R.I.P.

Tragisches Ende eines großen Traums

Ende Juli wurde in Tadschikistan eine Gruppe Radtouristen von einem Terrorkommando des IS mit einem Fahrzeug angegriffen, dann sprangen mehrere Terroristen aus dem Fahrzeug und töteten insgesamt vier der Radfahrer aus der Gruppe. Zwei US-Amerikaner, ein Schweizer und ein Niederländer fielen diesem feigen Anschlag zum Opfer. Zwei weitere Radfahrer wurden verletzt, ein weiterer konnte unversehrt fliehen.

Wir hatten ein paar Wochen vorher in Osh (Kirgistan) die beiden getöteten US-Amerikaner kennengelernt, Lauren und Jay aus Washington. Wir waren zusammen vier Tage im gleichen Hostel, haben viel miteinander geredet, uns gegenseitig von unseren Reisen berichtet, über Träume und ferne Länder geratscht. Auch wenn sich unsere Wege danach wieder getrennt haben, so hatten wir doch viele schöne Momente gemeinsam. Wir haben aus der Presse vom tragischen Tod der beiden erfahren.

Lauren und Jay haben – so wie wir es auch tun – ihren Traum gelebt. Die beiden wollten drei Jahre lange quer durch die Welt radeln, ein Jahr waren sie schon unterwegs. Ihr tragischer und vollkommen sinnloser Tod haben uns sehr betroffen gemacht und gezeigt, dass nicht hinter jeden freundlichen Gesicht auch ein freundlich gesinnter Geist wohnt, aber auch wieder vor Augen geführt, dass man Träume leben muss. Im Hier und im Jetzt.

Um unsere Anteilnahme Ausdruck zu verleihen, hatten wir uns damals entschieden, auf Instagram einen kleinen Nachruf für die beiden zu posten. Dieser Nachruf hat dann irgendwie die Runde gemacht und eine Weile später wurden wir von der portugiesischen Wochenzeitung „Espresso“ angeschrieben, ob wir denn über Lauren und Jay, das Reisen und unsere Eindrücke nach diesem Anschlag sprechen wollen würden. Nach ein wenig Bedenkzeit haben wir zugestimmt, da es uns ein Anliegen war, Jay und Lauren einen Platz in der Presse zu verschaffen, dass Menschen aus anderen Ländern über die beiden lesen und Lauren und Jay nicht gleich – wie so oft nach solchen Anschlägen – im Medientamtam über alles Mögliche untergehen und vergessen werden.

Laueren und Jay, ihr werdet uns in Gedanken sicher noch ganz, ganz lange begleiten, wir werden euer Lachen nicht vergessen, das freudige Strahlen beim Plaudern über Träume und den manchmal auch grimmigen Blick beim Aufzählen von platten Reifen und anderen Pannen.

Wir hoffen, dass es für euch da oben im Himmel zwischen den Wolken ein paar tolle Radstrecken gibt.

Und hier der Artikel, der 13. August 2018 in der online Ausgabe von „Espresso“ erschienen ist.

Expresso _ “Se tiveres a oportunidade, explora o mundo, vive os teus sonhos”. O

 

Mit der Hilfe einer Bekannten haben wir den portugiesischen Text übersetzt bekommen. Auf portugiesisch klingt der Artikel ja ganz gut, als wir jetzt die deutsche Übersetzung in Händen hielten, sah es schon etwas anders aus. Das gesamte Interview mit uns wurde schriftlich, auf englisch und über Instagram geführt. Wenn wir nun mal vergleichen, was wir auf englisch geantwortet haben und was die Zeitung Espresso daraus gemacht hat – tja, da klaffen ein paar Lücken, die wahrscheinlich den mangelnden Englischkenntnissen der portugiesischen Autorin zu „verdanken“ sind. In der Summe „holpert“ der Text ein bisschen, aber es ist ja auch nicht ganz einfach, so ein Interview vom portugiesischen über’s englische, dann wieder ins portugiesische und jetzt am Ende wieder ins deutsche zu bringen. Da kann es schon mal Reibungsverluste geben… Hier dennoch die Übersetzung des portugiesischen Artikels:

„Wenn Du die Möglichkeit hast, erkunde die Welt, lebe Deine Träume.“ Das erzählen die Freunde von Jay und Lauren, die am 369. Tag ihrer Reise einem Anschlag zum Opfer fielen. Jay und Lauren gaben ihre Jobs auf, um die Welt zu erkunden. Sie waren mit dem Fahrrad unterwegs und wurden ermordet, als sie durch Tadschikistan reisten. Tina und Jakob sind Deutsche und bereisen ebenfalls die Welt. Auf ihren Reisen haben haben sich die Wege der beiden Paare für vier Tage gekreuzt. Sie haben viele Stunden zusammen verbracht, geredet und das Beisammensein genossen. „Diese Geschichte sollte die Leute inspirieren, das zu tun, was sie schon immer einmal tun wollten.“

