Azerbaijan – Kasachstan

Seidenstrasse, Teil 8

18.-27.05.2018

Die Seiten zu wechseln ist nicht immer einfach. Hier in Astara, an der iranisch-azerbaijanischen Grenze ist es genauso. Doch bevor wir an die Grenze kommt müssen wir erst einmal die „Ausfahrt aus dem Iran“ finden. Ein kaum scheinbares Loch im Zaun ist wirklich die Einfahrt in den Grenzbereich. Hinter dem Zaun liegen Unmengen von Holzbrettern, wir dachten erst, es sei das lokale Sägewerk. So kann man sich irren.

Das gesamte Prozedere an der Grenze ist sehr zeitaufwendig und anstrengend. Mir laufen oder fahren sprichwörtlich von Pontius zu Pilatus, sammeln Stempel auf Papieren die wir nicht entziffern können, reichen abgestempelte Papierschnipsel in Fenster, die derart verdunkelt sind, dass man die Anwesenheit seines Gegenübers nur erahnen kann und nach langen Stunden sind wir endlich und tatsächlich in Azerbaijan.

Das Gras auf der anderen Seite sei grüner, sagt man. Kann man auch sagen, das Wasser auf der anderen Seite sei blauer? Für uns macht es auf jeden Fall den Eindruck. Ein paar hundert Meter hinter der Grenze fahren wir auf einen kleinen „Strandparkplatz“ am Kaspischen Meer (das ja ja gar kein Meer, sondern der größte See der Welt ist) und es fast wie Urlaub: Sonne, Sand und blaues Wasser. Im Iran wirkte das Wasser immer grünlich, schlammig, hier blau und klar. Komisch – oder Einbildung? Egal, schön ist’s. Auch führen die Strassen auf einmal durch strahlend grüne, saftige, schattenspendende Wälder – was für ein Kontrast.

Dachten wir doch, dass in einem Land, in dem Öl und Gas sprudelt, die Formel 1 gastiert, renommierte Architekten gläserne Hochhäuser aus dem Sand in den Himmel bauen auch der Strassenbau einen gewissen Stand hätte. Aber die lokalen Oligarchen fliegen eher Hubschrauber als in LKWs auf Landstrassen durch’s Land zu hoppeln. Kurz: die Strassen sind eine unglaubliche Sammlung vieler, tiefer Schlaglöcher. Es ist grausam. Wir jammern, Aloisius schaukelt und keucht.

So holpern wir mit knapp 30km/h von Schlagloch zu Schlagloch. von Dorf zu Dorf. Die anfangs üppig grüne, dichte Vegetation verwandelt sich langsam in eine flache, trockene wüstenartige Steppenlandschaft. Auch das Bild im Straßenverkehr hat sich geändert. Von iranisch-orientalisch zu sowjetisch- quadratisch: waren es im Iran schneeweiße „Made in Iran“ Kleinwagen der Hersteller Saipa oder Iran-Khudro, sind es jetzt kantige, bunte und scheppernde Ladas. Lustig waren im Iran auch die Horden von uralten Mercedes Rundhaubern, in Azerbaijan prägen russische LKWs der Marken Kamaz, Ural und Tata das Bild.

Nach gefühlten 32 Fantstilliarden Schlaglöchern und einem Stop im erstbesten Fachhandel für Alkoholika erreichen wir mitten in der Steppe unser Ziel: Alat, rund 70 Kilometer südlich von Baku. Der alte Hafen von Baku musste als Baugrund weichen und so wurde hier der neue „Port Baku“ aus dem Sand gestampft. Ein Großteil des Geländes ist noch Baustelle, die Büros, Wechseltuben und das Zollamt sind in provisorischen, fensterlosen Containern untergebracht. Hinter endlosen Reihen laut brummender Kühllaster und gebrauchten Baumaschinen finden wir nach einigen Hin- und Her das Ticketbüro der Caspian Shipping Co.. Zu unsere eignen Überraschung lässt sich die Türe öffnen, ein mürrisch dreinblickender Mann begrüßt uns und schon sind wir mitten drin in der azerbaijanischen Version von „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Nur wissen wir es noch nicht.

Frage: „When is the next ferry to Kazakhstan?“

Antwort: „I don’t know. Come back tomorrow. 10 o’clock.“

Ok, machen wir. Die Nacht verbringen wir auf dem Hafengelände, am Rande einer langen Lkw-Warteschlange. Sonores Brummen wiegt uns in den Schlaf.

Pünktlich erscheinen wir am nächsten Morgen im Büro. Und stellen die gleiche Frage:

„When is the next ferry to Kazakhstan?“

Der Mitarbeiter des Tages spricht ein wenig besser Englisch. Ob uns das hilft?

„No ship today! Maybe tomorrow, maybe not, but maybe the day after tomorrow“.

Das wird mühselig hier. Und irgendwie haben wir keine Lust, jetzt tagelang im Hafen zu campieren, um maybe tomorrow oder wann auch immer die Fähre zu bekommen. Vor unseren Nasen liegt Baku und so beschließen wir kurzerhand, vom Hafen in die große Stadt umzusiedeln. Eine weise Entscheidung, wie sich noch zeigen wird.

