Southern Comfort

Unterwegs in Kalifornien!

14.10.2008 – 26.10.2008

USA: VON SAN DIEGO NACH PALM SPRINGS

Schauen wir uns Los Angeles auf einer Kalifornien-Karte an, so stellen wir fest, dass deren maximale Nordwest-Südausdehnung bei einem Maßstab von 1:1.150.000 ziemlich genau der Entfernung zwischen der Stadtgrenze Los Angeles und der von San Diego entspricht. Machen wir uns auf den Weg. Die letzten Meilen Richtung Süden in diesem riesigen Land liegen vor uns.

La Jolla und warum hier Seehunde vor Gericht stehen

La Jolla, spanisch für Juwel (Aussprache so irgendwo zwischen La Joya und La Hoi-Ja) ist eigentlich keine eigene Stadt, sondern ein Vorort von San Diego. Von den knapp 30.000 Einwohnern wird es aber gerne als eigene Stadt gesehen und irgendwie ist es das auch. Downtown San Diego ist weit weg, und die endlosen Touristenströme Richtung Seaworld machen hier auch nicht halt. Vielleicht auch gut so.

La Jolla, gerne als das Monte Carlo Kaliforniens bezeichnet, ist wunderbar. Die Lage am Meer, zahlreiche, weitläufige Strände, Klippen, Seelöwen und viele Seehunde. Die nicht enden wollende Strandpromende lädt ein zu langen Spaziergängen, wobei man wunderbar die Wassersportler beobachten kann. Große Teile der Bucht zwischen San Diego und La Jolla sind Unterwasserschutzgebiet und eines der ganz wenigen, die für Taucher direkt vom Strand aus erreichbar sind. So ist es jedes Mal ein Bild für Götter, wenn einer dieser Froschmänner rückwärts (damit er nicht über seine Flossen fliegt) den Strand hinunterwatschelt; noch besser sind aber all die Anfänger, die den Weg vorwärts zurücklegen wollen: Beinchen mit Flossen dran hochgehoben, einen Riesenbogen in der Luft vollziehend und schwankend versuchend, nicht über die Flosse zu stolpern. Irre komisch.
Beeindruckend zu beobachten sind auch die Surfer, wie sie gewandt und cool die Wellen reiten. Es wirkt so kinderleicht und muss wohl doch so schwierig sein. Wobei eine Surfschule damit wirbt, aus jedem Anfänger innerhalb von 60 Minuten einen Wellenreiter zu machen. Es klingt verlockend, aber wir können widerstehen, war das Wasser doch recht eisig.

Eine echte Besonderheit und Attraktion von La Jolla sind die Seelöwen und Seehunde bzw Robben. Wildlife watching mitten in der Stadt! Was genau der Unterschied der beiden Gattungen ist, das herauszufindenhat auch uns ein wenig Zeit gekostet. Seelöwen gehören zur Gattung Ohrenrobben; das wiederum will uns sagen, dass Seelöwen (oder Ohrenrobben) Ohren haben. Robben (engl. Seals) dagegen haben keine Ohren, oder wenigstens keine so großen (bis zu 5 cm lang werden die Ohren der Ohrenrobben). Auch machen Seelöwen, respektive Ohrenrobben, laute Grunzgeräusche, Robben sind still und leise. Zudem hat der Seelöwe (oder die Ohrenrobbe) eine markantere Schnauze und einen Bart.

Nachdem die biologischen Grundvoraussetzungen gelegt sind, wollen wir nun zur Problematik übergehen. Seelöwen leben eigentlich nicht in Gruppen, wenn überhaupt, dann in kleinen. Anders die Robben. Die kommen, ähnlich campierenden Rentnern, eher in großen Rudeln daher. Bis zu 250 (Robben, nicht Rentner) können es sein. Im Gegensatz zu campierenden Rentnern stehen Robben unter Artenschutz. Und hier beginnt die Problematik. Was machen, wenn geschützte Tiere an einem öffentlichen Strand landen und diesen zu ihrem neuen Zuhause erklären? Man könnte meinen, nicht viel. Ist ja schön, dass man dann von der Strandpromenade aus wilde Tiere beobachten kann.

