Mongolei

Durch das Ende der Welt

28.07. – 18.08.2018

Rückblick: Mitte Februar, München, Nieselregen, winterlich kalt. Wir stehen an einer der zahlreichen roten Ampeln, ein älterer Herr schaut zu uns rüber und fragt: „Na ihr zwei, wo soll’s denn mit deeeem Riesending hingehen? Fahrt ihr in die Wüste?“ „Diesmal nicht, nein, wir fahren in die Mongolei!“ antworten wir mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Aus dem iPod scheppert der 1979er Schlager „Dschinghis Khan“. Die Ampel schaltet auf Grün. Los geht’s, immer Richtung Osten.

Und nun, fünf Monate, zwölf Tage und 25.465 km später stehen wir also im Reich des Dschinghis Khan, in der Mongolei! München – Mongolei! Wow! Wir haben es geschafft, unser ehemals so weit entferntes Ziel ist erreicht, ein Traum geht gerade in Erfüllung! Es ist ein tolles Gefühl. Wir sind überglücklich, fasziniert, begeistert. Und furchtbar genervt.

Hat schon die Ausreise aus Russland ewig gebraucht, so ist die kurze Fahrt durch das so genannte Niemandsland bis zum mongolischen Grenzposten ein heftiger Vorgeschmack dessen, was an schlechten, grottenschlechten Pisten auf uns zukommen wird und jetzt ist auch noch die Grenze zu. Mittagspause. Nee, oder? Wir warten über zwei Stunden vor einem gleichermaßen verschlossenem wie verrosteten Tor bis wir endlich rein dürfen.

Was dann aber kommt, macht uns wirklich sprachlos. Teer! Ohne Löcher, ohne Wellen, einfach eben, einfach gut. Ungläubig schauen wir uns an. Sollte das nicht ganz anders sein? Egal, wir haben endlich mongolischen Boden unter den Rädern, unter den Füßen. Die Sonne scheint, wir geben Gas und düsen in den scheinbar nicht enden wollenden Horizont, einer fantastischen Melange aus Grün und Blau.

Hu ha, hu ha,

Hu ha, hu ha,

Dschinghis Khan, die Haeusgens sind jetzt da….

Die Mongolei ist groß, sehr groß. Mehr als vier Mal so groß wie Deutschland. Das landschaftliche Bild ist geprägt von unendlichen Weiten, dazwischen Hügelchen, mal auch ein Berg, Steppe, aride Landstriche, Dünen und  – drei (!!) Strassen. Da wir ja von Westen kommen, reisen über die russisch-mongolische Grenze bei Tashanta bzw. Ölgii ein. Ziel ist Ulan Bator. In diese Richtung gibt es eben drei Routen. Ein Straßennetz, wie wir es kennen, existiert nicht. Auf Karten eingezeichnete „Fernstraßen“ sind schmale, wenn auch oft „mehrspurige“ Pisten, ja Feldwege, meist in katastrophalem Zustand. Man muss sich also gut überlegen, welche Route man wählt, denn außer „zurück“ hat man wenig Optionen.

Von Ölgii Richtung Osten fahrend hat man, grob gesprochen, die Wahl zwischen der „Nordroute“, der „Südroute“ oder der „zentralen Route“. Alle drei Routen sind etwa gleich lang, unterscheiden sich aber gravierend in der „Benutzerfreundlichkeit“. Die „Nordroute“ ist Piste pur,  anspruchsvoll und eine Qual für Mensch und Maschine, führt aber parallel zur russischen Grenze durch wunderschöne, bergige und grüne Landschaft. Die „Südroute“ ist die Hauptschlagader. oft geteert, sonst schön ausgebaute Piste – easy cruising. Landschaftliche Reize gibt es, aber eben nicht viele. Und zu guter Letzt die „zentrale Route“, die goldene Mitte. Pisten und Strassen sind teils in einem respektablen Zustand, man kommt vorwärts, ohne zu arg durchgeschüttelt zu werden. Und als Sahnehäubchen oben drauf ist dieser Weg mit vielen tollen Sehenswürdigkeiten gespickt.

