Russland #2

Durch das größte Land der Welt

18.08. – 25.09.2018

Das wirklich Spannende am Reisen ist, dass man nie weiß, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Das wirklich Schöne am Reisen ist, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden, das Erlebte eine Überraschung ist. Das wirklich Tolle am Reisen ist, dass wir uns dann, wenn es uns gefällt, einfach ein bisschen mehr Zeit lassen (können).  Und das wirklich Aufregende am Reisen ist, dass die eigenen Vorstellungen und die Realität oft meilenweit auseinanderliegen.

Und jetzt stehen wir in Russlands wildem Osten. Von der Mongolei aus kommend bietet, ja drängt es sich geradezu auf, zurück nach Europa den Weg durch Russland zu nehmen. Direkt, gerade, einfach, schnell und effizient. Zu sehen gäbe es da ja eh nicht viel, die Landschaft öde und monoton, die Städte grau, plattenverbaut und trist. Spannend seien nur die beiden Städte Moskau und St. Petersburg, den Rest könne man vergessen. So oder so ähnlich ist der Tenor vieler Reisender, die wir getroffen haben. So oder so ähnlich ist das Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an Russland denken – den Medien sei Dank.

Die Einreise in das größte Land der Erde verläuft langwierig und mühselig. Die Mongolen winken uns zwar schnell durch, doch die russische Grenzstation ist gefühlt die Quelle allen Chaos’. Keiner weiß, wohin er muss, geparkt wird kreuz und quer, Beamte schicken uns schließlich in den zweiten Stock, doch das Treppenhaus dorthin ist gut versteckt. Dort angekommen wuseln gefühlt 46 Leute um ein 30 mal 30 Zentimeter großes Fenster herum, der dahinter sitzende Zöllner verliert langsam die Geduld und die Nerven. Formulare müssen gestempelt und gegengestempelt werden. Mit all den Papieren geht es wieder zu Aloisius, kein Weiterkommen. Erst nach Bitten und Betteln erbarmen sich drei Herren, uns zu filzen – sonst stünden wir heute noch dort. Irgendwann, nach über fünf Stunden, sind wir durch und wir fahren in eine vollkommen andere Landschaft.

Bäume, Wälder, Sumpflandschaft – schön ist es hier! Die Natur ist weit, das Grün der Bäume, das Braun der Sümpfe verschwimmt am Horizont mit dem tiefen Blau des Himmels. Und mittendrin in dieser sibirischen, archaischen Natur steht ein knallbunter buddhistischer Tempel. Buddhismus in Russland? Erstaunlich, diese Wissenslücken – wieder eine geschlossen. Der Tempel von Ivolginsky ist wunderschön und ein netter Ausklang der vergangenen Wochen in der Mongolei.

Die letzten Wochen in der Mongolei waren geprägt von der Nichtexistenz von Bäumen und die paar die es gab, waren auch eher tote Holzstumpfe. Mit dem Überschreiten der Grenze ändert sich das Bild – fast auf die Grenzlinie genau. Wald und Bäume, soweit das Auge reicht. Hügelauf, hügelab,  überall Bäume. Wald. Sonnenstrahlen funkeln grell und gelb durch dichtes Grün. Manchmal blitzt es blau zwischen den Bäumen hindurch. Und wie bei einer Theaterprämiere gleich öffnet sich plötzlich der Vorhang aus Birken, Braun und Grün und der Star liegt vor uns: der Baikalsee! Riesig, blau und tief. Mit über 1.600 Metern Tiefe ist es der tiefste See der Welt und vom Wasservolumen her der mit weitem Abstand größte See der Erde.

Wir finden einen schönen Platz für die Nacht direkt am Ufer und als wolle uns Russland jetzt so richtig willkommen heißen, dürfen wir eine phantastische Abendstimmung mit perfektem Sonnenuntergang über dem See genießen. Wie cool ist das denn! Trekkinghose aus, Badehose an und nichts wie rein. Das Wasser ist derart klar und rein, – da wird sogar Wodka draus gemacht – da kann Baden nicht schaden.

Nach all der Natur ist es nun Zeit für die erste große Stadt. Wir erwarten Plattenbauten, alles Grau und Grau und wenig nett. Ja klar gibt es in Irkutsk Plattenbauten, klar gibt es viel Grau, aber es gibt auch eine wunderbare Altstadt mit vielen Holzhäusern, netten Bars, pfiffigen Restaurants, überall auf den Strassen wird musiziert, flaniert, gelacht, geratscht und das Leben genossen.