Vor vielen Jahren ging nun an besagtem Strand eine Dame baden. Am Strand Ruhe suchend, vertrieb die Dame die dort sonnenbadenden Robben. Just dies ist aber strengstens verboten („It is a crime under the Marine Mammal Protection Act for anyone—including the City of San Diego—to “harass” any marine mammal“). Die Dame wurde bei ihrer Gesetzesüberschreitung von der Polizei beobachtet und mit einem Strafzettel über $10 versehen. Von den Robben in ihrem uramerikanischen Recht auf Freiheit und Erholung eingeschränkt, zog die Dame augenblicklich vor Gericht. Und gewann. Sagenhafte $ 1,3 Millionen dafür, dass sich die Robben an einem öffentlichen Strand befinden und die Dame „belästigten“. Dies alles ereignete sich vor 13 Jahren.

Seitdem ist ein heftiger und langwieriger Rechtsstreit zwischen der Dame, der Stadt und Robbenbefürwortern ausgebrochen. Die Dame will keine Robben, die Stadt ist verpflichtet, für die Sicherheit der Anwohner zu sorgen, und die Robbenfans sagen, dass es ja noch genügend Strand drum rum gibt. Momentaner Stand der Dinge ist, dass die Robben dieses Jahr noch bleiben dürfen, um ihre Babys im Dezember zu bekommen. Aber nächstes Jahr soll der Strand dann endgültig für die Robben platt gemacht werden. Ganz nach dem Credo: damen- aber nicht robbentauglich. Der Rechtsstreit wird in die nächste Runde gehen.

San Diego – eine Stadt zwischen Wüste und Meer

Willkommen in San Diego, der letzten US-amerikanischen Bastion vor Mexiko. Im Westen wird die Stadt vom Pazifik, im Osten von Bergen und der Anza-Borrego-Wüste begrenzt, im Süden reicht das Stadtgebiet fast bis zur mexikanischen Grenze. Das Klima in San Diego wird häufig als „perfekt“ bezeichnet. Warm, nicht zu heiß und wenig Regen.

San Diego ist freilich auch eine Stadt mit einer bewegten Geschichte. 1927 wurde hier ein Flugzeug, ein Schulterdecker aus Stahlrohr und Holz, die Ryan M-2, gebaut. Am 21. Mai 1927, nach 33 ½ Stunden Flug, waren sowohl das Flugzeug, sein Pilot als auch eine kleine Stadt auf der Grenze zwischen Missouri und Illinois weltbekannt: Charles Lindbergh war mit seiner „Spirit of St. Louis“ der legendäre erste Transatlantikflug gelungen. 1941, nach dem verheerenden japanischen Angriff auf Pearl Harbor, verlegte die United-States-Navy das Hauptquartier ihrer Pazifikflotte nach San Diego, womit einer der größten Militärstützpunkte der USA geboren war. Am 25. September 1974 fand der erste so genannte Triathlon statt. 1981 nahm die Stadt mit ihren San Diego-Trolleys das erste Straßenbahnnetz der USA in Betrieb. Einen traurigen und grausamen Rekord hält die Stadt jedoch auch: am 18. Juli 1984 lief der 41-jährige James Huberty Amok, betrat eine McDonald’s-Filiale, erschoss wahllos 21 Menschen und verletzte 19 weitere, ehe er von der Polizei erschossen wurde.

San Diego und sein maritimes Erbe

Dank der Präsenz der US-Navy und des riesigen Hafens gibt es in San Diego auch sehr, sehr viele Schiffe zu sehen und zu besichtigen. Den besten Überblick über den riesigen Hafen und seine Besonderheiten bekommt man während einer zweistündigen Hafenrundfahrt. Vorbei an militärischen Werften, nagelneuen super-duper-unsichtbaren Kriegsschiffen (manch modernes 200 m langes Kriegsschiff ist so gebaut, dass es auf feindlichen Radaren nicht größer als ein Fischkutter erscheint) und einem Lazarettschiff, das, wenn man es an Land ziehen würde, das drittgrößte Krankenhaus des Landes wäre (1.100 Betten). Eigentlich ist alles, was die Navy zu bieten hat, vor Ort, sogar ein atomgetriebener Flugzeugträger und ein ebenso befeuertes U-Boot! Über den atombetriebenen Flugzeugträger sagt der Sprecher auf der Hafenrundfahrt mit stolz erfüllter Brust, dass man den ja nur alle 25 Jahre betanken müsse; so was sei doch auch was für zu Hause. Man hat den Eindruck, Atomkraft ist hier in den Staaten noch immer das Allheilmittel und absolut ungefährlich. Vor allem in einem Kriegsschiff. Klingt irgendwie logisch, oder?!

