Kirgistan

Seidenstrasse, Teil 11

18. – 24.06.2018

Dem Zerfall der ehemalligen UdSSR haben wir es heute zu verdanken, alle paar hundert Kilometer in ein neues Land zu reisen. Und so überqueren wir mal wieder eine Grenze in eines der zahlreichen Stan-Länder: von Tadschikistan nach Kirgistan. Im Gegensatz zu Tadschikistan ist die Grenze fast schon modern, die aufgestellten Computer funktionieren und erfüllen einen Zweck – war es bisher doch oft so, dass all unsere Daten in ein Notizheft eingetragen wurden und was dann mit den Heftchen passiert, tja, das wissen nur die Götter.

Aber eine Frage bleibt doch: wo sind wir nun eigentlich? Wir sind in dem Land, das nördlich an Tadschikistan grenzt, so weit so gut. Aber wie heißt denn dieses Land nun? Kirgisien? Kirgistan? Kirgisistan? Kyrgyzstan? Da war es praktisch im Iran, da hieß es immer „Welcome to Iran“ – da war das klar. Hier aber sagt der Zöllner bei Stempeln der Pässe nur: „Welcome to my country“. Weiß er auch nicht, wie sein Land heißt?

Wir haben uns dann einmal schlau gemacht: die Bezeichnungen qirqiz oder kyrgyz für diesen Flecken Erden gibt es schon seit fast 1.200 Jahren. Wieder etwas anders geschrieben, nämlich kirkkyz, bedeutet dieses Wort „40 Mädels“. Hmmh, sind wir jetzt im Land der „40 Mädels“? Klingt auf jeden Fall verlockend (auf jeden Fall besser als Darm-Stadt)! Unter dem Namen Kirgisien ist das Land der „40 Mädels“ hauptsächlich in Deutschland bekannt, ist Kirgisien doch eine Eindeutschung der Russischen Namensgebung Kirgisija.

Jetzt bleiben noch die Namen Kirgistan, Kirgisistan und Kyrgyzstan. Und die haben ja nun alle ein -stan am Ende. Dieses -stan-Schwänzchen kommt von der Bezeichnung für das Land der „40 Mädels“ in der Landestrache, Кыргызстан. Und die letzten vier Zeichen dieses Wortes sind eben -stan. Worin jetzt der Unterschied zwischen Kirgistan und Kirgisistan besteht, keine Ahnung. Kyrgyzstan auf jeden Fall ist die englische Transkription von Кыргызстан, die inzwischen auch im deutschen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat. In Amtskirgisisch heißt es offiziell übrigens „Kirgisische Republik“. Alles klar? Wer es also etwas romantischer will, kann beim „Land der 40 Mädels“ bleiben – versteht einen zwar keiner, aber schön klingen tut es…

Dieses zentralasiatische, relativ kleine Land hat nicht nur viele Namen, sondern auch sehr viele verschiedene Facetten: schneebedeckte Berge, grüne Hochebenen, trockene Steppen, türkisfarbene Seen oder kulturhistorische Zeugnisse aus der Zeit der alten Seidenstrasse. Ein ganz wichtiger Wirtschaftszweig ist in Kirgisien die Landwirtschaft, im Sommer wird das Vieh auf die Hochgebirgsweiden getrieben. Daher stehen auf jedem noch so kleinen Fleckchen Grün in den Bergen zwischen den Felsen oder in den Hochebenen unzählige der kreisrunden Jurten; herum grasen Pferde- Kuh-, Schafs- und Ziegenherden. Ganz anders die wenigen Städte: diese strahlen einen morbiden Charme aus, die sowjetischen Zweckbauten bröckeln, dazwischen immer wieder kleine, bunte Ladengeschäfte, lautes Treiben und geschäftiges Herumwuseln. Kurz: uns gefällt es hier saugut. Kirgistan begeistert uns!

