Wieder mal im Westen

Über Ödnis, Kunst und Meer

24.05. – 22.06.2016

Anm. d. Red.: Bevor es los geht: der ein oder andere hat uns gefragt, wieso die Bilder keine Betitelung hätten. Jetzt haben alle Bilder seit Australien 2016 einen Titel bekommen. Im Mouse-Over-Effekt: mit Maus aufs Bild, NICHT klicken, Titel wird angezeigt. 

Geradeaus, an der nächsten Möglichkeit rechts, dem Strassenverlauf folgen, vor der nächsten Ortschaft links, dann gleich wieder rechts, wieder der Strasse folgen. Fast da! Noch einmal schnell links, kurz darauf rechts abbiegen und auf die Zielgerade. Hinter uns liegen 2.800 Kilometer und vor uns das endlose Blau des Meeres. Geschafft! Klingt wie ein Katzensprung, war aber eher eine Reise durch die endlosen Galaxien öder Steppen, noch langweiligerer und noch größerer Steppen und all das eingerahmt von niedrigen Büschen in öder Steppe. Was nach sechs Tagen Fahrt hinter uns liegt, ist ein Teil des „longest shortcuts in the world“, der Great Central Road von Alice Springs im Zertrum Australiens an die Westküste.

Unterbrochen wird diese grandios große Ödnis jedoch von drei echten Highlights: klar, dem Ayers Rock, dem Übervater aller großen Steine. Und im Schatten dessen eine temporäre Lichtinstallation des englischen Künstlers Bruce Munro: in die Tiefen des Nichts und der pechschwarzen Nacht hat Munro 50.000 solarbetriebene Lichtkugeln gesteckt – das „Field of Light“. Dessen leuchtende Farben wechseln beständig zwischen klarem Weiß, kräftigem Gelb, strahlendem Blau und intensivem Karmesinrot. Atemberaubend!

Weiter im tiefen Westen, im Lake Ballard, einem meist trockenen See, der mit einer glänzenden, weißen Salzkruste überzogen ist, faszinieren uns dann die weitläufig aufgestellten Stahlskulpturen des britischen Künstlers Antony Gormley. Mitten in die weißen Weiten des Seebodens hat Gormley auf knapp 50 Quadratkilometern 51 dem Menschen ähnelnden Figuren in den Boden gerammt. „Mind blowing“ – wie der Australier sagt.

Und irgendwann, nach 2.800 Kilometern seit dem Roten Zentrum und Alice Springs, können wir es sehen: Meer! Endlich! Wir springen aus dem Auto, rennen zum Strand, werfen uns in die weichen Dünen, lauschen dem Geräusch heftiger, sich am Strand brechender Wellen, riechen salzige Meeresluft und sind überglücklich. Schon lange hatten wir uns nicht mehr so sehr auf Meer gefreut! Und noch dazu sind wir sowas von froh, dass diese nicht enden wollende, langweilige Etappe endlich vorbei ist.

Nahe dem kleinen Örtchen Dongara finden wir einen wunderschönen Stellplatz direkt auf einer hohen Düne, vor uns nichts als ein ein weiter, fast menschenleerer Strand und das wild tosende Meer. Wir bleiben ein paar Tage, machen endlose Strandspaziergänge, sammeln Unmengen wunderschöner Muscheln in allen Größen und Farben und erleben die Natur von all ihren Seiten: strahlender Sonnenschein mit australisch-winterlichen Temperaturen um die 24°C, aber auch heftigen Sturm und Regen mit Böen von bis zu 90 km/h. Oben auf der Düne schaukelt unser dicker Aloisius gewaltig, es fühlt sich an wie eine Dampferfahrt durch einen Orkan.

Wunderschön ist es hier, doch irgendwann heißt es trotzdem Abschied nehmen von diesem schönen Fleckchen Erde. Auf geht’s zum westlichsten Punkt Festlandaustraliens, zum „Steep Point“. Auf dem Weg machen wir noch einen kurzer Zwischenstopp im Kalbarri Nationalpark mit seinen bizarren, schroffen Steilküsten und in der Sonne rot-weiß leuchtenden Schluchten, bevor ein kleines Stückchen weiter nördlich das Paradies wartet:  Shark Bay – weltweit einzigartig und traumhaft schön!

Ganz am westlichen Ende der Shark Bay befindet der „Steep Point“, ein wahrer Traum aus Sand und Meer. Kristallklares Wasser, einsame Buchten, hohe Steilküsten, unterbrochen von flachen Sandstränden, eine Handvoll Fischer und noch weniger Besucher. Und ein wunderschöner Übernachtungsplatz, den wir wohl nie im Leben vergessen werden: einsam, direkt am Strand gelegen, schaukelt uns das sanfte Gurgeln der Wellen in den Schlaf. So schön das Ziel, so spektakulär die Anfahrt: auf einem kleinen, sandigen Track wühlen wir uns mitten durch eine sagenhafte, meist schneeweiße Dünenlandschaft, den Ozean immer im Blick. Und am Stepp Point haben wir uns einen Traum erfüllt: wir waren nun, beide Australienreisen kombiniert, am westlichsten und östlichsten Punkt Festlandsaustraliens, am nördlichsten und südlichsten Punkt Gesamtaustraliens und dem geografischen Zentrum dieses riesigen Kontinents!

Nicht weniger eindrucksvoll und von ebenso einzigartiger Schönheit sind die Küsten und Landschaften im winzigen Cape Peron Nationalpark im Norden der Shark Bay. Hier am Strand finden wir (wieder einmal) riesige, fast unbeschädigte Muscheln und erleben einen Sternenhimmel, wie wir ihn selten erlebt haben.