Zu besichtigen ist die USS-Midway – ein Trumm von Schiff. Die Midway ist ein 1945 in Dienst gestellter Flugzeugträger und war bis 1992 im Dienst. 1991, während des ersten Golfkrieges, war die Midway als das älteste Schiff vor Ort noch im Einsatz, zugleich war sie jedoch auch die Kommandozentrale für die gesamte Operation. Die Midway hat so einige Besonderheiten aufzuweisen: 1947 wurde eine in Deutschland gebaute und von den Siegermächten eroberte V2-Rakete von der Midway abgeschossen; der erste Abschuss einer Rakete von einem Schiff. Sozusagen der Startschuss zur modernen Kriegsführung. Auch war die Midway das erste Schiff der Navy, das seinen Heimathafen außerhalb der USA hatte, nämlich für 18 Jahre in Yokosuka, Japan. Und: die Midway war das am längsten in Dienst stehende Schiff der Navy. In ihren 47 Jahren taten insgesamt fast 250.000 Soldaten auf ihr Dienst.

Auf Nachfrage, ob es denn möglich sei, die Midway wieder seetüchtig zu machen, erfahren wir, dass die Navy einige ihrer ausgemusterten Schiffe an geheimen Orten „aufhebe“ (wir fragen uns, wie man denn einen Flugzeugträger am besten versteckt), diese pflege und damit im schlimmsten Fall wenigstens noch ein paar alte Pötte zur Verfügung habe. Die Midway selbst sei allerdings nicht mehr reaktivierbar, zu viel sei ausgebaut worden, und jetzt sei sie ein reines Museumsschiff.

Die Besichtigung des „Museums“ dauert dann auch seine Zeit. Fast drei Stunden. Bei den Ausmaßen auch kein Wunder: 303,8 m lang (1945 waren es nur 295,2 m), 75,5 m breit (1945: 41,5 m) und Platz für 4.104 Besatzungsmitglieder. Allein das unterm Flugdeck (Start- und Landebahn) liegende Hangardeck ist so riesig, dass man eine kleine Ewigkeit braucht, dieses zu durchqueren. Über enge, steile Treppen und Leitern gelangt man in das Innere und ist nach unzähligem Abbiegen und Rauf- und Runtergeklettere ist immer wieder erstaunt, wo man rauskommt. Schnell verliert man jede Orientierung. Um dieses Museum beeindruckend zu finden, muss man bei Leibe kein Kriegsschiffliebhaber sein; die schiere Größe und Komplexität einer solchen Maschine sind einfach unglaublich. Im Ankerraum wurde auf See Gottesdienst gehalten, es gab mehrere Frisöre (jeder Mann an Bord musste alle 10 Tage zum Scheren), unzählige Kombüsen, ein Krankenhaus, vier Motoren mit insgesamt 212.000 PS, einen Zahnarzt, zwei Geistliche, Lagerräume für Proviant und Ersatzteile mit einem Wert von zuletzt $112 Millionen, ein Gefängnis, einen Supermarkt und eine Post. Alles in allem ist so ein Koloss eine schwimmende Festung mit allem Drum und Dran.

Ein Stückchen den Pier entlang findet sich dann auch gleich der ehemalige Feind in Form eines russischen U-Bootes. Klein, eng, stickig und nichts für Menschen mit Klaustrophobie. Aber im Sinne der Vollständigkeit des Besichtigungsprogramms haben wir uns grazil durch das U-Boot gequetscht. Ein U-Boot ist einer Honigwabe ähnlich in verschiedene Bereiche aufgeteilt, und diese sind durch kreisrunde Luken mit einem Durchmesser von etwa 60 cm verbunden. Da muss man erst mal durchkommen. Müssen alles recht schlanke Russen gewesen sein. Wäre aber auch blöd, wenn da so ein moppeliger borschtschhungriger Matrose stecken bleiben würde. Ginge ja nix mehr.

