Kasachstan

Seidenstrasse, Teil 12

25.06. – 22.07.2018

Wir haben es geschafft – wir sind wirklich im letzten der so genannten Stan-Länder angekommen. Jetzt haben wir derer aller bis auf Turkmenistan (hierfür haben wir ja kein Visum bekommen) bereist, aber Kasachstan könnte in unserem Fall auch „Reparaturistan“ oder „Wartistan“ heißen. Doch der Reihe nach….

Diesmal verläuft der Grenzübertritt nach Kasachstan im Gegensatz zum letzten Mal ziemlich gesittet und vor allem schnell. Die üblichen Fragen nach Drogen, Waffen und Valium können wir verneinen, die Pässe werden gestempelt und nach einer kleinen „extra“ Kontrolle, die ausschließlich dem Eintreiben von Schmiergeld dienen sollte – wir stellen uns derart doof und sprachlos an, dass die Zöllner bald aufgeben und frustriert von dannen ziehen – sind wir also wieder in Kasachstan.

Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde, aber zum Glück sind es von der Grenze bis nach Almaty nur rund 260 Kilometer. Und das ist gut so. Unser Ladeluftkühler ist defekt, er scheint im Inneren gebrochen oder gerissen zu sein, weswegen die Ladeluft des Turboladers zu viel Luft in das Kühlwassersystem drückt. Das hat zur Folge, dass das Kühlwasser über das Überdruckventil herausgepresst wird und wir pro 100 Kilometer ca. 5 – 6 Liter Kühlwasser verlieren. Hinter den Sitzen liegen inzwischen mehrere 5-Liter-Kanister mit Wasser, alle naselang fahren wir rechts ran und füllen nach. Kein Spaß in einem Land, in dem es außer einsamer Steppe nichts anderes als Steppe, Schafe und Kühe gibt.

Auch wenn die hügelige Landschaft wirklich schön ist, wir haben leider keinen wirklichen Blick dafür. Unser Blick ist wie gebannt auf die Füllstandsanzeige des Kühlwassers gerichtet. Nach rund 12 Liter Kühlwasser nachfüllen haben wir es endlich geschafft, Almaty ist erreicht!

Da der Tag schon fast rum ist, lassen wir die MAN-Werkstatt erstmal links liegen, suchen uns ein nettes Hotel und sind einfach da. Aloisius steht auf dem Parkplatz, er ist bei den Einheimischen der Hingucker schlechthin. Am nächsten Morgen gleich in der frühen Früh machen wir uns auf dem Weg in die Werkstatt. Die Stadt ist noch ruhig, der Verkehr gemächlich, wir guter Dinge. Um 7:45 stehen wir auf dem Hof der Werkstatt und staunen: keiner da. An einem Dienstag. Ist heute Feiertag? Nein. Ein kleines verstaubtes Schild in der untersten Ecke der Tür erleuchtet uns: geöffnet von 9:00 bis 18:00 Uhr. Wir warten.

Irgendwann sind alle da, aber keiner spricht Englisch. Das wird mühsam. Etwas später als alle anderen und noch etwas verschlafen taucht Oleg auf – er ist hier der Serviceleiter und spricht recht gutes Englisch. Wir schildern unser Problem und schnell wird klar: die Ersatzteile, die wir brauchen sind in Kasachstan nicht verfügbar. Oleg könnte diese über Russland bestellen, das würde aber mindesten zwei Wochen dauern. Uns verschlägt es die Stimme. Zwei Wochen? Wir können es kaum glauben.

Nach viel Grübeln und Googeln beschließen wir zu warten, bis in Deutschland die Sonne aufgeht und wir dort mit MAN telefonieren können. Letztendlich bestellen wir Teile selber aus Deutschland, sie sollten in zwei Tagen versandfertig sein und weitere drei Tage später in Almaty eintreffen – das klingt schon besser.

Über das Gedöns mit Zoll und Einfuhrbestimmungen von Ersatzteilen mit einem Wert von über $ 1.000,- wollen wir jetzt hier nicht lamentieren – lange Rede kurzer Sinn: am Dienstag hatten wir die Ersatzteile bestellt, am Freitag die Woche darauf ist alles verbaut, Aloisisus wieder dicht und trocken. Yippie Yeah und Hurra!

Unser großer Dank an dieser Stelle gilt einmal wieder MAN in Deutschland für die unkomplizierte und schnelle Hilfe und ganz besonders Oleg von der Werkstatt in Alamty: es war sein unheimlicher Einsatz rund um die Uhr (und seine Englischkentnisse), der uns viel Ärger und Zeit erspart hat!

