Türkei – Österreich – Türkei

Seidenstrasse, Teil 1.1

09.03. – 19.03.2018

Wer eine Reise tut, hat etwas zu erzählen. Hier ist eine Geschichte, die wir – ehrlich gesagt – gerne nicht erzählt hätten. „Reisen bildet“ ist ein geflügelter Ausdruck, der sich jedoch meist auf alte Hochkulturen, fremde Sitten und Sprachen, neue Kulturen, fremdartiges Essen oder bedeutende Kirchenausschmückungen bezieht.

Der Bogen der aus Reisen gewonnener Bildung lässt sich aber durchaus weiter spannen wie zum Beispiel in Richtung der Lehren von Edison und Co.. Was ist Strom? Wie fließt Strom? In welche Richtung fließt Strom? Was ist ein Ohm? Wie viel Volt liegen an dieser oder jener Batterie an…. All diese Fragen sollten uns die nächsten Tage beschäftigen. Nicht selten stehen wir da wie der Ochs vorm Berge, schon in der Schule war die Physik-Stunde eher ein Lückenfüller zwischen der kleinen und großen Pause. Hätten wir da mal nur besser aufgepasst. Man lerne für’s Leben, sagte man uns. Haben wir wohl nicht nicht – jetzt bekommen wir die Quittung.

Aber von Anfang an. Die Tage davor:

Munter sind wir seit einigen Tagen unterwegs, Augen und Ohren offen, wir wollen uns ja in all den fremden Ländern bilden. Wir besichtigen Kirchen, google-translaten uns durch Slovenien, Kroatien und weiter bis nach Montenegro. Fahren, schauen, essen, lesen (Bildung kommt ja nicht in Corn-Flakes-Packungen), schlafen, schauen, essen, lesen… und so weiter.

Nur auf eine Sache schauen wir leichtfertig nicht genau genug.

In unserem Aloisius leuchtet ja abends gemütlich das Licht, die elektrische Zahnbürste lädt blau blinkend, Handys werden eingesteckt, der Kühlschrank kühlt, die Wasserpumpe pumpt, der Herd glüht. All diese wunderbaren Dinge werden mit genügend Energie aus elefantenschweren Batterien gespeist, derer wir insgesamt sechs Stück als kleines Power-Pack spazieren fahren. Die Dinger laden sich entweder während dem Fahren über die Lichtmaschine, im Stand und bei entsprechender Witterung über Solarpaneele auf dem Dach oder wir laden Strom, indem wir den Laster mit einem quitsch-gelben Kabel mit einer stinknormale Steckdose verbinden.

Aber auf was haben wir denn jetzt nicht geschaut? Genau, auf den „Ladebalken“ unserer elefantenschweren Batterien. Das Symbol zeigt voll, der Ladezustand meldet 100% – super, alles prima. Aber, das wird ja nie weniger, stellen wir überrascht und etwas besorgt fest. Der Strom, der ja jetzt in der Zahnbürste, im Handy oder im Herd verbraucht wird, muss ja irgendwoher kommen und da weniger werden. Nur unsere Batterien werden nicht leerer. Immer bummsvoll. Wenn das stimmen sollte, haben wir sämtliche Energie-Probleme der Welt gelöst. Prima, wäre auch ein Business-Plan…

Die Realität ist aber leider eine andere. Schnell stellen wir fest, dass so ein fuzzeliges, kleines schwarzes Plastikböxchen (im Fachjargon Mess-Shunt genannt) den Geist aufgegeben hat und nichts mehr misst. Das Ding misst, wie viel Strom in die Batterien geladen wird und wie viel wir verbrauchen. 100 rein, 20 raus – na, klar noch 80 übrig. Unser Plastikböxchen hat aber auf Durchzug geschaltet und meldet voll Optimismus 100 rein, 0 raus – und wie viel noch da? Ja, genau: 100. Ist aber nicht so. Wir wissen bzw. sehen jetzt nicht mehr, was rein und was raus geht. Gar nicht gut.

Unser Support-Team zwischen den Bergen Österreichs meint: „alles easy, das Teil könnt sogar ihr wechseln“ (waren die mit uns auf der Schule?). „Wir schicken euch ein Ersatz Plastikböxchen, ihr tauscht das aus und Problem gelöst“.