In Irkutsk trennen sich so manche Wege, anderen finden sich. Hier treffen wir zum ersten mal auf den Verlauf der legendären „Transsib“ dem berühmten Zug, der von Moskau bis Vladivostok durch die scheinbare Endlosigkeit diesen Riesenreiches rumpelt. Ab jetzt geht es für uns sehr, sehr lange immer in Richtung Westen. Fast immer parallel zur „Transsib“.

Der so genannte „Sibirische Highway“ führt uns durch endlose Birken- und Kiefernwälder, deren langsam beginnende Herbstfärbung wunderschöne Farbkompositionen hervorbringt. Die Landschaft ist sumpfig. Tundra und Taiga, Russland pur. Jetzt sind wir mittendrin. Wie cool ist das denn!

Wir arbeiten uns Kilometer für Kilometer nach Westen vor und erleben einen Spätsommer (oder eher Frühherbst?) wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne lacht, tagsüber ist es ungewöhnlich mild für diese Jahreszeit, doch nachts wird es schon ganz schön frisch und bald schon liegt morgens eine dicke Raureifschicht auf Aloisius’ Dach.

Die Straßen sind gut, wir passieren unzählige Ortschaften mit verwunschenen, wunderschönen, niedrig gebauten und in herrlich bunten Farben bemalten Holzhäusern, an denen wir uns kaum sattsehen können. Umrahmt von Bauerngärten mit Blumen, Gemüse und Obst wirkt es wie eine augenscheinlich perfekte Idylle, fast wie aus Opa’s Fotoalbum. Es ist einfach schön!

Dazwischen ist lange und viel Nichts. Das Land ist riesig, das Meiste davon weder bewohnt, noch überhaupt zugänglich. Als wir nach ein paar Tagen Fahrt mal wieder die Weltkarte ausbreiten und gucken, wo wir waren und wo wir sind, wird uns erst richtig bewusst, welch Strecken wir hier gerade zurücklegen. Es ist enorm. Nur langsam ändert sich das Landschaftsbild. Birken und Russland, das gehört wohl einfach zusammen.

Was alle russischen Städte, klein oder groß, gemein haben, ist, wie könnte es auch anders sein: die Leninstatue. Mal ist es nur sein Kopf (aber dafür so groß wie ein Mehrfamilienhaus), mal steht er denkend und grübelnd dreinblickend hoch auf seinem Podest, mal forsch mit wehendem Mantel und gerne auch „wegweisend“ als „idealistischer Beschützer“ mit ausgestrecktem Arm da. Es ist erstaunlich, wie der gute alte Lenin als Denkmal daher kommt: groß, mächtig und kräftig, war er doch in Wirklichkeit eher klein, schmächtig und bescheiden – schließlich verfügte Lenin noch zu Lebzeiten, dass um seine Person kein Kult betrieben werden solle. Würde Lenin das heute sehen, er würde sich in seinem Mausoleum umdrehen…

Und russische Städte sind „prachtvoll“. Durch jede für ein breiter Boulevard, meist die Ulitsa Lenina, die Leninstrasse, meist gesäumt von herrlichen Häuserfassaden und von vielen Bäumen herrschaftlich aufgelockert. Unumstrittenes Zentrum aller Städte sind meist die riesigen Zentralplätze, „Ploschads“ und oft war auch Lenin hier der Namensgeber. Gäbe man auf google maps „ploschad lenina“ ein, man bekäme unzählige Treffer. Wir uns also nur einen Namen merken, um wieder in Zentrum zurück zu finden: Ploschad Lenina eben.

Das wirkliche Wahrzeichen Russlands sind aber weder Lenin-Statuen oder Ploschads, sondern Kirchtürme in Zwiebelform: farbenprächtig, golden, glänzend, bunt. Alle irgendwie gleich, alle doch einzigartig und vollkommen unterschiedlich. Je prunkvoller eine Kirche sein sollte, umso mehr Zwiebeln „steckten“ die Baumeister auf mal größeren, mal kleineren Türmchen einfach oben auf die Kirche drauf. Diese religiösen Zwiebeln sind derart schön, wir können nicht umhin, fast jede ausgiebig von allen Seiten und Winkeln zu fotografieren.