Doch erst einmal brauchen wir nach den Strapazen im Pamir Gebirge eine kleine Pause: die körperlichen und seelischen Akkus sind leer, wir total erschöpft, müde und platt. Wir steuern Osh, die zweitgrößte Stadt des Landes im Südwesten, an. Zu unserer großen Freude und Erleichterung finden wir einen netten Stellplatz am Sunny Hostel mitten in der Stadt und einen gut sortierten Supermarkt. Osh liegt ja auf nur noch 1.000 Metern Höhe, das angenehme Klima ist wohltuend, die Tage warm, die Nächte kühl – es ist herrlich. Und als Krönung ist das WiFi richtig schnell, gut und zuverlässig.

Das Sunny Hostel ist Treffpunkt vieler Reisender, Sammelpunkt zahlreicher Overlander, sei es mit dem Fahrrad, Motorrad, Geländewägen oder mit dem Rucksack. Die einen sammeln Kraft für die Bezwingung des Pamir Highways, die anderen, insbesondere die Radfahrer, regenerieren sich nach der Bezwingung jenen Gebirges. Überhaupt, die Radler. Jetzt kann man schon sagen, dass es vielleicht Wahnsinn ist, den Pamir Highway auf einem Drahtesel zu meistern, aber bewundern tun wir diese harten Jungs und Mädels doch sehr! Wir lernen eine Gruppe von drei Belgiern kennen, von denen einem knapp 160 Kilometer vor Osh das Fahrrad durchgebrochen ist; also haben die anderen beiden sein Gepäck genommen und der nun fahradlose Pechvogel saß die gesamten 160 Kilometer auf der Stange zwischen Sattel und Lenker – das muss Querrillen am Hintern geben…

Als nach einigen Tagen der Frischwassertank gefüllt, die Wäsche gewaschen ist, die Lebensmittel aufgestockt und unsere Köpfe wieder frei sind, rollen wir weiter. Wir freuen uns auf dieses Land, der Anfang war doch schon recht vielversprechend.

So verlassen wir Osh auf überraschend guter Straße, welch ein Hochgenuss, in Richtung Norden und biegen alsbald in östliche Richtung ab. Immer noch folgen wir dem Verlauf der Seidenstrasse, auf die Karte gedruckte, beladene Kamele verdeutlichen es anschaulich. Die Landschaft ist noch flach, viel Weideland, kleine Dörfer. Die Natur strahlt in einem satten Grün, überall blüht und duftet es – nach der Kargheit des Hochgebirges für uns ein echter Augenschmaus. Am Horizont tauchen aber schon wieder die ersten Berge auf, diesmal eher sanft, nicht so imposant, fast ein bisschen wie Alpen-Pamorama. Links und rechts der Strasse winden sich kleine Flüsse durch die Natur, mit jedem Meter an Höhe, die wir gewinnen werden die Strassen schmaler und leider auch schlechter. Aber immerhin fahren wir noch zügiger als die Einheimischen laufen. In den Wiesen stehen viele Jurten, Kinder spielen an den Bächen, bauen Dämme, drumherum grasen Pferde und Kühe.

Später wir die Strasse zu einer Piste, die Piste enger, steiniger, löchriger und bald geht es dann auch in unzähligen Spitzkehren mal wieder gen Himmel. Es wird kühl, die Natur rauer. Als wir den Kök-Art-Pass auf 3.318 Metern passieren, ist Aloisius von hohen Schneewänden zu beiden Seiten eingerahmt. Wow, das ist mal richtig viel Schnee! Kein Wunder, dass diese Straße vom Frühherbst und bis lange in den Frühling hinein gesperrt ist – so viel Schnee, da wäre kein Durchkommen.

Der Anstieg vom Westen her auf den Kök-Art-Pass ist wirklich gut, recht angenehm zu fahren. Die östliche Abfahrt dagegen scheint auf der Wetterseite zu liegen. Tiefe Pfützen, Matsch, Schlamm, tiefe Furchen, abgebrochene Straßenkanten – gemütliches Hinabrollen ist etwas anderes. Hier einen Schlafplatz zu finden, das wird schwer. Noch dazu, weil jeder auch nur im Geringsten mögliche Platz stets und zuverlässig mit einer Jurte belegt ist. So rumpeln wir langsam und behutsam ins Tal hinunter und können unseren Augen kaum glauben: ein freier Platz, eben am Fluss gelegen und dann stehen da auch schon zwei andere Reisemobile: ein Mercedes G-Jeep aus München und ein 49 (!!) Jahre alter Steyer, Schweizer Militärausführung, aus Berlin. Und dann auch wir. Es wird ein netter, lustiger, wenn auch eisig kalter Abend am rauschenden Fluss.