Wir lassen uns also das Plastikböxchen nach Thessaloniki in das Deutsche Generalkonsulat schicken. Klappt super – Luftfracht, teuer, aber extrem schnell. Kaum in Thessaloniki, auf zum Post abholen. Ein sehr netter Mitarbeiter hatte das Päckchen für uns in Empfang genommen, wir ratschen kurz, bedanken uns und sind froh, eine derart nette und hilfsbereite Deutsche Auslandsvertretung gefunden zu haben. Noch mal „Efcharisto“ nach Thessaloniki!

Das Plastikböxchen ist dann wirklich schnell getauscht. Das neue Plastikböxchen macht auch wieder was es machen soll: es misst 100 rein, 35 raus und meldet noch 65 da. Hurra, Problem gelöst! Erleichtert und frohgemut tuckern wir weiter im in Richtung Osten.

Dann…

… Tag 0:

In der Früh, man lernt ja dazu, überprüfen wir den Ladebalken, also den Ladezustand der Batterien. 93%, super. Fünf Minuten Später 0% – nicht super. Man könnte auch sagen: Sch….e!!!! Also, haben wir jetzt das neue Plastikböxchen falsch eingebaut, oder was ist hier los? Gut ist es auf jeden Fall nicht.

Wir überprüfen das Plastikböxchen. Sitzt, passt, hat Luft. Daran kann es schon mal nicht liegen. Dumme Sache. Erst mal gehen uns die Ideen aus; die Hoffnung ist, dass es vielleicht ein Fehler in der Anzeige ist. Also, Motor an und weiter fahren. Das ist erst mal gut, weil über die Lichtmaschine laden sich auch unsere Batterien. Später am Tag sind die wieder voll. Erleichterung? Nun ja, das wissen wir auch nicht.

Ab jetzt prüfen wir den Zustand der Batterien stündlich. 17:07 Uhr, 100% Ladeszustand und ab jetzt stündlich immer bisschen was weg (klar, wir verbrauchen ja auch Strom), aber der Verbrauch ist im grünen Bereich. Um 22:40 Uhr, wir haben inzwischen Spaghetti mit Tomaten-Sahne-Sauce gekocht, ist der Ladezustand bei 93%. Gut. 22:52 Uhr (12 Minuten später!!!): Ladezustand 20% – ganz großer Mist.

Mit einem Voltmeter bewaffnet kriechen wir in den Kofferraum und messen die Batterien durch. Und zu unserem Entsetzen sagt auch der Voltmeter, dass die Dinger fast leer sind. Wir stecken Aloisius wieder an die Steckdose und geben ihm Saft, soviel er braucht.

Tag 1:

Da ja auch noch eine Webasto-Dieselheizung seit Längerem einen obskuren, nicht näher definierten Fehler meldet und nicht heizt, machen wir uns auf dem Weg in ein orientalisch anmutendes Industriegebiet östlich von Bursa zum lokalen Webasto-Service-Partner. Der schließt sein Analysengerät an und findet fix den Fehler: Abgase zu heiß, automatische Abschaltung, frieren. Der nette Herr löscht den Fehler, prüft ca. 1/2 Stunde lang die Heizung – alles prima.

Wieder auf dem Stellplatz machen wir uns nach dem Motivationsschub bei Websato daran, den Fehler in den Batterien zu finden. Hierzu bauen wir den Kühlschrank aus (unter dem sich die Batterien befinden), messen jede einzelne Batterie und noch einmal und noch einmal. Wir prüfen, überprüfen und testen und prüfen und testen und hoffen und bangen und prüfen und testen.

Das Resultat lässt sich kurz zusammenfassen: Batterien sind futsch, hinüber, kaputt und wie Flasche leer. Alles und nichts hilft, wir brauchen neue Batterien. Einziges Problem: wir stehen südlich von Istanbul und die neuen Batterien bekommen wir nur süd-westlich von Salzburg. Dumm auch: das sind nach Google Maps schlappe 1.935 Kilometer. Frustriert legen wir uns schlafen.

Tag 2:

Wir verabschieden uns von unseren treuen und hilfsbereiten Reisekompagnons, vereinbaren einen Treffpunkt in so ca. 10 – 14 Tagen irgendwo in der Zentraltürkei und brechen auf. Von Bursa geht es am Marmara-Meer entlang in Richtung Istanbul, das wir derart weiträumig umfahren, dass wir sogar das Schwarze Meer sehen. Am Nachmittag nehmen wir die erste Landesgrenze im Schweinsgalopp, (Willkommen in Bulgarien) und rauschen noch bis Sofia weiter. Die Nacht verbringen wir zwischen einem Reifenhandel und jeder Menge röhrender Kühltransporter.