„Free Willy“ und der tödliche Kinnhaken

Woran denkt man, wenn man an San Diego denkt? Mexiko (weil nah), Palmen (weil warm) und, ja genau: Seaworld (weil da). Auch wir haben Seaworld einen Besuch abgestattet. Seaworld, einst Projekt junger Träumer, gehört heute zum Anheuser-Busch-Konzern (Budweiser); „Diversifizierung“ nennt man das.
Die Kritiker von Seaworld werden immer ihre Stimmen erheben, ob zu Recht oder zu Unrecht. Schwere Frage. Fakt ist, dass Orcawale Tiere sind, die viel Platz brauchen und gerne viel schwimmen. Auch können Orcas in Gefangenschaft extrem aggressiv werden. 1989, während einer Show, verpasste das Orcaweibchen Kandu V dem Neuankömmling Corky II mit ihrer Schnauze einen derartigen Bums auf den Unterkiefer, dass der laute Knacks für alle Besucher und Zuschauer im Stadium zu hören war. Nach 45 Minuten starb Corky II an diesem „Kinnhaken“. Entertainment hat seinen Preis.

Die Orcas haben eh gerade frei, und so schauen wir uns von den Shows nur die mit den Delfinen an. Nun gut, die leben auch alle in Gefangenschaft, machen lustige Dinge und ulkige Geräusche. Die Show ist aber wirklich recht beeindruckend. Besonders faszinierend zu sehen ist, wie Trainer und Tiere miteinander kommunizieren. Und wenn die Delfine dann mit ihren Schwanzflossen das Wasser aufschlagen und die ersten Reihen Zuschauer unter einem riesigen Platsch verschwinden, könnte man meinen, das sei die kleine, aber feine Rache der Tiere. Ganz nach dem Motto: „Ätsch!“. Dass die Zuschauer das ganz prima finden, ja das realisieren die Delfine wohl eher nicht.

Außer den Shows hat Seaworld noch ein paar Aquarien zu bieten und Pinguine. Echte, leibhaftige Pinguine. In einem auf -15C° gekühlten Riesenterrarium leben diese Watschelfüßler. Irre komisch, wie die laufen und sich tapsig ins Wasser plumpsen lassen, um dann mit einer seinesgleichen suchenden Anmut, Grazie und Agilität umherzuschwimmen.

Alles in allem ist Seaworld aber eher enttäuschend. Bei einem Eintrittspreis von stolzen $65/Person würde man ein bisschen mehr erwarten. Die Fahrgeschäfte (ja, auch so was gibt es hier) machen den Anschein, als seien sie mehr schlecht als recht aus den frühen 80er Jahren herübergerettet worden, die gesamte Anlage strahlt den Charme eines lange vernachlässigten Industriegebietes aus. Irgendwie ist Seaworld melancholisch und bedrückend. Enttäuscht ziehen wir von dannen und sind froh, auf unserer Reise bisher schon so viele Tiere in ihrer natürlichen Umgebung gesehen zu haben.

Erwähnenswert ist noch die Tatsache, dass Mitarbeiter von Anheuser-Busch versucht haben, die Texte auf Wikipedia dahingehend abzuändern, dass keine kritischen Worte über Seaworld und die dort gepflegte Tierhaltung zu finden sind. Auch wurde das Wort „Orca“ durch „Killerwal“ ersetzt. Erst ein Artikel der New York Times vom 19. August 2007 (siehe Links) brachte nicht nur diese Manipulation ans Licht, und der ursprüngliche, kritischere Text wurde wieder online gestellt.

Bai Yun, Zhen Zhen und 20 Stunden Schlaf

Bai Yun und Zhen Zhen sind in San Diego echte Stars. Menschen stellen sich in sengender Hitze an, um einen kurzen Blick auf sie zu erhaschen. Die beiden sind eher publikumsscheu, zieren sich ein bisschen, fast schon zickig, sind sie doch auch gewohnt, dass alles für sie sofort nach Wunsch gemacht wird. Sogar das Essen wird speziell und von der Öffentlichkeit abgeschirmt angebaut und zubereitet. Aber wer sind denn Bai Yun und Zhen Zhen, deren Namen auf Deutsch so viel bedeuten wie „Weiße Wolke“ und „Edel“? Es sind Pandabären! Zwei von den vieren, die im San Diego-Zoo leben.

Und auch auf das Risiko hin, uns lächerlich zu machen: die beiden sind wirklich süß! Und das kleine Pandababy Su Lin (“A little bit of something very cute”) erst recht. Zum Dahinschmelzen. Am liebsten würden wir Su Lin einfach einpacken und mitnehmen. Bai Yun aber ist der echte Star. Sie klettert Bäume hoch, lässt sich, ihren bepelzten Hintern voraus, an einem Seil wieder hinuntergleiten, verknotet sich in den Ästen und stülpt sich einen blauem Eimer über den Kopf.

