Die Ostküste

Zurück in den Norden!

15.05.2008 – 23.05.2008

USA: DIE OSTKÜSTE, TEIL 4

Eisbären, wir kommen! Florida liegt hinter uns und wir sind wieder auf dem Weg Richtung Kanada. Vor uns liegt die gesamte Ostküste der USA, und wir sind gespannt, was sie bringen wird. Unser erstes Ziel ist Savannah/Georgia.

Savannah, Forrest Gump und ein Zwicken in der Hose

„Don’t change a thing until I get back“ soll General James Ogelthorpe 1743 kurz vor seiner Abreise nach England zu den Bewohnern von Savannah gesagt haben. Sie hielten sich daran, doch Ogelthorpe kehrte niemals zurück; er verstarb kurz nach seiner Ankunft in England (Pech für ihn, Glück für Savannah). James Ogelthorpe und 120 Kolonialisten waren 1733 bei Yamacraw Bluff am Savannah River gelandet und hatten dort die letzte der ehemals dreizehn englischen Kolonien in der neuen Welt und eben die Stadt Savannah gegründet. Sie war bis zum Sezessionskrieg ein wichtiger Hafen für Baumwolle und gilt heute als eine der schönsten Städte der USA.

Der Altstadtkern ist einer der am besten erhaltenen und größten der USA (6,5 qkm). Schon kurz nach der Gründung waren immer mehr Siedler aus der alten Welt in diese prosperierende Stadt gekommen; hauptsächlich aus England, Irland, Frankreich, Deutschland und Österreich. Dank der Entwicklung des industriellen Baumwollanbaus und dem stetigen Baumwollboom wuchs Savannah schnell, und es entstanden wunderschöne Häuser, die noch heute zusammen mit vielen Bäumen und Plätzen ein malerisches Bild formen. Savannah ist eine lebhafte Stadt, reich an Restaurants, Cafés und Geschichte und Schauplatz vieler bekannter Filme, u. A. wurde hier die Bushaltestelleszene von „Forrest Gump“ gedreht (auch auf dem Cover der DVD oder CD).
Noch heute halten sich die Einwohner Savannahs an die letzten Worte Ogelthorpes, und man kann zwischen einem 1996 und 1876 erbauten Haus von außen keinen Unterschied erkennen!

Wir spazieren durch die malerischen Straßen, bewundern die Architektur und fühlen uns manchmal fast ein bisschen in die 1870er Jahre zurück versetzt. Wir vergessen die Zeit und haben so nur noch für die Besichtigung eines Hauses Zeit: das Telfair’s Owens-Thomas Haus. Dieses Haus wurde zwischen 1816 und 1819 erbaut und war für die damalige Zeit mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattet: fließend Wasser, Toiletten (beides auch in den oberen Stockwerken) und ein Abwassersystem, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das Weiße Haus in Washington hatte.

Der Lage am Fluss ist eine architektonische Besonderheit zu verdanken: der Factors Walk. Dies sind zahlreiche eiserne Brücken, Stege und Trassen, die die an den zum Fluss hin abfallenden Hang gebauten Gebäude und Lagerhallen verbinden. Von diesen Stegen konnten die Eigentümer gemütlich die Verladung der angelandeten Güter beobachten und sicherstellen, dass keiner ihrer Angestellten ein bisschen mehr als bezahlt dem einen oder anderen Freund auf den Wagen legte. Kontrolle mit Aussicht!