Unser erstes Ziel ist ein Supermarkt, von der Größe eines mittleren Dorfes in Deutschland. Wow! Sogar mit Einkaufswägelein. Das Angebot erschlägt uns fast – vor allem die meterlangen Regalreihen voller Vodka! Und natürlich kaufen wir viel zu viel. Nicht nur vom Vodka….

 

Noch einmal rufen wir am Hafen im Büro der Caspian Shipping Co. an:

„When is the next ferry to Kazakhstan?“

„Hmmh, not sure. Maybe tomorrow, maybe the day after tomorrow“.

Egal, wir leben im Hier und Jetzt und nicht im Dort und „maybe tomorrow“. Wir quartieren uns in nettes Hotel ein, genießen gutes Essen und die erste Flasche Wein nach den letzten Wochen Alkohol-Abstinenz im Iran. Herrlich berauschend!

Baku ist eine quirlige, aufstrebende, pulsierende Stadt. Eine Mischung aus sowjetischer und moderner Architektur sowie einer also Unesco-Weltkulturerbe geschützten Altstadt. Breite, mit Bäumen gesäumte Boulevards, eine lebhafte, nachts in allen Farben des Regenbogens erleuchtete Ufer-Promenade entlang des Kaspischen Meers, eine lange Fußgängerzone und zahlreiche Cafés prägen das Stadtbild. Nur sind die Menschen hier deutlich zurückhaltender als im Iran; nach all der Herzlichkeit der Iraner erscheint es uns hier zwischenmenschlich kühl und kalt wie toter Hund.

Am nächsten Morgen, so gegen 10 Uhr, rufen wir erneut im Hafen an:

„When is the next ferry to Kazakhstan?“

„Maybe tomorrow, maybe the day after tomorrow. Call later or tomorrow“.

Und täglich grüßt die Caspian Shipping Cooperation….

Die Tage, es sollten derer fünf werden, erkunden wir Baku und jeden Morgen und jeden Abend spielen wir das gleiche Spiel:

„When is the next ferry to Kazakhstan?“

„Maybe tomorrow, maybe the day after tomorrow. Call later or tomorrow“.

Irgendwann wird es uns zu doof. Wir bitten einen Hotelmitarbeiter um dessen Hilfe, immerhin spricht er die Landessprache. Und siehe da, am nächsten Tag würde die Fähre ablegen, so gegen 18 Uhr. Ein letztes mal genießen wir den Blick auf die nächtliche Skyline von Baku, bevor wir uns am nächsten Tag aufmachen zu unseren Freunden von der Caspian Shipping Cooperation. Gegen Mittag sind wir da, in sechs Stunden soll das Boot ablegen. Das müsste ja passen, oder?

Zurück zum Ticketbüro. Jetzt kommen wir schon deutlich weiter als beim ersten Mal, denn nach gut einer Stunden halten wir zwei Tickets in der Hand – immerhin etwas. Den Nachmittag verbringen wir wartend. Irgendwann werden unsere Pässe ausgestempelt, einige Stunden später müssen wir eine Park- und Hafengebühr begleichen, es wird dunkel. Da man uns mehrmals sagte, wir sollen im Auto warten, jemand würde kommen und klopfen, wenn sich etwas täte, warten wir. Und warten. Gegen 21 Uhr kommt Bewegung in den Laden. Lkw fahren zum Zoll, danach fahren sie in Richtung Fähre, die schon den ganzen Tag am Pier liegt. Wir fragen nach, ob all die Lkw auf die Fähre nach Kasachstan gehen. Ja klar, wo wir denn hinwollen? Auch nach Kasachstan! Na dann mal los….

Aloisius wird als letztes vom Zoll kontrolliert, es dauert eine Weile, bis alle Stempel gestempelt sind und wir frei sind auf die Fähre zu fahren. Jetzt aber schnell auf die Fähre, denken wir uns rasen über das Hafengelände – um uns erneut in die Warteschlange einzureihen. Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Gegen 2 Uhr nachts rollen auch wir hinein in den dunklen Bauch der „Bestekar Gara Garayev“, Baujahr 1984. Und haben großes Glück, denn Aloisius wird mit einem riesigen Lift auf auf das Außendeck gehoben.

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Im Preis für die Überfahrt ist grundsätzlich eine Kabine eingeschlossen – in unserem Fall angeblich eine Zweierkabine mit Fenster. Nach gestenreichen und langen Diskussionen mit der obersten Instanz nach dem Kapitän, einer renitenten Dame, stellt sich jedoch heraus, dass es an Bord gar keine Zweierkabinen gibt. Die 6er-Kabinen sind bereits alle belegt (wie schade!), die 3er-Kabinen überbelegt. Wir gut, dass wir so schön an Deck in Aloisius schlafen können, bei frischer Luft und schöner Aussicht!