Und wie wir da so am Strand sitzen, hören wir ihn, ganz leise am Horizont – den Ruf des Outbacks, der Einsamkeit auf rotem Sand. So lassen wir die Küste hinter uns, die Luft aus den Reifen und holpern über staubige Pisten nordwestlich zu einem geografischen Streitpunkt: dem Mount Augustus. Die einen sagen, er sei nach dem Ayers Rock der größte Monolith der Welt, andere bestreiten das. Egal, Mount Augustus ist auf jeden Fall ein sogenannter Inselberg. Riesig (immerhin würden zwei ganze und ein halber Ayers Rock hineinpassen) und unbekannt. Gott und die Welt rasen und reisen zum Ayers Rock, hier am Mount Augustus trifft man nur noch echte Outback-Freaks. Zugegeben, was seine „Ausstrahlung“ betrifft, kann er nicht mithalten mit Australiens bekanntester Sehenswürdigkeit. Doch beeindruckend ist er allemal. Und die schweißtreibende Besteigung auf 1.106 Meter mit ins Unendliche reichenden Ausblicken hat sich allemal gelohnt!

Mit dem Inselberg im Rücken durchfahren wir einen der für uns schönsten Landstriche Australiens. Auf kurviger, hügeliger Schotterpiste geht es weiter Richtung Norden, in die Pilbara-Region. Dichtes, satt grünes Spinnifexgras auf rotem Boden wechselt sich ab mit in der Landschaft verstreuten, riesigen Felsen, ausgetrockneten Flussläufen und tiefen Tälern, die den roten Boden durchschneiden. In der Mitte all dessen gelangen wir nach einem Tag Fahrt in das kleine, sympathische Bergbaustädtchen Tom Price. Die Stadt verdankt ihre Existenz dem hier zuhauf vorkommenden Eisenerz, welches in zahlreichen Minen abgebaut wird. Die Stadt ist aber auch das Tor zum weithin bekannten Karijini Nationalpark.

Es gibt nun zwei Wege in den Park: einfach und nicht so einfach. Der nicht so einfache führt erst mal an dem Park vorbei und hinten rum wieder herein. Auf der Karte schaut es aus wie ein kleiner Abstecher, an dessen Ende man auf den höchsten Berg Western Australias gelangen kann. Und zwar mit Alosius. Das erscheint uns ein schöner Gedanke. Also machen wir uns auf den Weg. Vom Highway geht es auf eine sehr gute Schottenpiste, die jedoch bald immer schmaler und schmaler wird. Bald fahren wir mehr neben den Spuren als in den Spuren, Bäume müssen gefällt, tiefe Gräben durchfahren und steinige Stellen umkurvt werden. Noch liegen knapp 9 Kilometer  und ungefähr 450 Höhenmeter vor uns und es geht immer noch durch die Ebene. Das wird steil. Doch soweit wird es nicht kommen.

Kunstvoll umkurven wir einen hereinragen Ast, kommen links neben die Piste und es knallt. Wir schauen uns ratlos an, da war doch nichts. Oder doch? Wir halten, steigen aus und da ist er schon, dieser Ton, den man nicht hören will, vor allem nicht am Arsch der Erde. Pfffffffffffffffff. Aus dem Reifen pfeift die Luft munter nach außen. Und was steckt im Reifen? Nicht ein spitzer Nagel, nicht ein scharfkantiger Stein, nein, ein kleines Stückchen Holz. Spitz, hart und scharf. Da war ein winziger Busch, den wir platt gefahren haben; ein widerspenstiger kleiner Busch. Das darf doch nicht wahr sein, ein Spreißel macht dem Reifen den Gar aus!

Premiere mit Aloisius – Reifenwechsel ist angesagt. Und das bei 180 kg pro Rad. Hurra. Drei Stunden später sind die letzten Radmuttern angezogen,  und wir fix und fertig. Und dunkel wird es auch. So bleiben wir an Ort und Stelle stehen, vorbei kommen tun hier eh nur Ameisen und anderes Krabbelgetier. Der Platz ist herrlich romantisch, eingerahmt von roten Bergen und grünen Büschen schlafen wir wie die Engel bei Vollmond.

 

Am nächsten morgen drehen wir um, fahren ganz, ganz vorsichtig wieder auf den Highway und zum Reifenfachhändler nach Tom Price. Ob wir jetzt noch in den weithin bekannten und so schönen Karijini Nationalpark fahren? Das steht nicht in den Sternen, sondern in den Wolken. Hier schüttet es wie aus Kübeln…

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  1. Doris 2 Jahren ago Reply

    Hallo Ihr beiden,
    wieder ein sehr interessanter Bericht über eine abwechslungsreiche Tour mit tollen Bildern! Super Idee mit der Beschriftung, klappt bestens. Besonders schön die Stimmung am Cape Peron, die Tiere – Phyton und Greenfish gefressen von Jellyfish, die Wahnsinns-Muschel und Jakob auf der London Bridge! Tina am Steuer macht sich auch sehr gut. Bin schon gespannt, wie’s weitergeht!

  2. Petra 2 Jahren ago Reply

    Ihr beide seid die Helden des Outbacks. Vielen Dank für diese tolle Story.
    Passt bitte weiterhin so gut auf euch auf.
    Liebe Grüße von
    Win & Petra

    • thehaeusgens 2 Jahren ago Reply

      Wir? Helden? Naja, jetzt haben wir einen Reifen gewechselt…. ob uns das zu Helden macht? Aber wir fühlen uns ob des Lobes geschmeichelt…

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