Zudem findet man in Savannah ein komisches, von den Bäumen hängendes, trockenes Kraut – es hängt an fast jedem Baum! Bei diesem „Kraut“ handelt es sich nicht etwa um ein parasitäres Gewächs, sondern um „Spanish Moss“. Dieses „Spanish Moss“ ist mit der Ananas verwandt (sieht man überhaupt nicht) und benötigt zum Wachsen eine durchschnittliche Luftfeuchtigkeit von 70%. Früher hat man dieses „Kraut“ zum Stopfen von Kissen und Polstern benutzt, nicht wissend, dass es Heimat unzähliger winziger Käfer und Flöhe ist. Das in den USA sehr bekannte Gute-Nacht-Sprichwort “Good night, sleep tight, don’t let the bed bugs bite” ist wohl auf dieses Moos, mit dem Kissen und Matratzen gestopft waren, zurückzuführen, ebenso wie die wohl erste große Rückrufaktion der Automobilgeschichte: Henry Ford ließ, um Kosten zu sparen, die Polster seiner Ford T Modelle (auch Tin Lizzie, dt. Blechliesel genannt) damit füttern. Es dauerte nicht lange, bis sich die Käufer bei Ford meldeten und sich über ein Zwicken in der Hose beschwerten….

Charleston, Soft Shell Crabs und ein wunderschöner Sonnenaufgang

Wir fahren weiter nach Charleston/South Carolina. Charleston wurde 1670 gegründet und nach dem englischen König Karl II. Charles Town benannt. Mit knapp 1.200 Einwohnern war Charleston um 1690 die fünftgrößte Stadt in Nordamerika und eine der wichtigsten Drehscheiben für den internationalen Sklavenhandel. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges (1775 bis 1783) begann der wirtschaftliche Abstieg der Stadt und eben diesem Abstieg und der daraus resultierenden Armut ist es zu verdanken, dass Charleston heute so gut erhalten ist; die Leute hatten einfach kein Geld für neue Häuser und machten somit das Beste aus dem Vorhandenen. Heute gilt die Stadt als ein nordamerikanisches Architektur-Juwel.

Im Gegensatz zu Savannah ist Charleston touristisch vollkommen erschlossen, und es ist einem kaum möglich, dem Trubel aus dem Weg zu gehen. In manchen, mit schönen alten Häusern des 18. Jhs. gesäumten Strassen kommt es regelrecht zu einem Kutschen – und Sightseeingbus-Stau. Erschöpft und genervt von den Massen konnten wir trotz aller Schönheit keinen wirklichen Draht zu dieser Stadt entwickeln (insbesondere nach dem so wunderbaren Savannah) und waren froh, am nächsten Tag weiterzukommen. Zu allem Überdruss sind wir bei der Fahrt nach Charleston wohl irgendwie durch einen in einem Baum befindlichen Ameisenhaufen (ja, so was scheint es hier zu geben!) gefahren und sind eine gute Zeit damit beschäftigt, die Viecher wieder aus und von Knut zu kehren.

Charleston liegt hinter uns und vor uns eine mittelgroße Etappe bis Beaufort/North Carolina. Auf der Fahrt erleben wir unsere erste Polizeikontrolle (hat aber eh lange gedauert). Wir fragen uns heute noch, wie wir wohl bei der Frage, ob dies ein Militärfahrzeug des dänischen Militärs sei, geschaut haben. Dänisch? Das „D“ hinten auf dem Auto stehe doch für Dänemark, meinte der Officer. Aber nein doch, das „D“ steht für „Germany“ and „Germany“ aud Deutsch ist Deutschland und daher das „D“ und nicht etwa „G“. Nun, nach einem netten Plausch und der obligatorischen Kontrolle aller unsere Papiere wird uns mitgeteilt, dass wir nichts falsch gemacht hätten (mit Knut kann man auch wirklich nicht zu schnell fahren), das sei halt ein komisches Vehikel und an so was sei man hier nicht gewohnt. Aha! Da schaut man doch lieber mal nach; wir könnten ja auch Invasoren einer fremden Macht sein…