Und überhaupt die Kirchen. Noch nie haben wir in so kurzer Zeit so viele Kirchen bestaunt. Die russisch-orthodoxe Art fasziniert uns: bunte Fresken an den Wänden und Decken, riesige Kronleuchter, prunkvolle Ikonostasen – eine wahre Pracht, geballt und doch nicht überladen. Viele der Kirchen sind nur vom flackernden Schein unzähliger Kerzen beleuchtet, das Spiel aus Dunkelheit und Licht ist mystisch. Auffallend ist, dass es in den Kirchen keine Kirchenbänke gibt; bei Gottesdiensten wird gestanden. Wild durcheinander, immer ein bisschen in Bewegung. Kinder laufen zwischen den Gläubigen herum, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Was uns sofort ins Auge sticht ist der bunte Mix aus Gläubigen: junge Damen in Highheels bedecken züchtig ihr langes blondes Haar, muskelbepackte Rocker in Lederkluft knien vor Ikonen und kreuzigen sich ehrfürchtig, Geschäftsmänner im grauen Zwirn halten inne und murmeln leise Gebete, alte Damen in bunten Blumenkleidern lehnen auf Gehstöcken und lassen den Rosenkranz durch die Finger gleiten – in Russland wird der Glaube noch gelebt, ist Teil der Idendität, des täglichen Lebens.

Jetzt mal ehrlich: das Bild von Russland und seinen Schätzen ist nicht gerade ausgeprägt, oft wird das Land nur auf Putin und seine Politik reduziert. Doch das ist bei Weitem nicht alles. Im Iran hat uns mal jemand folgenden Satz mit auf den Weg gegeben: „the country is its people, not its regime.“ Wie wahr. Das gilt nicht nur für den Iran oder Russland, nein wahrscheinlich für fast alle Länder dieser Erde.

Wie reich Russland wirklich an kunsthistorisch bedeutenden Schätzen ist, war aber auch uns nicht bewusst, wird uns jedoch schnell klar. Vor allem in Westrussland liegen zahlreiche UNESCO-Weltkulturerbestätten, oft dicht beieinander: seien es historische Stadtzentren, Kreml (es gibt in Russland ganz viele davon, nicht nur den in Moskau), Kirchen oder Klöster. Neben den UNESCO-Weltkulturerbestätten schützt die UNESCO aber auch als Naturerbestätten einzigartige Landschaften, von denen wiederum viele im Osten, in Sibirien liegen, so beispielsweise der Baikalsee und das Altaigebirge.

Man kann also schon mal sagen: wir sind von Russland begeistert, die Vielfältigkeit, die Städte, die Menschen, die Freundlichkeit faszinieren uns. Wir sehen und lernen viel. Über russische Kultur und Geschichte, derer das Land unheimlich reich ist.

In Jekaterinenburg dreht sich vieles um die Romanovs, der letzten Zarenfamilie Russlands. Von den Bolschewiken 1918 in einem Keller ermordet und im Wald verscharrt. So steht an der Stelle der Ermordung heute eine vielbesuchte moderne Kirche, die an dieses Ereignis erinnert, im Wald wurde gleich ein ganzes Kloster, „Ganina Jama“ in Erinnerung der Zarenfamilie errichtet: je ermordetem Mitglied eine Kirche, ergo sieben Kirchen. Die Stille und Abgelegenheit des Klosters ist eine spezielle Erfahrung, zahlreiche Besucher huschen leise und andächtig zwischen den Bäumen von Kirche zu Kirche und verfallen in tiefe Gebete. Ein bisschen gruselig ist es hier fast…

Aber natürlich gibt es auch ein modernes Russland, auch jenseits der Prunkbauten für die 2018er Fussballweltmeisterschaft im Lande. Das glitzert und glänzt nicht ganz so stark, ist aber ein weit größerer Teil des heutigen Russlands.

Gibt es in Russland eigentlich nur Plattenbauten? Sagen wir es mal so: es gibt viele derer. Mal hässlich, mal weniger hässlich, mal renoviert, mal heruntergekommen. Sie gehören zum russischen Stadtbild und je mehr wir davon sehen, desto „sympathischer“ werden sie uns – wahrscheinlich gewöhnen wir uns einfach an ihren Anblick. Was heutzutage als Wohnraum gebaut wird, ist nicht mehr klassischer, grauer Plattenbau im eigentlichen Sinn, es sind vielmehr riesige, schlanke Hochhäuser, dicht an dicht. Ganze Trabantenstädte. Man bemüht sich mit Farbe und Form, das Ganze ein bisschen aufzulockern, oft auch mit Erfolg. Es entstehen fast komplett neue Stadtviertel, mit Bars, Restaurants, Supermärkten und allem Möglichen – und all das ganz ohne Lenin-Statue. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest die Wohnqualität heute besser ist. Schön ist etwas anderes, hässlich aber auch – getreu dem archtitektonischen Credo „form follows function“.