Wir entscheiden uns, klar, für Variante „Nord“, jedoch in der Version „light“ da wir über Ulangoom anreisen (die direkte Zufahrt über den Üüreg-Nuur (See) ist derzeit wegen Überflutungen schlicht nicht passierbar), wechseln jedoch später auf die zentrale Route, vorbei an den meisten kulturellen „Must-sees“ der Mongolei. Klingt verlockend: tolle Landschaft, Kultur und ein paar stramme Pisten – so schlimm wird es schon nicht werden. Von nichts, kommt nichts und Aloisius will ja auch seiner Herausforderung. Oder?

Der Anfang, ein Traum: nagelneue Teerstraßen, vorbei an türkisfarbenen Seen, grünen Wiesen mit Jurten, Kühen, Schafen und wilden Pferden, im Hintergrund die schneebedeckten Berge des Altai-Gebirges, perfektes Wetter. Und wo sind jetzt die schlimmen Pisten? Bei Khovd geht es endlich in Richtung Norden. Mit dem Abbiegen erreichen wir jedoch mongolische Realität. Aus Teer wird Schotter, aus breiten Trassen schmale Pisten, aus anfänglichem Wellblech werden qualvolle Schlaglöcher, Querrillen, Furchen – einfach alles, was das Schlimme-Pisten-Repertoire so hergeben kann.

Seit einiger Zeit ist ja Ronald mit seinem Steyr unser treuer Begleiter. Wir rumpeln als lustiges Grüppchen gemeinsam durch die Landschaft und haben viel Spaß zusammen. Doch bei den Pisten, die jetzt kommen, bleibt uns das Lachen aber mal so gänzlich im Halse stecken; wir kommen uns eher vor wie eine rollende Offroad-Selbsthilfe-Motivations-Gruppe. Hinter jeder Kurve wähnen wir Besserung, die nicht eintritt, ganz im Gegenteil, oft wird es noch schlimmer. Die Funkgeräte glühen: Offroader im Bewältigung-Talk. Manchmal denken wir uns alle aber auch nur einfach eines: was für ein Scheiß!

Und hält diese Route nun landschaftlich, was sie versprochen hat? Schön ist’s schon. Auch teils beeindruckend. In der Mongolei leben lediglich drei Millionen Menschen, knapp die Hälfte in der Hauptstadt Ulan Bator. Viel los in Sachen Besiedelung ist hier also nicht, die wenigen Orte sind verschlafen, staubig, ein paar müde Hunde liegen gähnend am Strassenrand, eine Handvoll Kinder spielt Fussball und an den Ortsausgängen türmen sich dutzende leerer Vodkaflaschen und viel Plastikmüll. Die Landschaft, durch die wir frohgemut fahren (oder hoppeln), über viele, viele Tage, über viele Hunderte von Kilometern ist Natur und Einsamkeit pur. Tiefgrüne, baumlose Flächen wechseln sich ab mit wüstenartigen Landstrichen, sanfte Hügel gehen über in flache Ebenen, Flussläufe bahnen sich ihren natürlichen Weg. Am Horizont stehen, riesigen Hühnereiern gleich, schneeweise Jurten. Die Nomaden ziehen mit Sack und Pack über die Sommermonate in die weite Steppe, hier finden deren oft riesigen Viehherden frisches Grün und Wasser. Es ist ein archaischer Anblick, wenn die Nomaden hoch zu Pferd und bunt gekleidet das Vieh eintreiben – ok, manchen haben inzwischen (ganz und gar nicht archaisch) auf das gute Honda-Moped umgesattelt und so liegt oft ein sonores Knattern in der Luft.