Osh liegt mehr als 6.000 km von München, Deutschland, entfernt, ungefähr 11.000 km von Washington (DC), USA. Obwohl diese Städte Tausende von Kilometern voneinander trennen, sind sich die Deutschen Jakob und Tina sowie die Nordamerikaner Jay und Lauren zufällig begegnet – in der zweitgrößten Stadt Kirgistans. Es waren drei oder vier Tage Ende Juni, im Sunny Hostel im Zentrum der Stadt. Sie teilten sich die Küche und den Aufenthaltsraum. Dann fuhren Tina und Jakob weiter über die Seidenstrasse, jetzt sind sie in der Mongolei. Lauren und Jay radelten nach Tadschikistan. Dort wurden sie getötet, überfahren von einem Auto.

„Eine Geschichte wie die von Lauren und Jay sollte die Leute inspirieren, das zu tun, was sie schon immer einmal tun wollten, ihre Träume zu realisieren“. Dem Espresso erzählt Jakob bei der ersten Kontaktaufnahme (Anmerkung von theheausgens: das Interview fand ausschließlich über Instragram statt) , dass er mit Tina seit einigen Tagen in der Mongolei sei und bittet darum, sich „in ein paar Stunden“ weiter zu unterhalten, da es in der Mongolei bereits Nacht sei. Am nächsten Tag kommen wir ins Gespräch: „ Erklimme die Berge, die Du schon immer erklimmen wolltest, fahre Deine Traumstraße, die Du schon immer fahren wolltest oder bereise die Welt mit dem Fahrrad – fühle die Freiheit und die Genugtuung, wenn Dein nächstes Ziel erreicht hast. Je mehr Ziele man erreicht, desto größer ist die Befriedigung und die innere Freude.“

So wie Lauren und Jay bereisen auch Tina und Jakob die Welt. Doch die Deutschen haben eine Art Zwischending zwischen Wohnwagen und Lastwagen als Reisemobil gewählt. „Die meisten Touristen, die wir auf unserer Reise (Anmerkung von thehaeusgens: in Tadschikistan) getroffen haben, sind Radfahrer, es gibt wirklich sehr viele.“

Im Hostel, in dem die vier sich getroffen haben, sind Jay und Lauren ein paar Tage länger geblieben als geplant. Sie hatten ein technisches Problem und mussten zur Fahrradwerkstatt gehen. Außerdem warteten sie auf den Besuch von Freunden, die mit dem Flugzeug zu ihnen stossen wollten. „Laura hat sich in ein Babykätzchen verliebt, das zum Hostel gehörte, es hieß Sunny. Sie hat immer mit ihr gespielt.“ Von Sunny gibt es zwei Fotos auf „Simply Cycling“, dem Blog und dem Profil auf Instragram, das von dem Paar als eine Art Reisetagebuch geführt wurde.

In den wenigen Tage, sie sie zusammen verbrachten, tauschten sie Erfahrungen aus, redeten über vergangene Reisen und die, die noch vor ihnen lagen. Zufällig hatten beide ein gemeinsames Ziel: Australien. Sie redeten über dies und das. „Sie waren beide sehr begeistert von der Tour, die sie als nächstes über den Pamir Highway machen würden und stellten uns verschiedene Fragen.“ Als sie sich trafen, kamen Tina und Jakob gerade aus Tadschikistan, Jay und Laura bereiteten sich auf ihre Reise dorthin vor.

Etwa einen Monat, nachdem sie sich getroffen hatten, fuhr das amerikanische Paar mit weiteren fünf Fahrradfahrern auf einer Straße Richtung Danghara, Tadschikistan. Ein Auto kam vorbei, überführ sie und fuhr weiter. Sie lagen am Boden, ihre Beine in den Fahrrädern verfangen. Der Fahrer verlangsamte das Auto, setzte zurück und fuhr erneut über sie hinweg. Lauren und Jay waren sofort tot, zwei weitere Opfer waren schweizer und die niederländische Staatsbürger. Es war der 369. Tag ihrer Reise.

Um diese Zeit passierten Tina und Jakob die Grenze von Russland in die Mongolei. Sie lasen in den Nachrichten davon und realisierten erst später, dass es Jay und Lauren waren, die Opfer dieses Attentats geworden waren, welches der IS für sich beanspruchte. „Sie waren extrem begeistert über ihre Reise mit dem Fahrrad. Sie waren überaus herzlich und weltoffen und voller Enthusiasmus, ihren Traum zu realisieren. Sie lebten ihren Traum und zahlten dafür den höchsten Preis überhaupt. Sie waren absolut begeistert davon. Ich glaube, sie hätten gerne der Welt gesagt: wenn Du die Möglichkeit hast, erkunde die Welt, erfülle Dir Deine Träume. Wir haben nur dieses eine Leben. Lebe es.“