Die Fahrt durch das herrliche Narin-Tal ist ein echter Genuss. Hin und wieder kleine Pässe, nichts Aufregendes. Nur der gute Aloisius meint jetzt bockig werden zu müssen. Zugegebenermaßen an einen steilen Anstieg verliert er immer mehr an Leistung, mühsam krabbelt er im zweiten oder dritten Gang bergauf und dann ist sie wieder da, die Fehlermeldung, die wir so sehr hofften nicht noch einmal sehen zu müssen: „Störung Motorsteuerung“. Grafisch verstärkt wird das Ganze durch blinkende, rote Warnsymbole.

Kurzer Rückblick: schon einmal hatten wir eine derartige Fehlermeldung, kurz vor Osh. Der Bordcomputer spuckt zwar eine Nummer für die Fehlermeldung aus, aber die kann uns nur MAN in Worte übersetzen. So telefonieren wir mit MAN in Deutschland, der Ladeluftkühler bekäme nicht genug Frischluft. Ui, das ist nicht so schlimm, später in Osh blasen wir den Luftfilter mit Druckluft kräftig aus, reinigen alle alle Zu- und Ableitungen und sind uns sicher, das Problem gelöst zu haben. Haben wir aber scheinbar nicht.

Die Strasse hier ist steil, die Abhänge bieten keine Parkmöglichkeit und so quälen wir Aloisius und uns bis auf die Passhöhe von immerhin auch stolzen 2.800 Metern, parken und staunen: jetzt tropft auch noch Kühlwasser rosa und klebrig auf den Boden. Wir kippen das Fahrerhaus und stellen fest, dass das Kühlwasser aus dem Überlaufventil austritt. Wie kann das sein? An der Höhe kann es nicht liegen, waren wir doch im Pamir viel höher. Sicherheitshalber pusten wir noch einmal den Luftfilter aus, bauen alles wieder zusammen und starten den Motor. Keine Fehlermeldung mehr! Wir klopfen uns auf die Schulten und sind ob unser Mechaniker-Fähigkeiten mit Stolz erfüllt.

Summend und vor Glückseligkeit strahlend rollen wir weiter, den Berg hinunter. Prima, denken wir uns, wenn wir mal in der Zivilisation ankommen, besorgen wir einen frischen Luftfilter und dann ist das Problem ein für alle Mal gelöst. Denken wir.

Doch schon am nächsten Tag treten die gleichen Symptome erneut auf: Leistungsverlust, Fehlermeldung und tropfendes Kühlwasser. Da haben wir unsere Mechaniker-Fähigkeiten wohl etwas überschätzt. Ein langes und aufschlussreiches Telefonat mit MAN in Deutschland bringt die Lösung: der Ladeluftkühler (Detailfragen beantworten wir gehen per Email, würde hier den Rahmen sprengen) scheint kaputt zu sein.

Da hatten wir gerade die nächsten Tage so schön geplant in diesem Land, das so angenehm, sympathisch und einfach schön ist. Wir wollten um den malerischen Issyk-Kul-See fahren, an dessen Ufern campen, baden, „fünf gerade sein lassen“ und einfach dieses herrliche Land mit seiner tollen Natur genießen. Wir schwanken, was wir machen sollen. Weiterfahren und alle 50 Kilometer 3 – 5 Liter Kühlwasser nachfüllen und hoffen, dass das Problem nicht „wächst“? Oder doch auf direkten Weg in die Werkstatt? Ok, dass sind auch noch knapp 400 Kilometer und in Kasachstan, in Almaty.