Unsere Fahrtage sind lang, teils endlos, wir haben das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen. Oft schaffen wir in acht Stunden reiner Fahrzeit pro Tag gerade mal knapp 100 Kilometer. Tja, Reisen statt Rasen. Das Navigieren ist auch so eine Sache. Oft laufen teils über zehn Pisten direkt nebeneinander, gabeln sich, treffen wieder zusammen – aber eben auch nicht immer. Nach Karte fahren? Macht keinen Sinn. Dem Navi folgen? Als Richtungsanzeige sinnvoll, aber auch nicht mehr. Jetzt heißt es, dem Kompass zu vertrauen, den Verlauf der Sonne im Auge zu behalten und immer schön nach Osten fahren.

Nach endlosen Tagen auf diesen fiesen Pisten sitzen wir zusammen, die Offroad-Selbsthilfe-Motivations-Gruppe tagt. Vor uns auf dem Tisch diverse Karten. Man kann es nicht anders sagen, wir haben von diesen derart schlechten Pisten derart zuviel, dass wir eine „Ausfahrt“ suchen. Und finden. Über noch kleinere und noch schlechtere Pisten steuern wir Tosontsengel an und wollen von dort auf die „zentrale Route“ ausweichen.

Als uns dann an der Tankstelle ein netter Mongole sagt, dass die Strasse von hier an bis Ulan Bator geteert sein solle, glauben wir es nicht. Zu oft haben wir uns Hoffnungen gemacht, zu oft haben sich diese zerschlagen. So fahren wir aus Tosontsengel raus und wollen fast umdrehen. Umdrehen und uns bedanken bei dem netten Mongolen. Es war kein Witz: die Strasse ist geteert und fast wie neu. Noch etwas ungläubig, wie lange das so geht, fahren wir noch rund 80 Kilometer mit reduzierter Reifendruck, bevor wir uns trauen, die Pneus endlich wieder auf „Hochgeschwindigkeitsmodus“ aufzupusten.

Und dann kommen sie endlich, die „Sahnehäubchen“: farbenfrohe Klöster, buddhistische Tempel, liebevoll gestaltete Museen über die Region und als echtes Highlight zwei steinerne Schildkröten aus dem 14. Jahrhundert. Die beiden Schildkröten sind alles, was von der ehemaligen Hauptstadt Dschinghis Khans, Karakorum, erhalten sind.

Besonders faszinieren uns aber die vielen Ovoos, kultische Steinhaufen auf Gipfeln, an Bergpässen oder Kreuzungen. Sie sind mit vielen bunten Tüchern geschmückt, von Opfergaben gesäumt und aus dem täglichen Leben der Mongolen nicht wegzudenken. Vor oder während Reisen wird hier ein Opfer für eine gute Reise dargebracht und das Ovoo muss dreimal umschritten werden. Und da der Buddhismus eine praktische Religion ist, denkt er auch an die Menschen, die nicht an jedem Ovoo anhalten können, um dieses dreimal zum umschreiten: wer’s eilig hat, so erfahren wir, darf vorbeifahren, muss aber dreimal hupen. Meine Herren, was haben wir gehupt….

Und als ob all das viele Hupen wirklich geholfen hätte, irgendwann erreichen wir Ulan Bator. Gesund und ohne Pannen oder Probleme. Alles an Aloisisus ist noch heile, nichts ist abgefallen oder gebrochen. Ach, da hupen wir doch gleich noch drei mal.

Die Hauptstadt der Mongolei ist, ja was denn? Anders? Faszinierend? Der Verkehr auf jeden Fall ist vollkommen irre, hier fährt jeder wie und wohin er will. Die Luft kann man schneiden, der Smog ist unerträglich. Aber die Stadt fasziniert mit ihren scharfen Kontrasten. Neben vollverglasten Hochhäusern mit Klimaanlagen und blitzeblanken Tiefgaragen stehen ganze Jurtensiedlungen, ohne Strom, ohne Wasser. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist beängstigend. Links biegt ein Bentley ab, von rechts reitet ein junger Mann auf dem Esel in die Kreuzung. Überall wird gebaut, die Strassen sind aufgerissen, Wasserleitungen werden verlegt, Strommasten aufgestellt – eine Stadt im konstanten Wandel, eine tägliche Neuerfindung. Nach all den unendlichen Weiten, der Leere, den blauen Seen und grünen Wiesen ist das hier – man kann es nicht anders nennen – echt krass!