Tag 3:

Das sonore Brummen der Kühltransporter hat uns auch am Morgen wieder. Fix frühstücken und ganz früh auf Achse. Heute müssen/wollen wir knapp 850 Kilometer schaffen – bis Zagreb in Kroatien. Eine gewissen Herausforderung bei eine Maximalgeschwindigkeit von 84 km/h, zwei Landesgrenzen, Pipi-Pausen und Verzweiflung. Spät am Abend rollen wir in Zagreb völlig erschöpft auf einen Campingplatz, duschen und essen in einem nahe gelegenen Restaurant eine Riesenpizza. Bevor der Kopf auf sein Kissen fällt, sind die müden Leiber schon im Wunderland der Träume angekommen. Wir sind fix und fertig. 1.500 km in zwei Tagen, inklusive Grenzübergängen – eine straffe Leistung, finden wir!

Tag 4:

Heute sind es ja „nur“ noch gute 450 Kilometer. Pillepalle. Zu „99 Luftballons“ von Nena und „Easy Livin`“von Uriah Heep holpern wir der Alpenrepublik entgegen. Um 14:18 Uhr, nach exakt 1.966,3 Kilometern, rollen wir in Saalfelden auf den Parkplatz von Mc Donalds und feiern die Ankunft bei Big Mac, Pommes, einem extra Cheeseburger und einer eiskalten Cola.

Tag 5:

Bestandsaufnahme in der Werkstatt. Die Techniker arbeiten mit Hochdruck an der Lösung unseres Problems. Messen die Batterien, testen die Batterien, belasten die Batterien, laden die Batterien. Ganz nebenbei nehmen sie sich auch der Websato-Dieselheizung an; die hat nämlich unterwegs schon wieder der Geist aufgegeben.

Tag 6:

Webasto-Dieselheizung ist kaputt – muss getauscht werden. Batterien sind auch kaputt – müssen auch getauscht werden. Beides soll morgen da sein und mit bisschen Glück auch noch eingebaut werden.

Tag 7:

Webasto-Dieselheizung ist da und eingebaut. Batterien nicht. Warten auf die Batterien. Gemäß Tracking-Nummer stehen die in Mitteldeutschland im Stau.

Tag 8:

Batterien sind in Salzburg – bow, nur noch 120 km weit weg von uns. Gegen Mittag treffen die Batterien ein, die Techniker verbauen sie sofort und beginnen mit, genau: messen, testen, belasten und laden.

Tag 9:

Noch ein paar letzte Tests, um auch wirklich sicher zu gehen, dass die neuen Batterien jetzt einwandfrei funktionieren. Das tun sie! Hurra und Danke!

Tag 10 – 12:

Jetzt wieder alles zurück. Österreich, Slovenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Türkei. An Tag 12 überqueren wir wieder die türkische Grenze, zurück auf „0“. Das Abenteuer Türkei, jetzt im Mini-Format, kann kommen. Und es wird spannend bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Doris 7 Monaten ago Reply

    Da habt Ihr so ein tolles Gefährt, bestens gewartet und für die große Fahrt penibel durchgecheckt – und dann passiert sowas! Nun könnt Ihr Euch in den Job eines Truckfahrers, der im Schnelldurchgang tag-täglich Europa durchquert, gut hineinversetzen – eine Erfahrung, die man ja nicht unbedingt gemacht haben muss!

  2. Mama und Vera 7 Monaten ago Reply

    Liebe Tina, lieber Jakob, wir wünschen Euch eine gute Einreise in den Iran und hoffentlich bleiben Eure Batterien und Eure Heizung in Ordnung, damit Ihr Eure Abenteuer bestehen könnt. Wir freuen uns schon auf neue Bilder und Eure Berichte. Liebe Grüße aus Venedig, Mama, Vera und Niki.

  3. Charly Schwabing 7 Monaten ago Reply

    Ihr zwei Himmelhunde… auf dem Weg um den Planeten. Prima Start, so eine persönliche Prüfung auf Frustrationstoleranz ist pädagogisch wertvoll. Keep on rocking!

  4. team birdfarm 7 Monaten ago Reply

    Hey, da seid ihr ja ganz schön gestraft. Aber nebenbei, das erinnert mich an meine Tortur mit der Abgasrückführung.
    Aber ihr seid ja schon wieder auf Tour; drücken euch beide Daumen für die weitere Zeit.
    Der mit Kopfschmerzen geplagte Nobby.

    Grüsse Team birdfarm