Bevor wir uns ins Hauptstadtgetümmel Moskaus stürzen, drehen wir noch eine kleine Runde entlang des so genannten „Goldenen Rings“. Hier finden sich einige der ältesten und schönsten Städte Russlands, deren Stadtbild sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat, da sie – erstaunlicherweise – nicht der sozialistischen Abrissbirne oder steriler in Beton gegossener Vereinheitlichung zum Opfer gefallen sind. Speziell der wunderschöne, idyllische Ort Suzdal wirkt fast schon ein bisschen zu perfekt und in der Tat ist er inzwischen mehr Museum als gelebter Ort. Dennoch, was Suzdal und andere Orte entlang des „Goldenen Rings“ gelegene Städte wie Wladimir, Yaroslavl oder Sergijew Possad vereint, sind sagenhafte kunsthistorische und architektonische Schätze. Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus, es ist ein bisschen wie eine Zeitreise in das alte Russland!

Jetzt heißt es aber ab nach Moskau. Roter Platz, Kreml – das wollen wir sehen! Problemlos kommen wir durch den Großstadtverkehr (Moskau zählt immerhin gute 12 Millionen Einwohner), parken Aloisius auf dem Sokolniki-Campingplatz und melden uns dort an. Pass und Immigrationcard werden gewünscht. Gerne doch. Und die letzte Registrierung. Registrierung? Haben wir nicht!

Und damit steht fest: statt Rotem Platz und Kreml geht’s erst einmal zur Polizei. Mikhail vom Campingplatz spricht gut deutsch und ist sehr bemüht (aber auch ein rechter Klugscheißer), uns zu helfen, er ruft seinen „Freund“ bei der Polizei an, erklärt ihm die Sachlache und meint, gegen ein gewisses (saftiges!) Strafgeld könnte sein Freund das „Problem“ lösen und wir auf dem Campingplatz bleiben. Ohne Registrierung sei das leider nicht möglich.

Nur was ist eigentlich die Registrierung? Das ganze Thema ist noch ein Relikt aus dem sowjetischen Zeitalter, als die Behörden sowohl die Bewegungen von Leuten kontrolliert haben als auch einschränken konnten – irgendwie ein bisschen wie ein regionales Visum. Diese Pflicht der Registrierung wurde nach dem Zusammenbruch der UdSSR nie abgeschafft und sorgt heute für so manche Konfusio. An den Grenzen wird man als Tourist wage (wenn überhaupt) darauf hingewiesen, dass man sich bei den lokalen Behörden registrieren muss, sobald man an diesem oder jenem Ort eine bestimmte Anzahl (in der Regel drei oder sieben Tage – einheitlich geregelt ist das leider nicht) von Tagen ist. Ergo muss man sich nicht registrieren, wenn man weniger als die paar Tage an einem Ort ist – schlussfolgern wir. Da wir bisher in Russland nie länger als zwei Tage an einem Ort waren, haben wir uns nicht registriert. Klar, oder? Ob das nun legal, illegal oder egal war – wir werden es nie erfahren.

Mikhail auf jeden Fall hat uns gleich mit Pass- und Visanummern bei der Polizei „angemeldet“ und ist der Amtsschimmel erste einmal in flottem Trab, ist er nicht mehr zu stoppen. So finden wir uns wenig später auf dem nächst gelegene Polizeirevier wieder. Mikhail übersetzt für uns, es werden Unmengen an Formularen ausgefüllt (auf russisch natürlich), die wir unterschrieben und mit einer extra Unterschrift bestätigen müssen, das Geschriebene gelesen und verstanden zu haben. Klar doch! Dann geht es ans Fingerabdrücke nehmen: alle 10 Fingerkuppen, die Finger in ihrer gesamten Länge, beide Handflächen komplett, und alles ganz akkurat. Hier funktioniert das übrigens noch mit viel schwarzer Farbe. Ist zum einen echt zeitaufwendig, zu anderen ne ganz schöne Sauerei. Rund 150,- Euro ärmer, an Erfahrungen jedoch reicher und etwas genervt halten wir nach ca. 3 Stunden einen winzigen, unscheinbaren Papierschnipsel in der Hand und sind jetzt „legalisiert“. Derart erfasst und dokumentiert dürfen wir uns in Russland jetzt nichts zu Schulden kommen lassen…