Früher war die erste Anlaufstelle für alle Overlander das berühmte Oasis-Guesthouse. Gegründet und aufgebaut hat das ein Österreicher, René, der es dann aber vor einiger Zeit verkauft hat. Seitdem muss es ziemlich bergab gehen mit dem Oasis, viel Dreck, teuer und gar nicht mehr schön. Zum Glück für alle Reisenden hat René mit einem mongolischen Freund zusammen etwas außerhalb der Stadt und malerisch an einem Fluss gelegen eine neue Oase erschaffen. Die River Point Lodge. Sehr schön, sehr ruhig, sehr angenehm. Dort erholen wir uns ein paar Tage, lassen es uns gut gehen und sind ehrlich gesagt froh, mal ein paar Tage nicht das Wummern des Motors hören zu müssen.

Ach, Mongolei, du bist ein tolles Land. Ein Land, auf das man sich einlassen muss. Ein Land, das einem es nicht leicht macht, es zu bereisen. Das einem es folglich nicht immer einfach macht, es zu mögen. Aufwand und Ertrag halten sich nicht immer die Wage. Ach, Mongolei, du bist ein tolles Land. Ein tolles Ziel für uns ganz persönlich, ein tolles Ziel auf einer extrem spannenden, sehr intensiven und durchaus anstrengenden Tour von Europa über die Alte Seidenstrasse bis hierher! Ach, Mongolei, wir werden wiederkommen, irgendwann. Das ist sicher. Wir wollen noch in die Wüste Gobi und weiter…

Und nun? Nun geht es in das größte Land der Erde, nach Russland. Bis vor dreißig Jahren war dieses Riesenland versteckt hinter einem eisernen Vorhang, jetzt aber ist es offen für alle Neugierigen… Good bye Mongolia.

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  1. team birdfarm 1 Monat ago Reply

    Hi ihr beiden, schön, dass ihr gut durchgekommen seid, echt beeindruckend. Bin grade mit Kimi 5 Tage auf’m Berg gewesen und gestern wieder abgestiegen.

    Wir sehen uns dann,

    Gruss

  2. Doris 1 Monat ago Reply

    Glückwunsch zur Erreichung Eures Reiseziels! Auch wenn Ihr zwiespältige Gefühle für die Mongolei empfindet, wenn ich die tollen Fotos wie z.B. „Mongolia at ist bestt“ sehe, haben sich alle Anstrengungen und das Durchhalten trotz der fiesen Pisten mehr als gelohnt!

    • thehaeusgens 1 Monat ago Reply

      Liebe Doris, ja, das war schon ein tolles Gefühl dann endlich in der Mongolei und schließlich in Ulan Bator zu stehen…, auch wenn die Mongolei nicht alle unsere Erwartungen erfüllt hat, weit weg ist es trotzdem.

  3. Hartmut 2 Monaten ago Reply

    Genau so, allerdings 14 Tage später haben wir die Mongolei auch kennen gelernt. Schöner Bericht und sehr schöne Fotos. Viel Spaß noch in Russland.
    L.G. Hartmut & Gerti

    • thehaeusgens 2 Monaten ago Reply

      Liebe Gerti, lieber Hartmut, danke für das Lob ob der Fotos und des Berichtes. Russland ist wirklich toll, uns gefällt es hier gut. Viel Abwechslung und herrliche Natur. Naja, der Russland-Bericht ist sicher auch bald online 😉 Euch jetzt noch schöne letzte Tage in der Mongolei und dann mal viel Spaß und tolle Erlebnisse in China…

  4. NAME 2 Monaten ago Reply

    Wonderful !!!