Über das Städtchen Beaufort gibt es nicht viel zu berichten, außer dass es eine wirklich nette kleine Hafenstadt ist und man dort vorzüglich Soft-Shell-Crabs essen kann. Dies sind Meereskrabben, die einmal im Jahr, ähnlich wie Schlangen, ihren Panzer ablegen (um dann einen neuen, größeren anzulegen, bzw. anwachsen zu lassen). Da die Tierchen dann keinen Panzer haben, kann man sie im Ganzen braten, grillen oder frittieren. Schmeckt köstlich.
Wir sind nach Beaufort gekommen, da es ein wunderbarer Ausgangspunkt für die Fähre auf die Outer Banks ist, die am nächsten Morgen um 7 Uhr auf Cedar Island (75 Minuten von Beaufort entfernt) ablegen soll. Wir stehen um 4:30 Uhr auf…

Die Outer Banks und ein Doppeldeckergleitapparat

Die Fahrt nach Cedar Island führt über – sogar im amerikanischen Sinn – kleine Straßen und in einen herrlichen Sonnenaufgang. Bisher hatten wir nur Sonnenuntergänge gesehen; wen wundert’s.
Gerade sitzen wir so gemütlich im Knut, schauen zum Fenster raus, warten, dass wir auf die Fähre dürfen, als ein „Seid Ihr echt aus München?“ aus den Träumen reißt. Äh, ja, aus München. Hinter uns steht ein Paar aus Wolfratshausen (ca. 35 km vor München und Wohnort des Europabeauftragten für Bürokratieabbau Edmund -Edi- Stoiber). Die beiden haben uns wohl schon einmal in der Nähe von Miami überholt und meinen, dass wir mit so einem Ding ja auch nicht zu übersehen seien. Stimmt!

Pünktlich stechen wir in See Richtung Ocracoke, eine 22 km lange und die südlichste der mit dem Auto erreichbaren Inseln der Outer Banks. Die Sonne scheint, und es tut gut, vorwärts zu kommen, ohne selbst etwas machen zu müssen. Wir lassen uns die frische Meeresluft um die Nasen wehen und nutzen die 2 ½ Stunden, das Auto auf- und umzuräumen.

Die Outer Banks, insgesamt fünf Inseln, erstrecken sich vom Norden North Carolinas (an der Grenze zu Virginia) über eine Länge von 160 km in Richtung Süden. Die Inseln liegen bis zu 50 km vor der Küste und haben teilweise nur eine Inselbreite von unter 200 m. Diese exponierte Lage stellt bei Hurrikanen eine große Gefahr dar. Der Hurrikan Isabel fegte 2003 über die Insel Hatteras hinweg und teilte sie praktisch in zwei Teile. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, die US Army kam und flickte die Inselteile wieder zusammen.

Ocracoke Island ist Schönheit, Ruhe und Natur pur. Wir finden einen der schönsten Strände in unserem Leben überhaupt bisher. Der Vorteil von Ocracoke Island ist (von Süden her kommend), dass alle, mit denen man gerade noch auf der Fähre war, ganz schnell über die Insel rauschen, um 20 km später gleich wieder die nächste Fähre nach Hatteras Island zu erwischen. Im Gegensatz zu der Cedar Island – Ocracoke Fähre braucht man dort keine Reservierung, also möchte jeder der erste sein. Hat für uns also den Vorteil, dass wir fast die gesamte Insel für uns alleine haben. Denn ob wir die erste, zweite oder auch fünfte Fähre schaffen – egal, wir haben ja Zeit! Nach ein paar Kilometern parken wir im Sand, klettern über eine Düne, und vor uns öffnet sich zu beiden Seiten ein unglaublich schöner, breiter und absolut menschenleerer Strand. Mit offenem Mund stehen wir da, genießen, ziehen uns ganz schnell die Schuhe aus und laufen los. In den Sand. Ins Wasser. Überall hin. Dies ist wieder so ein Moment, in dem wir all die Strapazen und/oder Ärgernisse einer solchen Reise vergessen und wissen, dass allein schon dieser eine die ganze(n) Mühe(n) wert war. Die Einsamkeit, das Meeresrauschen und die betörende Schönheit des Ortes und des Momentes geben uns ein Gefühl vollkommenen Glücks. Für eine kurze Zeit ist dieser Ort unser Himmel auf Erden.