Die Reisenden aus München sowie auch Lauran und Jay wissen, dass es gefährliche Gegenden gibt, vor allem im Mittleren Osten. Sie würden nie das Risiko eingehen, ein Land zu bereisen, in dem die Gefahr offensichtlich ist, wie zum Beispiel Syrien. „Als wir unsere Reise entlang der Seidenstraße geplant haben, haben wir jede mögliche Information eingeholt, beispielsweise vom Auswärtigen Amt. Dort sind alle Länder der Welt detailliert beschrieben. Mit diesen Informationen muss man dann Entscheidungen treffen.“ Tadschikistan, wo Lauren und Jay starben, war nicht eines der Länder, die als problematisch galten. Im Gegenteil, 2018 sollte für dieses Land das Jahr des Tourismus werden.

„ Die Terroristen, die den Terror verbreiten, gewinnen, wenn sie es schaffen, dass keiner mehr seine Häuser verlässt. Sie dürfen und werden nicht gewinnen“ unterstreicht Jakob in Erinnerung an das Weihnachtsmarktattentat vor eineinhalb Jahren in Berlin. „Wir müssen uns bewusst sein, dass es Gebiete gibt, in die man nicht gehen sollte, aber die Länder, die wir bereisen, sind verhältnismäßig sicher. Wir sind immer vorsichtig, aber so eine schreckliche Attacke, wie sie passiert ist, kann man nicht verhindern.“

Es ist über ein Jahr her, dass Lauren und Jay das gemacht haben, was viele gerne machen würden: den Job kündigen und die Welt bereisen. Sie verließen die USA in Richtung Afrika, durch Europa und weiter nach Asien. Sie wollten mit dem Fahrrad einmal um die Welt. Sie wollten die Welt bereisen: Elefanten in Botswana sehen, in Malawi campen, am Nungwi-Strand auf Sansibar entspannen, die orthodoxen Kirchen in der Türkei anschauen oder zum Ort Sary-Tasch in Kirgistan hinauf strampeln. Sie wollten es und haben es gemacht.

Wenn ihr großes Ziel, Asien zu bereisen, wirklich erreicht ist, hätten sie weitere Pläne.“Wenn wir so weit kommen, dann sind Australien und der amerikanische Kontinent dran“. Ihr Plan war, mindestens noch zwei Jahre um die Welt zu radeln.

Ein gemeinsamer Traum

So ähnlich wie Lauren und Jay haben auch Tina und Jakob den Plan, bis nach Australien zu reisen. Die Nordamerikaner wollen mit dem Fahrrad dorthin, die Deutschen mit ihrem Reisemobil, das sie auch für die jetzige Reise nutzen.

„ Wir machen diese Reise, weil wir die Welt mit unseren eigenen Augen sehen wollen. Wir wollen die unterschiedlichsten Leute kennen lernen und mehr über andere Kulturen und Ländern lernen. Es gibt keine guten oder bösen Länder, es geht immer um die Menschen in diesen Ländern“ sagt Jakob. Das ist die vierte Langzeitreise der beiden (Nordamerika, Südamerika (Anmerkung thehaeusgens: da waren wir eigentlich nie…), Australien und Neuseeland). Sie ist 43 Jahre alt, er 44. Sie hat in der Hotellerie gearbeitet und ist Autorin von Reiseführern. Er, der immer am Steuer sitzt, hat Marketing studiert und ist Fotograf.

Im Februar diesen Jahres verließen sie München, um über die Seidenstrasse bis in die Mongolei zu fahren. Sie führen einen Blog mit Geschichten und Fotos: thehaeusgens.com. „Wir haben unglaubliche Menschen kennengelernt, die uns mit offenen Armen empfangen und geholfen haben. Sie haben uns Geschenke gemacht und vor allem haben sie uns geholfen, ihre Länder zu verstehen.“ Sie reden insbesondere über den Iran, von dem sie überrascht waren. „Seid willkommen, erlebt unser Land, es ist sehr viel besser ist als unsere Führer“ ist ihnen immer wieder gesagt worden.

Sie sind durch Australien (Anmerkung thehaeusgens: hier ist wohl eher Österreich gemeint), Kroatien, Montenegro, Albanien, Griechenland gefahren. Über die Türkei gelangten sie nach Asien. Weiter ging es in den Iran nach Azerbaijan, das Kaspische Meer, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan. Über Kasachstan ging es dann in Richtung Russland und letztendlich in die Mongolei.

Jetzt bereiten sie sich auf die Rückreise Richtung Heimat vor, schon mit neuen Reiseplänen. Denn so, wie auch Lauren und Jay es vorhatten, wollen auch Tina und Jakob weiter die Welt erkunden.

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  1. team birdfarm 1 Monat ago Reply

    Tolle Worte und Gedanken eurerseits, aber echt sch…..
    Wie gesagt: lebe deinen Traum, aber träume auch nicht!!!