Es ist inzwischen 3 Uhr nachts, als wir erwartungsvoll an der Reling stehen, jetzt müsste es ja gleich losgehen. Doch nichts passiert. Langsam verziehen sich alle LKW-Fahrer in ihre Kojen, auch wir sind hundemüde und legen uns schlafen. Gegen 6 Uhr in der Früh spähen wir kurz aus dem Fenster, wähnen uns schon mitten auf offener See, doch wir liegen immer noch im Hafen. Als wir gegen 8 Uhr das nächste Mal die Augen öffnen, schippern wir gemütlich über den größten See der Welt gen Nordosten. Die See ist spiegelglatt, nur einmal haben wir leichten Wellengang, aber das passt. Die Zeit vergeht erstaunlich schnell und keine 34 Stunden später erreichen wir nach kurzer Kreuzfahrt Kasachstan!

Neue Häfen haben in dieser Region scheinbar gerade Konjunktur. Unser Boot fährt nicht nach Aqtau, sondern in den neuen Hafen von Kurik, ca. 80 Kilometer südöstlich von Aqtau. Und hier ist noch mehr Baustelle als in Alat, entsprechend mühselig ist das gesamte Handling, die Wege sind lang und die Prozesse kompliziert.

Zum ersten mal betreten wir gegen 16 Uhr kasachischen Boden, letztendlich „entlassen“ ins Land werden wir erst um 21:30 Uhr. Die meisten Zeit verbringen wir mit Warten. Warten, bis wir unsere Pässe zurückbekommen (die wurden auf der Fähre eingezogen); Warten, bis uns der Minibus zur Passkontrolle fährt; Warten, bis die Pässe gestempelt sind; Warten, bis der Minibus uns wieder zur Fähre zurückbringt; Warten, bis wir Aloisius von der Fähre fahren dürfen; Warten, bis wir alle Papiere für Aloisius haben – was die größte Herausforderung darstellt. Es ist nicht immer einfach, den Beamten den Unterschied zwischen unserem Aloisius und einem Kühllaster darzulegen. Doch irgendwann ist es vollbracht: wir haben fünf Stempel auf einem Zettel und bewaffnet mit diesen geht es an die Ausfahrtsschranke. Erwartungsvoll blicken wir dem Herren von der Sicherheit an. Ob alles passt? Er lächelt, legt das Papier mit den Stempeln ab – nicht ohne vorher noch einen weiteren Stempel drauf zu hämmern. Die Schranke öffnet sich. Willkommen in Kasachstan!

Aqtau selber hat nicht wirklich viel zu bieten, uns zieht es weiter Richtung Osten. Über viele Kilometer geht es durch die kasachische Steppe. Pferde links, Kamele rechts, ansonsten nicht sehr viel. Es ist heiß, die Luft ist trocken, es weht ein starker Wind. Was sich daraus entwickeln wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am frühen Abend erreichen wir Beyneu, ein kleines Kaff mitten im Nichts, 90 Kilometer vor der Usbekischen Grenze. Wir steuern eine Tankstelle an. Die Menschen hier sind komplett vermummt: Kapuzen über dem Kopf, Masken vorm Gesicht. Und das bei der Hitze? Keine viertel Stunde später wissen wir, warum. Wie auf Knopfdruck wird der Wind enorm stark und böig, der Himmel wird milchig-grau, Sand fegt über die Straßen, über die Häuser, über die Menschen. Wir stecken mitten in einem Sandsturm!

Wir können kaum mehr Etwas sehen, steuern die nächstbeste Pension an, huschen hinein und harren der Dinge. So vergeht der Abend, so vergeht die Nacht. Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar, der Wind hat sich etwas gelegt, immerhin wirbelt er keinen Sand mehr auf. Das war ein wirklich besonderes Erlebnis und, wie wir später erfahren werden, ein sehr seltenes, vor allem in dieser Stärke!

Vor uns liegt die Grenze zu Usbekistan. Knapp vier Stunden benötigen wir für die letzten 90 Kilometer, die Straße ist, gelinde gesprochen, mehr wie bescheiden. Das war ein erlebnisreicher, stürmischer Start in Kasachstan, wir sind gespannt auf den zweiten Teil, wenn wir in ein paar Wochen viel weiter östlich wieder kasachischen Boden betreten werden. Doch jetzt geht es erst einmal nach Usbekistan! Die Seiten zu wechseln wird sicher auch hier nicht einfach…

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  1. Alexa 5 Monaten ago Reply

    Super Bilder! Was für Bauten, seid ihr denn in NY? Bin gerade mit Ursula im Konzert gewesen und jetzt Tambosi – stoßen auf euch an! Bussi Alexa

    • thehaeusgens 5 Monaten ago Reply

      Liebe Alexa, danke für das Lob – Baku ist auch eine wirklich fotogene Stadt und sicherlich mal einen Kurztrip wert…Liebe Grüße aus Samarkand, Team Haeusgen

  2. UH 5 Monaten ago Reply

    Lieber Jakob, liebe Tina,
    Jetzt ist es 4 Uhr fünfzehn in der Nacht bei uns und ich bin todmüde… Euere Blog-Beiträge sind sehr interessant. Euch beide finde ich toll! Die Fotos und die Texte! Bis morgen! Alles Liebe.

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