden Gate Bridge und stoßen auf den legendären Abschnitt des Highway No. 1. Von San Francisco geht es über die „1“ immer am Meer entlang bis L.A. Unser Iwanowski’s-Reiseführer sagt über die Strecke: „Sie setzt die Dramatik der Nordküste fort, dafür aber bei fast immer schönem Wetter.“ Die Betonung liegt hier und für uns im Speziellen auf dem kleinen Wörtchen „fast“. Es heißt zwar „it never rains in southern California“, was es auch nicht tut, dafür ist an diesem Tag die gesamte Küste in dichten, undurchdringlichen Nebel gehüllt. Spektakuläre Ausblicke bieten sich nur selten, und so schauen wir uns halt die bunten, sonnigen Bilder im Reiseführer an und versuchen, die Schönheit durch den Nebel zu sehen. Vergebens.

Entlang der Nummer 1, direkt südlich von San Francisco, ist die Artischocken-,Weißkohl- und Kürbiskammer der Stadt. Wir passieren unzählige Kürbisfarmen, orangefarbene Punkte im Grün verraten die Lage dieser Gemüsemonster. Fast jede Farm hat auch gleich einen „Kürbis-Take-Away“. Dies muss man sich wie einen riesigen Kürbissupermarkt vorstellen, ein Meer aus Orange. In allen Größen, Formen und auch Farben sind die Kürbisse hier gestapelt, ausgestellt und „ready to go“.

Erste Station auf der Fahrt ist der kleine Ort Santa Cruz, Mekka der Surfer. Wo die alle waren, als wir dort weilten, gute Frage! Santa Cruz war der Ort in Kalifornien, an dem zuerst Wagemutige auf Holzbrettern die Wellen ritten und bezwangen. Diese Wagemutigen waren im Jahre 1885 blauen Blutes, namentlich Prinz Edward, Prinz David und Prinz Jonah Kalaniana’ole, Abkömmlinge des edlen Geschlechtes Kalākaua. Das Haus Kalākaua war das blaue Blut Hawaiis und hatte somit einen König, Prinzen und alles was dazu gehört. Die drei jungen Prinzen waren es also, die auf unförmigen Brettern aus Redwoodholz auf den Wellen ritten und somit einen Boom sonder gleichen auslösten. Auch heute ist Santa Cruz noch ein echtes Mekka der Surfer, und ein kleines, fast immer geschlossenes Museum, das Santa-Cruz-Surfing-Museum, erinnert an die Wurzeln. Auch war Santa Cruz früher der bedeutendste Ferienort in ganz Nordkalifornien.

Das Erdbeben von 1989 richtete erhebliche Schäden in Santa Cruz an, lag das Epizentrum doch nur 16 km nordöstlich der Stadt. Eine Besonderheit dieses Erdbebens war jedoch auch, dass es das erste große Erdbeben war, das live im Fernsehen übertragen wurde. Der Grund hierfür ist nicht die Sensationsgier oder die Sucht nach Katastrophen-TV, sondern dass genau während des Erbebens das Major-League-Baseball-Spiel der Oakland-Athletics und der San Francisco-Giants live übertragen wurde. Dass beide Mannschaften aus der Bay-Area um San Francisco kamen und diese Gebiete auch stark von dem Erdbeben betroffen waren, ist ein bizarrer Zufall.

Durch ausgedehnte Artischockenfelder geht es entlang der Küste weiter nach Monterey. Auch wenn heute nicht mehr viel darauf hindeutet, hat Monterey einen wichtigen Platz in der kalifornischen Geschichte und der Literatur. Im Jahre 1602 landete der Spanier Sebastian Vizcaino hier in Monterey und nannte die Gegend nach dem damaligen Vizekönig Spaniens, dem Grafen von Monte Rey. Hiermit proklamierte er gleichzeitig Kalifornien als spanisches Eigentum. 1821, nach dem mexikanischen Unabhängigkeitskrieg (Ablösung Mexikos von Spanien), wurde Kalifornien die nördlichste, jedoch unabhängige Republik Mexikos. Am 9. September 1850 wurde der amerikanischen Flagge ein Sternchen mehr hinzugefügt, und Kalifornien war amerikanisch. Bis zu diesem Tag war das Städtchen Monterey Hauptstadt der kurzlebigen „Republik Kalifornien“.

Literarische Berühmtheit erlangte Monterey durch den Literaturnobelpreisträger (1962) John Steinbeck. Steinbeck war Sohn deutscher und irischer Einwanderer und lebte fast sein ganzes Leben in und um Monterey. Sein 1945 erschienener Roman „Die Straße der Ölsardinen“ beschreibt das Leben und Leiden der Arbeiter in den Konservenbüchsenfabriken entlang der Cannery Row: „Cannery Row – in Monterey, Kalifornien, zusammen- und auseinander geschleudert – besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll mit Kram, aus Lagerhallen und faulen Fischen. Und die Bewohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.“ Schon lange werden wegen Überfischung in Monterey keine Sardinen mehr angelandet und in Konserven verpackt. Heute ist Cannery Row eine Ansammlung vieler bunter und lärmender Souvenirläden. Der Charme der 40er-Jahre ist längst mit strahlendem Edelstahl und frischen Anstrich vergessen gemacht.