Und trotz all dem Getue mit der Registrierung schaffen wir es noch am selben Tag die Stadt. Raus aus der Metro, zweimal um die Ecke und dann stehen wir da. Auf dem wohl berühmtesten Platzes der Welt, dem Roten Platz. All der Terz mit der Polizei ist wie weggeblasen bei diesem Anblick. Rechts der Kreml, das Mausoleum Lenins und die wohl bekannteste Kirche Russlands, die bunte und verspielte Sankt Blasius Kapelle, vor uns. Der Rote Platz ist groß und mächtig; heute voller Touristen fuhren hier einst bei martialischen Truppenparaden die Panzer und LKW mit Atomraketen beladen vor den Augen der Mächtigen und Wahnsinnigen auf. Hier zu stehen ist ein Erlebnis, das wir sicher nicht so schnell vergessen werden.

Und was wäre Moskau ohne Borschtsch und Boeuf Stoganoff. Nach all dem Ärger mit der Polizei, den Fingerabdrücken, dem Generve, ob und wie und überhaupt, laden wir uns selber auf ein leckeres Festmahl im legendären Cafe Puschkin ein – es gibt Borschtsch und Boeuf Stoganoff.

Was wir nicht wussten ist, dass, ist man erst mal registriert, dann scheint auch die Sonne, weil der liebe Wettergott ja jetzt weiß, wo wir sind. Die kommenden beiden Tage scheint sie aus also voller Kraft und lässt die Stadt in einem herrlichen Licht erscheinen, kirchliche Zwiebel strahlen im Sonnenschein, die goldnen Kuppeln der Gotteshäuser im Kreml blitzen, das Rot der Gebäude strahlt kräftig und intensiv. Dagegen wirkt der einbalsamierte Leichnam von Lenin im dunklen Marmor-Mausoleum blass und furchteinflößend.

Auch wenn die Sonne scheint, wir müssen unter die Erde. So viel Metro sind wir lange nicht gefahren. Jetzt machen wir das nicht, weil wir glühende Fans des Öffentlichen Personennahverkehr sind, sondern weil viele der Moskauer Metro-Stationen echte Sehenswürdigkeiten aus Marmor, Licht und Glanz sind. Hin und her, hierhin und dorthin, „Stationen-Hopping“ könnte man das nennen. Jede Station ist unterschiedlich, jede ist einzigartig, jede ist prachtvoll. Wir fahren die (angeblich) längste Rolltreppe der Welt auf und ab, steigen ein paar Mal um und auch des öfteren in die falsche Richtung und freuen uns am Ende wieder auf frische Luft. Was uns überrascht und fasziniert ist, dass das gesamte Metro-System funktioniert!. Immerhin leben in Moskau über 12 Millionen Menschen, 9 Millionen davon nutzen die Metro jeden Tag. Die Züge sind voll, aber es geht gesittet zu. Kein Drängeln, kein Schieben. Und das Erstaunlichste: auf dem Weg nach draußen oder zu einer anderen Metro auch: kein Drängeln, kein Schieben, kein Kreuz und Quer. Die Massen werden hier in Bahnen und Richtungen geleitet, die genau das verhindern, was das öffentliche Verkehrsmittelfahren oft so mühselig macht.

Fazit: Moskau ist eine coole Stadt, man kann viel sehen und erleben (auch außerhalb von Polizeiwachen), die Stadt ist ein Spagat zwischen und Tradition und Moderne, zwischen Kopfsteinpflaster und verglasten Hochhäusern, Moskau ist klassisch, international und hip.

Hier in Moskau endet auch unser Trip in den Westen, wir lenken nach rechts, immer in Richtung Norden. Nächste Ausfahrt: St. Petersburg.

Im Gegensatz zu Moskau ist Sankt Petersburg die kulturelle und intellektuelle „Hauptstadt“ Russlands. 1703 von Zar Peter inmitten einer Sumpflandschaft gegründet, sollte es Russlands Tor zum Westen sein. Das war und ist St Petersburg heute noch immer. Die finnische Grenze liegt quasi vor der Tür, Helsinki ist nicht weit weg (so nah waren wir schon lange nicht mehr an Europa dran). Und Sankt Petersburg ist anders, es „fehlt“ der typisch russische Charakter. Dank ihrer herrlichen Lage an der Neva ,ihrer zahlreichen Prunkbauten und Palästen ist St. Petersburg wahnsinnig schön.