Nur schwer können wir uns von diesem magischen Platz lösen und fahren weiter. Kurz drauf kommen auch wir zu der zweiten (und letzten) Fähre auf den Outer Banks, reihen uns ein in die Schlange wartender Fahrzeuge und genießen noch den Sand an unseren Füßen. Über die Outer Banks und ihre Schönheit gäbe es noch viel zu schreiben. Nur soviel: so schön wie auf Ocracoke Island ist es dann nirgendwo mehr. Je weiter man nach Norden kommt, desto mehr nimmt die Bebauung zu und manchmal muss man schon suchen, um überhaupt einen Zugang zum Strand zu finden. Oft kann man zwar unter den Häusern hinweg (viele der Häuser stehen auf zum Teil fast 10 m hohen Stelzen, um von einer Sturmflut nicht einfach in ein „Hausboot“ umgewandelt zu werden) auf das Meer schauen, aber halt nur schauen.

Die beiden Orte Kitty Hawk und Devil Hills hatten (und tun es wahrscheinlich noch heute) über ihren Platz in den Geschichtsbüchern gestritten. Warum? Ab Oktober 1900 erprobten die Brüder Wilbur und Orville Wright auf einem eigens gekauften Grundstück bei Kitty Hawk ihre Fluggeräte. Am 17. Dezember 1903 war es dann endlich so weit: Orville Wright hob mit dem „Flyer“ ab. Sein 12 Sekunden dauernder Flug brachte ihn exakt 37 m weit. Da brüderlich geteilt (und eventuell auch gelitten wurde), war als nächster Wilbur an der Reihe. Er war es, der nun Geschichte schrieb: ihm gelang der erste nennenswerte motorisierte Flug der Geschichte. In 59 Sekunden flog er 260 Meter (ø 19 km/h) weit. Der „Flyer“, ein Doppeldecker, hatte eine Spannweite von 12,3 m, war 6,4 m lang, 2,8 m hoch und ca. 350 kg schwer. In dieser Konstruktion aus Holz und Stoff lag der Pilot auf der unteren Tragfläche und steuerte. Kaum zu glauben, dass keine 70 Jahre (1969) später der erste Mensch auf dem Mond landete und keine weiteren 10 Jahre später die Concorde mit einer maximalen Reisegeschwindigkeit von 2.330 km/h ihren Liniendienst aufnahm.

Viel Geschichte, ein Kuhkarren und warum Washington viel, aber eben nicht alles ist

Von den Outer Banks geht es weiter Richtung Norden. Wir machen Station in Williamsburg/Virginia, genauer gesagt in Colonial Williamsburg. Angekommen sind wir erst zu später Stunde, und bei Nacht betrachtet sah es dort auch sehr romantisch und schön aus. Bei Nacht. Tags ändert sich das Bild schlagartig. Colonial Williamsburg ist zwar eine Stadt, in der echte, reale Menschen leben, bevölkert wird sie aber nur von kostümierten Statisten. Der eine reitet auf einem Kuhkarren die Straße runter, der andere versucht einem Bonbons „made like 1750“ zu verkaufen. Colonial Williamsburg ist eher ein riesiges Freilichtmuseum als eine Stadt. Da die USA ja nun nicht gerade ein Land langer Kultur sind, wird alles, was historischer als 1970 ist, als amerikanisches Kulturgut vermarktet. Nun gut, jetzt sind wir da und schauen uns auch um, vielleicht ist es ja schöner, wie unsere Gehässigkeit es scheinen lassen mag. In einem der zahlreichen historischen Häuser ist das Ticket Office untergebracht. Man kann hier zwischen einem Tagespass, einem Jahrespass (der hier „Freedom Pass“ heißt) oder sogar einem Zweijahrespass (hier „Freedom and Liberty Pass“) wählen. Wir nehmen den Tagespass – Freedom of Choice – und machen uns auf den Weg.