In Carmel-by-the-Sea, einem malerischen kleinem Örtchen machen wir Mittagspause und essen bei Clint Eastwood. Kein Scherz. Im Mission-Ranch-Restaurant, das Clint Eastwood gehört, essen wir eine Kleinigkeit zu Mittag. Aber persönlich war „Mr. Colt“ leider nicht da, weder im Service noch in der Küche. Egal, geschmeckt hat es trotzdem. Um den Charme des Städtchens zu erhalten, haben sich die Stadtväter so einiges Bizarres einfallen lassen: Frauen in High heels dürfen die Stadt nicht verklagen, sollten sie mit den Stöckeln zwischen den Pflastersteinen hängen bleiben, stürzen und sich verletzen. Auch dürfen Eisverkäufer ihr Eis nur in Bechern, jedoch nicht in der Waffel verkaufen. Kinder könnten die Waffel ja fallen lassen, und dann wären unansehnliche Flecken am schönen Boden (als ob ein Kind nicht auch einen Becher fallen lassen könnte). Was allerdings passieren würde, wenn eine Dame in High heels stolperte, das von ihr soeben erworbene Eis samt Becher auf den Boden fiele, somit eine hässliche Pfütze hinterließe und ein weiteres Individuum, bis dahin unschuldig, in dem Eis ausrutschte, zu Boden ginge und sich alles bräche? Fragen über Fragen und keine Antworten.

Big Sur, eine zweispurige Achterbahn

Die nun folgenden knapp 160 km bis Morro Bay sind einfach nur atemberaubend. Big Sur. Der große Süden (big = englisch für groß und sur = spanisch für Süden). Big Sur zu beschreiben ist schwer: von „the most spectacular drive in the States“ (Fodor’s) über „dieser Abschnitt gehört zu den dramatischsten der kalifornischen Küste“ (Iwanowskis Reiseführer) bis zu „legendär“ (DuMont) reichen die Beschreibungen. Keine davon wird jedoch der Realität gerecht.

Die Straße windet sich in haarsträubend engen Kurven, einer zweispurigen Achterbahn gleich, entlang der Küste. Hoch, sehr hoch über dem tosenden und wilden Pazifik fährt man stets knapp am Abgrund, die nächste Kurve immer im Visier. Der Blick nach rechts geht ins Leere, nichts außer Wasser, bis zum Horizont, bis nach Japan. Würden wir hier hinunterstürzen, hätten wir sicher das erste fahrende und fliegende Camping-U-Boot der Welt. Und ein schmuckes Wassergrab. Links dagegen nichts als Fels. Eine Felswand, senkrecht nach oben. Man muss sich schon arg weit aus dem Fenster lehnen, den Kopf akrobatisch und unter Überdehnung aller Muskeln verdrehen, um den Himmel überhaupt erspähen zu können. Die Santa-Lucia-Mountains steigen so steil vom Meer her auf, dass es fast schon surreal wirkt, in diese unwegsame Gegend überhaupt eine Straße zu bauen. Jährlich zieht es Heerscharen von Touristen an diesen Abschnitt der Küste, und Big Sur ist wohl auch jener Teil des Highway No. 1, der dessen Mythos und Einzigartigkeit begründet. Alle paar hundert Meter kann man (und muss man) stehen bleiben, den Ausblick genießen. Dieser ist jedes Mal anders, aber immer spektakulär.

Schnell waren wir mit unserm Laster ja noch nie, aber jetzt geht es noch langsamer vorwärts. Rasen geht hier aus zweierlei Gründen nicht: erstens lässt es die Straße gar nicht zu, außer man hat einen „Flach-wie-Flunder-Sportwagen“, und zweitens sind die Ausblicke herrlich! Was will man da schon einfach durchbrausen, man würde ja das Schönste verpassen. So lassen wir uns viel Zeit, genießen nach dem Nebel vom Vortag das inzwischen wunderbare Wetter und verstehen den Mythos Highway No. 1.

Dieser Schönheit sind nicht nur wir verfallen. Heute besteht ein (fast) absoluter Baustopp an der Küste, und es dürfen nur noch an bereits bebauten Stellen Häuser um- oder neugebaut werden. Diese Häuser hängen spinnengleich hoch über dem Wasser, manche sind auf langen „Füßen“ über den Abgrund gebaut. Es wirkt, als ob die Gebäude federleicht schweben. Der aktuellen Immobilienkrise wegen sind auch die meisten zu verkaufen…

Ein Märchenschloss auf 1.000 km² Grund

Am südlichen Ende von Big Sur, die Küste ist nun wieder deutlich flacher, liegt der wahr gewordene Traum eines Exzentrikers und Träumers, das Hearst Castle. 1865 erwarb George Hearst hier eine 160 km² große Ranch. Durch weitere Zukäufe stieg die Grundstücksfläche auf sagenhafte 1.000 km² (Berlin im Vergleich ist gerade mal 852 km² groß) an. William Randolph Hearst erbte dieses „Stückchen“ Land von seinem Vater George Hearst und ließ sich auf eben diesem von der renommierten Architektin Julia Morgan im Laufe von 27 Jahren seinen „Palast“ bauen. 115 Zimmer, eigener Zoo mit Tieren aller Kontinente (sogar Eisbären gab es! Nicht vergessen: wir sind in Kalifornien!), die teils frei herumliefen, drei Tennisplätze, einen Außenpool – den Neptun Pool – nach römischem Vorbild von den Ausmaßen eines heutigen Fußballfeldes, einen Innenpool und noch so einiges.