Die Stadt brummt. Es ist viel los, Heerscharen von Touristen und Einheimischen, die Sonntag Nachmittags den Nevsky Prospekt, Russlands berühmteste, 4,5 Kilometer lange Pracht- und Einkaufsstrasse, entlang bummeln.  Als wir 2001 das erste (und letzte) Mal hier waren, waren wir gefühlt alleine unterwegs. In unserer Erinnerung war St. Petersburg ruhig und gemütlich, das Angebot war überschaubar, und – heute unvorstellbar –  wir sind einfach zur Heremitage gelaufen, haben uns eine Eintrittskarte gekauft und hatten das Museum fast für uns alleine! Heute sind die Menschenschlagen für den Besuch des größten und bedeutendsten Kunstmuseums der Welt lang, man braucht viel Geduld, alleine ist man definitiv nicht mehr. Nichts desto trotz hat St. Petersburg nichts an ihren Reiz verloren. Wir bummeln entlang der vielen Kanäle, überqueren so manche der über 300 Brücken, genießen einen unheimlichen Panoramablick von der Balustrade der Isaac-Kathedrale und lassen uns oft und gerne einfach ein bisschen treiben.

Unsere Zeit in Russland neigt sich nach über einem Monat und vielen gefahren Kilometern in diesem Land dem Ende zu. Aber eines muss noch sein: Murmansk, diese irgendwie sagenhafte Stadt im hohen Norden Russlands, Heimathafen legendärer U-Boot-Flotten und Schauplatz unzähliger Kriegen zwischen Russland, Schweden und Finnland. In unserer Vorstellung liegt Murmansk fast am Ende der Welt.

Das Städtchen, gerade mal 100 Jahre alt, ist hässlich, das Wetter grau. Wir sind inzwischen nördlich des Polarkreises, die Luft ist frisch, fast eisig. Hier kann man verstehen, was „Kalter Krieg“ auch bedeutet haben könnte… Murmansk ist für die Russen von unheimlicher militärischer Bedeutung, ist der Hafen doch auch im Winter (fast) immer eisfrei. Und war er das mal nicht, dann haben die Russen Lenin geschickt, um das Eis brechen. Lenin ist auch heute noch die einzige nennenswerte Sehenswürdigkeit der Stadt. Diesmal aber nicht als Statue, sondern als riesiger Eisbrecher. Damals war es ein Meilenstein nautischer Ingenieurskunst, war es doch der erste atomgetriebene Eisbrecher der Welt. Heute ist er Museum, die Reaktoren sind entfernt (und im Meer versenkt) und ein imposanter Anblick, von außen wie von innen.

Und auch globetrottende Gourmets kommen in Murmansk voll auf ihre Kosten, gibt es hier doch den nördlichsten McDonald’s der Welt. Man sieht, in Murmansk jagt ein Superlativ den anderen…

Es ist cool – im wahrsten Sinn des Wortes – hier zu sein, immerhin sind wir über 300 Kilometer nördlich des Polarkreises! Die Landschaft hat sich deutlich verändert, rauer ist es geworden, karger. Diese subpolaren Landschaften sind einzigartig, begeistern uns. Es ist hügelig, die Bäume klein im Wuchs und meist pfeift von der Barentssee her ein eisiger Wind über die Landschaft.

Noch rund 200 Kilometer trennen und von der Grenze zu Norwegen. Das war’s dann also mit Russland. Eine tolle Tour durch ein tolles Land liegt hinter uns. Knapp 10.000 Kilometer sind wir gefahren. In knapp 40 Tagen. Aber was sich nicht messen lässt, ist die Faszination für dieses weite, große Land, die wir nicht erwartet hätten!

Zum Abschied gibt es dann noch etwas ganz besonders: abends in Murmansk entdecken wir, eher zufällig und leider fast schon ein bisschen zu spät, hoch oben am Horizont des nächtlichen Himmels unser erstes Nordlicht! Grün, eindeutig und wunderschön! Ja, wie cool ist das denn!

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  1. team birdfarm 3 Wochen ago Reply

    Geiles Land, tolle Bilder, da machen wir kommendes Jahr unsere Eingewöhnungstour mit dem neuen Truck hin.

    • thehaeusgens 3 Wochen ago Reply

      Ja, ist wirklich ein tolles Land, tolle Menschen und unglaublich viel tolle Kultur. Euch dann man viel Spaß, wird sicher ne tolle Tour.