Williamsburg war zwischen 1699 und 1780 die Hauptstadt Virginias und eine der loyalsten Kolonien Englands. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs (bekanntermaßen haben die Engländer verloren) ging es wirtschaftlich und sozial bergab mit Williamsburg. Ähnlich wie die Stadt Charleston hat auch Williamsburg viele seiner erhaltenen Gebäude der damaligen Armut der Bevölkerung zu verdanken, die schlicht und ergreifend kein Geld für neue Häuser hatte. Somit ist auch hier sehr viel erhalten geblieben. Williamsburgs Dornröschenschlaf dauerte fast 140 Jahre. 1926 gilt als das Jahr der Wiederbelebung Williamsburgs. Zu verdanken ist dies John D. Rockefeller, der ein riesiges Renovierungs- und Restaurierungsprogramm initiierte. Heute sind alle Häuser tiptop renoviert (oder neu aufgebaut) und alle Mitarbeiter sind in koloniale Kostümen gekleidet. Man kann Bäckern beim Backen oder Gärtnern beim Ernten von Gemüse zusehen. an dieser Stelle darf man nicht vergessen zu erwähnen, dass sowohl Eltern als auch Kinder diese Vorführungen so begeistert verfolgen, weil sich ihnen jetzt die Frage aufdrängt, wie das alles in die Dose und letztendlich in den Supermarkt gelangt. Dies mag boshaft klingen, aber die eine oder andere im Vorbeigehen aufgeschnappte Frage der heranwachsenden Generation lässt keinen anderen Rückschluss zu.

Wir spazieren eine Weile durch die Stadt und finden einen dem Governor’s Palace zugehörigen wunderbaren und ruhigen Park. Wir genießen das frische Grün der Bäume und das Plätschern kleiner Bäche.

Nach so viel gelebter und durchlebter „Geschichte“ freuen wir uns auf Washington, D.C. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Hauptstadt der USA. Bereits von der Autobahn können wir einen Blick auf das Pentagon erhaschen. Da auch diese Stadt im Schachbrettmuster angelegt ist, finden wir uns schnell zurecht und sogar für Knut ohne Probleme einen Parkplatz (so einfach war es noch nie: an Schranke fahren, Ticket ziehen, parken und fertig – nicht vergessen, wir reisen mit einem Laster). Wie so oft und gerne machen wir zu Beginn eine Bustour durch die Stadt. Diesmal sogar in einem originalen, alten London Double-Decker ohne Dach. Im Prospekt wird darauf hingewiesen, dass der Bus aus London ist und eine ca. 3.500 Meilen lange Anreise hatte. Die alten, ausrangierten Busse müssen ein wirklich gutes Geschäft für die Londoner Stadtbetriebe sein, ein so gutes, dass die Londoner den zweiten Gang einfach als Ersatzteillager behalten haben. Im Schritttempo geht es durch die Stadt, regelmäßig werden wir von den Konkurrenzbussen überholt und von deren Gästen mit einem Lächeln im Vorbeifahren gewürdigt. Wir hätten auch gelächelt – wenn wir in dem anderen Bus gesessen hätten. Nach gut 2 ½ Stunden (laut Programm dauert die Tour 90 Minuten) sind wir wieder am Ausgangspunkt.

Nächster Tag, neues Glück. Lassen wir uns überraschen. Energiegeladen und voller Tatendrang starten wir unseren Tag am Lincoln Memorial. Das Denkmal wurde 1914 errichtet (Abraham Lincoln – erster republikanischer Präsident der USA – starb am 15. April 1865, nachdem er am Tag zuvor im Ford’s Theater in der Präsidentenloge von John Wilkes Booth niedergeschossen worden war) und ist weithin als Anfangs- oder Endpunkt der „Mall“ sichtbar. Auf diesen hier hielt am 28. August 1963 Dr. Martin Luther King vor 200.000 Menschen seine bekannte „I have a dream“-Rede. Um Lincolns Stellung in der Geschichte auch standesgemäß zu demonstrieren, wurde die ursprünglich vorgesehene Statue durch eine gleich mal doppelt so hohe (ca. 6 m) ersetzt. Steht man davor, blickt nach oben, so ist es wahrhaftig beeindruckend. Lincoln sitzt in diesem riesigen, tempelähnlichen, von 36 dorischen Säulen umgebenen Saal auf einer Art Thron und blickt auf das Washington Monument und das Kapitol.