Klar, es gibt auch noch andere Tiere im Zoo. Nasenbären, Erdhörnchen oder Warzenschweine. Alles nett und, naja, süß ist bei diesen Tieren eher das falsche Wort; eher…. interessant. Und dann gibt es da noch die Kualabären. Nirgends außerhalb Australiens gibt es mehr Kualabären. Nun gut, jetzt schlafen die guten Bären zwischen 18 und 20 Stunden am Tag, und die Action im Gehege hält sich in Grenzen. Es wirkt eher ein bisschen wie der Friedhof der Kuscheltiere. Man muss schon genau hinsehen, um diese grauen, zusammen gerollten Fellknäule in ihren Baumverstecken zu finden.

Apple Pie, eine Wüste und der erste Punkt unter Null

Keine 50 km Luftlinie von San Diego entfernt liegt in den Cuyamaca-Bergen versteckt die historische kalifornische Sehenswürdigkeit Nr. 412: das kleine Nest Julian. Hat man die wenigen Kilometer zurückgelegt, kommt man in einer anderen Welt an. Julian wurde im Zuge des kalifornischen Goldrausches in den frühen 1870ern gegründet und, mal abgesehen vom fehlenden Gold, hat sich bis heute nicht viel geändert. Aber es ist auch keine Museumsstadt. Die knapp 1.700 Einwohner wirken rustikal, verwurzelt, ein bisschen grimmig, aber dennoch herzlich und freundlich. Was früher das Gold war, sind heute die Äpfel. Julian, auf 1.219 M.ü.M. gelegen, bekommt an die 70 cm Niederschlag im Jahr. Beachtlich, bedenkt man, dass in den umgebenden, tiefer liegenden Tälern wüstenähnliche Verhältnisse herrschen.

Und hier gibt es auch in Mom’s-Pie-House den wahrscheinlich leckerste Apple Pie von ganz Amerika. Da es eh gerade Mittagszeit ist und unsere Bäuche unter nicht zu überhörendem Gegrummel Hunger anmelden, zögern wir nicht lange und verputzen in Nullkommanichts einen ganzen Pie. Wen wundert’s da, dass unsere Bäuche immer runder werden…

Über kleine, steile und kurvige Straßen geht es ostwärts. Mit jedem Kilometer und Verlust an Höhe ändert sich die Natur dramatisch. Bäume werden seltener, das Gras dunkler, die Temperatur steigt. Wüste. Das klassische Bild der Wüste sind ja Sanddünen, Kamele und in wallende Gewänder gehüllte Araber. Hier gibt es nichts dergleichen. Die Wüste ist steinig, mit Kakteen und vom gelegentlichen Regen ausgewaschenen tiefen Furchen. Das Kamel heißt hier Dodge oder Ford, hat 400 PS und Auspuffrohre mit dem Durchmesser der Wasserleitung einer Kleinstadt. Auch die Gewänder sind ein klein wenig anders: Kaki-Shorts, hochgezogene weiße Socken, strahlend weiße „Sneaker“ und ein welches Footballteam auch immer verehrendes T-Shirt. Auf der „371“ geht es durch atemberaubende Landschaft. Die Erde ist ein Farbenspiel aus unzähligen Braun-, Grau -, und Ockertönen, durchzogen von kargen Büschen und Felsen. Tiefe Täler, scharfkantige Bergrücken und ausgetrocknete Flussbetten durchziehen diese unwirtliche Gegend.

Auf dem weiteren Weg nach Palm Springs liegt noch ein weithin unbekanntes Kuriosum der Natur. Dass der Salton Sea (oder Salton Trough) unter dem Meeresspiegel liegt, wird wohl nur der versierteste Geograph wissen. Erstaunlich hierbei ist, dass dieser unbekannte kleine See (-69 Meter) am Rande der Anza Borrego-Wüste neben dem weltbekannten Death Valley unter den 10 am tiefsten auf der Erde gelegenen Punkten zu finden ist. Da der See abflusslos ist, ist er extrem salzhaltig und weist (schon heute) einen höheren Salzgehalt (4,4%) auf als die Weltmeere.