Hearst war ein Sammler. Auf seinen vielen Reisen kaufte er alles, was er auch nur annährend schön fand: Teile einer spanischen Kirchenfassade (heute eingebaut in das Haupthaus), einen französischen Kamin (ca. 12 m hoch), Wandteppiche, Möbel, Türen, antike Zimmerdecken, mindestens zwei antike spanische Chorgestühle, Gläser, Bilder…. Da er bis zum Bau seines Palastes kaum Platz für all diese Schätze hatte und diese in Lagerhallen verstaubten, musste halt einfach das neue Zuhause genug Platz bieten, um all diese Kostbarkeiten unterzubringen.

Eine Einladung auf das Hearst-Castle war zur damaligen Zeit das Non-plus-ultra der Gesellschaft in den 1920ern und 1930ern. Gäste waren unter anderem Charlie Chaplin, Cary Grant, die Marx Brothers, Charles Lindbergh, Joan Crawford, Calvin Coolidge, William P. Clark, Franklin Roosevelt und Winston Churchill. Für die Gäste bestanden strenge Regeln: Tagsüber durfte jeder tun und lassen, was er wollte, aber zum Abendessen in gemeinsamer Runde, mit darauf folgendem Billard- oder Kartenspiel und abschließendem Kinobesuch (es gab selbstverständlich ein Kino, was für eine Frage) musste jeder erscheinen. Erschien man nicht oder benahm sich inadäquat, konnte es schon vorkommen, dass man von Hearst am darauf folgenden Tag mit der Höchststrafe versehen wurde: der Platz am Tischende direkt vor dem großen, geschürten Kamin. Das mag weniger schlimm erscheinen, als es war. Damals trug man zum Abendessen in Gesellschaft noch den guten dunklen Anzug aus Schafswolle, die Krawatte extra eng geschnürt (Mode) und unter dem Anzug feinste Cashmere-Unterwäsche. Schon bei dem bloßen Gedanken daran treibt es einem den Schweiß auf die Stirn. Der betroffener Gast durfte sich natürlich nicht das Geringste anmerken lassen, um nicht endgültig als „unpassend für diese elitäre Runde“ zu erscheinen.

Santa Ynez, eine Überraschung am Wegesrand

Nach diesem „Überfluss“ tut es gut, wieder an die frische Luft zu kommen und weiter an der herrlichen Küste entlang zufahren. Wir beschließen, noch nicht direkt nach Los Angeles zu fahren, sondern lieber noch ein bisschen die Landschaft zu genießen, und machen einen Abstecher in das weithin unbekannte Santa Ynez Valley. Ähnlich dem Napa Valley schmiegen sich die Felder und Äcker an sanfte, leicht bewaldete Hügel, immer wieder durchzogen von Feldern in sattem Grün. Hier ist es so wunderbar, wir bleiben, fahren nicht weiter und nehmen uns einen ganzen Tag, die Umgebung zu erkunden. Wieder stellen wir fest, dass es die Orte abseits des touristischen Pfades sind, an denen man ein Land oder eine Region erst richtig erfahren kann. Auf der Main-Street in Santa Ynez setzen wir uns in ein kleines Café (spätes Frühstück), betrachten die Einheimischen beim Flanieren und Erledigen der täglichen Dinge. Dies sind die Momente, in denen wir einfach sitzen, genießen und uns freuen, jetzt hier, an diesem Ort, in diesem Moment zu sein.

Nicht zu vergessen ist, dass auch aus dem Gebiet um Santa Ynez herrliche Weine kommen. Zwar sind wir nach der Weingütertour im Napa Valley ein bisschen müde, uns weitere anzuschauen; aber auch beim Mittagessen lassen sich ein paar probieren, und wir sind positiv überrascht. Warten wir mal auf eines der nächsten Blind-Tastings in Paris. Vielleicht gibt es ja ein weiteres Mal eine Überraschung. Wer weiß.

Wir lassen uns den ganzen Tag treiben, legen die Straßenkarte aus der Hand und biegen ab, wo es uns gerade gefällt. Zick-Zack. Am Abend erreichen wir Santa Barbara, wo wir ein paar Tage Pause machen, schreiben, lesen, faulenzen, radeln und uns die Sonne auf die immer, dank ungesunder Ernährung, dicker werdenden Bäuche scheinen lassen.

An klaren Tagen kann man die Smogglocke von Los Angeles schon sehen. Das wird unser nächstes großes Ziel sein. Let’s go to Hollywood!

 

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