Wir spazieren die Mall Richtung Osten und freuen uns darauf, das Washington Monument zu besteigen. Der Obelisk ist 169,3 Meter hoch und war zu seiner Zeit (Eröffnung 21. Februar 1885) das höchste Bauwerk der Erde und löste damit den Kölner Dom ab. Bis heute ist es der höchste Obelisk der Welt. Von außen gut zu erkennen sind die beiden Bauabschnitte. Der für den ersten Bauabschnitt (bis 1858) verwendete Marmor ist heller. Streitereien und der dann ausbrechende amerikanische Bürgerkrieg verhinderten einen Weiterbau. Erst 1897 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen, nur gab es dann diesen hellen Marmor nicht mehr. Man hat dann kurzerhand einfach mit einem etwas dunkleren Marmor weitergebaut. An der Kasse bekommen wir mitgeteilt, dass leider für diesen und auch die nächsten 5 Tage alle Tickets ausverkauft seien. Super! Wenn das so weiter geht, kann das ja heiter werden…

Machen wir es kurz: für das angeblich sehr sehenswerte Holocaust Museum gibt es nur noch Restkarten, Wartezeit über 2 Stunden. Nun gut. Was dann passiert, haben wir so in einem Museum noch nie erlebt. Ähnlich wie in den Tokioer U-Bahnen wird man in einen dunklen, nicht klimatisierten Aufzug gequetscht. Oben angekommen, ergießen sich die Massen in den einzigen Korridor und bleiben auch gleich wieder stehen. Sie sind auf die kurz vorher „angelieferte“ Masse aufgelaufen, und nichts geht mehr. Sogar in den wegen Überfüllung geschlossenen Bierzelten auf dem Münchener Oktoberfest ist man nicht so eingeklemmt. Fluchtartig verlassen wir das Museum. Über solche Zustände in einem Museum mit einem derart ernsten und traurigen Thema sind wir doch entsetzt.

Machen wir es noch kürzer: auch die nächsten Tage bringen keine Entspannung. Alle Museen sind bis zum Überbersten voll. Man wird von Mitarbeitern der Museen angehalten, sich bitte schneller, mit dem Strom zu bewegen. Keine Zeit, einen Text zu einem Bild zu lesen oder das Bild länger als einen Wimpernschlag lang anzuschauen. So macht das keinen Spaß. Wir fragen einen Museumsmitarbeiter, wann denn der beste Zeitpunkt sei, die Museen zu besichtigen. „Im Winter, aber wieso, heute ist es doch gar nicht so schlimm.“

Uns macht Washington keinen Spaß. Wir haben viel über diese Stadt gelesen und uns wirklich sehr darauf gefreut. Die Museen (die wirklich sagenhaft sein müssen) sind ja auch nicht alles. Auch der Rest der Stadt schafft es nicht, uns wirklich zu begeistern. Wir empfinden die Stadt als steril und ein bisschen zu politisch korrekt. Macht man an einer roten Ampel auch nur einen Schritt zu früh, wird man sofort argwöhnisch betrachtet (Achtung: subversive Kraft!). Vorgestellt haben wir uns eine quirlige, von den verschiedensten Menschen bewohnte Stadt (schließlich sind wir in der Hauptstadt der USA). Gelandet sind wir eher in einer Stadt mit dem Charme und der Ausstrahlung eines Fachhandels für wärmedämmende Ziegel.

Wir sind froh, dass es morgen nach New York City weitergeht. Mehr davon in Bälde.

 

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