Wir machen noch einmal kurz Pause, vertreten uns die Füße und beobachten Aloisius beim Tropfen. Derart noch um den See zu fahren, das ist uns auf jeden Fall zu riskant. Und ganz nebenbei könnten wir dann auch Nichts wirklich genießen, ständig würden wir unters Auto schauen, ob es tropft oder nicht. Also, auf nach Almaty, direkter Weg, kein See, kein Baden. Schade, hatten wir uns doch so gefreut.

Immerhin meint es „Asphaltus“, der Gott des Strassenbaus, gut mit uns. Der Belag ist eben, keine Schlaglöcher, keine Mulden – es ist unglaublich. Als der Tacho wirklich 80 km/h anzeigt meinen wir, gleich abheben zu können. So düsen wir in die Hauptstadt der Kirgisischen Republik, finden nur mühsam einen Platz für die Nacht und sind traurig, morgen dieses wahnsinnig schöne Land verlassen zu müssen.

Aber der freundliche Kirgise wäre ja nicht der freundliche Kirgise, würde er es uns nicht ein bisschen erleichtern, dem Land der „40 Mädels“ Adieu zu sagen: erst werden wir in einer 60-km/h-Zone rund 55-km/h-fahrend angehalten und erst nach einem saftigen Schmiergeld von 1.000 COM (ca. € 12,60) an einem ebenso dicken wie schmierigen Ordnungswächter dürfen wir weiter. Am nächsten Tag schaffen wir es dann auch wirklich, an einen noch gierigeren und korrupteren Polizisten zu geraten: keine 200 Meter vor der Landesgrenze steht ein Stoppschild in Büschen versteckt, der Zweck sinnlos. Also stoppen wir auch nicht. Doch das laute und wilde Trillern des Herrn Polizisten aus seiner Trillerpfeife lässt uns im Mark erschüttern. Wir stoppen. Wir werden in ein Büro geführt, dort sitzt der Ober-Chef und Gangster. Papiere checken, auf Russische grummelnd. Letztendlich müssen wir 15 US-Dollar in eine Schublade gleiten lassen, erst dann bekommen wir unsere Papiere zurück.

Tja, du „Land der 40 Mädels“, toller Landschaft, netten Menschen und korrupten Ordnungswächtern: wir waren nur kurz da, aber es war toll. Und egal wie du nun heißt, wir werden dich nicht vergessen….

 

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  1. Mama 3 Monaten ago Reply

    Sooo schöne Fotos / Bilder!
    Geniesst es und vergesst es nicht!
    Mama.

  2. Nobby u rita 4 Monaten ago Reply

    Hi, ihr könntet mal wieder schreiben. Seid ja bald schon in Russland? Aber es scheint euch ja gut zu gehen und Aloisius rennt ja wieder

    Grüsse Nobby und Rita

    • thehaeusgens 4 Monaten ago Reply

      Wir würden ja gerne was schreiben, wenn denn man was Anderes passieren würde als auf Ersatzteile aus Deutschland zu warten. Sind aber inzwischen wirklich in Russland angekommen. Hurra. Und Aloisius läuft wieder wie ein Rennpferd….

  3. Nobby u Rita 4 Monaten ago Reply

    Na ja, da habt ihr uns aber in Reperaturhäufigkeit lange überholt!
    Aber beruhigt euch, den Ladeluftkühler haben wir auch schon neu!
    Grüsse und ein glückliches Händchen beim Reparieren…

    • thehaeusgens 4 Monaten ago Reply

      Tja, was will man machen. Ist halt auch ne harte Tour 😉 für Mensch und Maschine….

  4. Doris 4 Monaten ago Reply

    Lieblingsbilder “ Sarey Tash“ – sehr idyllisch mit Jurte, Tieren und Menschen in friedlicher Landschaft und
    „Western Access Kök-Art-Pass“ – tolle Licht/Schattenwirkung
    Lieblingsausdruck: „Asphalthus“ – Gott des Straßenbaus!

    • thehaeusgens 4 Monaten ago Reply

      Es freut uns zu lesen, dass Dir die Bilder gefallen, jetzt ist die Gegend aber auch derart fotogen, da kann man fast gar kein nicht schönes Foto machen. Und hoffen wir mal, dass Asphaltus uns weiterhin gut gesonnen bleibt….