Eine Oase mit einem kosmopolitischen Touch

Im Gegensatz zu Salton Sea ist Palm Springs ein menschengemachtes Phänomen. In der nahen Umgebung von Palm Springs finden sich zwar einige echte Oasen, Palm Springs als Stadt ist aber eine von Menschenhand geschaffene grüne Oase in der Wüste. Besonders bemerkenswert sind die gut 80 (!) Golfplätze für gerade mal 43.000 Einwohner. Das bedeutet, dass sich 538 Menschen einen Golfplatz teilen müssen. Dies dürfte in den ganzen Staaten wohl die beste Ratio sein. Schenkt man der Frage „Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf?“ Glauben, wäre Palm Springs wahrscheinlich enthaltsamer als der Vatikan.

Palm Springs ist aufgeräumt, sauber und akkurat gepflegt (ähnlich einem Golfplatz) und nichts desto trotz sehr faszinierend. Dies mag vielleicht daran liegen, dass wir als Mitteleuropäer an Straßen gewöhnt sind, die mit Ulmen oder Kastanien gesäumt sind, nicht an bis zum Horizont reichenden Palmenalleen. Aber es sind nicht nur die Palmen. 330 Sonnentage gibt es hier, dank intensiver Bewässerung finden sich unzählige Farben der Natur, es gibt Gebäude, wie sie 70er Jahre-typischer nicht sein könnten, Pudelfrisöre und urige mexikanische Kneipen mit einem das Trommelfell bis an die Grenzen der Belastbarkeit beschallende Musik. Und sollte man in einer der Kneipen den einen oder anderen Tequila zu viel zu sich genommen haben – Glück gehabt, die weltweit angesehe Entzugsklinik, das Betty Ford Center, liegt gleich um die Ecke. Hier ist man dann auch endlich mal nah dran an den Stars und Sternchen. Fast alle waren sie schon dort: Elizabeth Taylor, Johnny Cash, Tony Curtis, Liza Minnelli, Ozzy Osbourne, David Hasselhoff…

Auch heute noch ist Palm Springs eine Oase für Prominente und die, die es gerne wären (uns selbstverständlich ausgenommen). Und dabei fing alles mit ein paar tennisspielenden Hollywoodgrößen der 1930er Jahre an. Um ungestört und abseits des Trubels ihrem Hobby frönen zu können, kauften sich Charlie Farrell und Ralph Bellamy (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen australischen Ingenieur und Rennwagen-Konstrukteur, aber kennen tut man wahrscheinlich eh keinen von beiden!) 80 Hektar Land und etablierten den Palm Springs-Racquet-Club. Der Erfolg ließ dann nicht lange auf sich warten, und bekannte Mitglieder wie Ginger Rogers, Humphrey Bogart oder Clark Gable fanden sich in der Mitgliederliste.

Palm Springs ist keine Stadt der Sehenswürdigkeiten, sondern des Erlebens, des in sich Aufnehmens. Einfach den Palm-Canyon-Drive entlang spazieren, gucken und diese einzigartige und gewiss auch ein wenig eigenartige Atmosphäre genießen. Da eröffnet sich einem das „Palm Springs Feeling at its best“. Oder mit dem Auto durch die weitläufigen Wohngebiete kreuzen, herrliche Architektur und Bepflanzungen genießen. Hier sollte man sich treiben lassen. Sicher, man kann hier alles in einem Tag gesehen haben, aber für das „Feeling“ ist jeder weitere Tag ein Gewinn.

Eine der wenigen „wirklichen“ Sehenswürdigkeiten ist der Palm Springs-Aerial-Tramway. Mit der steilsten Drahtseilschwebebahn der USA geht es auf 2.596 M.ü.M., und das Beste an der Gondelfahrt ist, dass sich das Innere der Gondel, ähnlich einem Drehrestaurant, während der Fahrt dreht. In den 20 Minuten, die die Fahrt dauert, dreht sich das Innere ca. 2 ½-mal um je 360° – ziemlich abgefahren! Und es erspart einem den Streit um den besten Fensterplatz. Die Ausblicke vom Gipfel des San Jacinto sind spektakulär. Die Blicke reichen über die Wüste, über bewaldete Berge und öde, trockene Landschaft. Am Horizont ist auch einer der weltgrößten Windradparks der Welt zu erspähen. Mit diesen Tausenden von Windrädern wird heute der Strom für über 60.000 Haushalte produziert.

Die Oase Palm Spring liegt hinter uns. Vor uns noch mehr Wüste, unzählige Bergketten und, ja, die Stadt der Illusionen, der Lichter und Hochhäuser mitten im Nirgendwo: Viva Las Vegas!!!!

 

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