Almaty ist eine nette Stadt, extrem weitläufig, Boulevards so breit wie Fussballfelder lang, hypermoderne Architektur neben kommunistischen Prachtbauten, die dem Verfall geweiht sind, quirlige Bars, nette Restaurants und mega Shopping Center, in denen es alles gibt – für unsere Augen ist das nach all den Strassenbazaren und Mini-Märkten der letzten Monate fast schon zu viel. Die ersten Tage sind wir zwar von der Stadt ein bisschen enttäuscht, aber je mehr wir eintauchen in ihr Leben, ihre Gassen und Viertel erkunden, desto faszinierender wird die Stadt. Almaty ist nicht schön, aber die Lage am Tien-Shan-Gebirge, der Mix aus Verfall und Moderne, Aufbruch und Stillstand hat seinen besonderen Reiz.

In Almaty haben wir dann auch Ronald und seine Frau Christina wieder getroffen. Wir treffen uns in einem netten Cafe und beschließen kurzer Hand ein Stück zusammen zu fahren; besonders die Mongolei wollen wir gemeinsam unter die Räder nehmen. Wir vereinbaren, uns irgendwo in der Steppe wieder zu treffen, sobald Aloisius wieder läuft.

Nach zwei Wochen starten wir durch, wir wollen ja auf die anderen aufschließen und endlich, endlich in die Mongolei, unserem großen Ziel. Nach ein paar Tagen Fahrt durch die gar nicht so eintönige Steppe haben wir sie eingeholt. Wir treffen uns abseits der Strasse an einem kleinen Fluss und die Wiedersehensfreude ist groß. Mit dabei sind auch noch Hartmut und Gerti, die schon seit Deutschland mit Ronald und Christina zusammen unterwegs sind. So stehen dann drei Laster am Fluss, es wird gequatscht, gelacht und geplant. Mit drei Lastern durch die Mongolei – das wird ein Riesenspaß.

Aber wie so oft ist Vorfreude die schönste Freude. Alle sind am nächsten morgen startklar, die Motoren brummen, aber nur zwei Laster rollen. Bei Ronalds Steyer 12M18 geht kein Gang mehr rein, die Kupplung bleibt einfach unten hängen. Zum Glück ist Hartmut gelernter Kfz-Mechaniker und gemeinsam bauen wir den Kupplungsnehmer aus. Der ist futsch. Wir probieren alles, ihn den zu reparieren, aber ohne Erfolg, da muss ein neuer her. Uns bleibt nichts anders übrig, als gemeinsam in die nächst gelegene größere Stadt (Semei, rund 500 km entfernt) zu gelangen. Unter großen Gestöhne wird also die Kardanwellen ausgebaut werden, damit wir Ronald und seinen Steyr durch die Steppe schleppen können. Ein Spaß der Sonderklasse.

Auch für Ronalds Steyr müssen die Ersatzteile in Deutschland bestellt werden und sollen per DHL nach Semei, nahe der russischen Grenze, geschickt werden. In Semei finden wir einen netten Platz wieder direkt an einem Fluss, wir vertreiben uns die Warterei mit Lesen und in der Sonne sitzen. Nach drei Tagen müssen wir jedoch das Feld räumen, denn von Drogen vollkommen zugedröhnte Halbstarke nerven, drohen mit Polizei und Militär. Wir wollen die Situation nicht eskalieren lassen, also fährt der kleine Schleppkonvoi ein paar Kilometer weiter, wo wir einen zwar wenig netten, aber dafür sichern Platz vor einer Werksatt an der Schnellstraße finden und dort letztendlich eine ganze Woche bleiben.

Und hier noch eine Frage für Liebhaber von Geschichte und Geographie: wer kennt den Ort Semipalatinsk? Wahrscheinlich niemand. Der Ort Semipalatinsk war bis zum Zusammenbruch der UdSSR auf keiner Karte verzeichnet. Hier fanden zwischen 1960 und 1989 hunderte sowohl oberirdische als auch unterirdische Atombombentests statt – im Durchschnitt einer pro Monat! Warum wir das erwähnen? Weil Semipalatinsk heute Semei heißt. Ein bisschen unwohl war es uns hier schon, aber Reisen führen einen eben nicht immer nur durch schöne, unberührte Landschaften, wo sich Fuchs und Hase noch gute Nacht sagen.

Das Warten zieht sich, der neue Kupplungsnehmer will und will nicht ankommen. Das Dumme daran ist, dass unser Visum für Kasachstan jetzt gleich ausläuft und so müssen wir die anderen nach einer Woche alleine an der Schnellstrasse stehen lassen – wir müssen jetzt nach Russland ausreisen. Wir vereinbaren, auf der anderen Seite zu warten, damit es dann gemeinsam weitergehen kann.

Tja, nicht nur uns ist es also derart ergangen, dass Ersatzteile aus Deutschland benötigt werden. Ein kleiner Trost, dachten wir doch immer, so alte Laster könnten immer und überall und ganz einfach repariert werden…

So ist es manchmal beim Reisen. Vom neunt größten Land der Erde haben wir wenig gehen, dafür jedoch viel Zeit dort verbracht – mit Warten an den unterschiedlichsten Orten; mal schöner, mal weniger schön.

Und kaum haben wir die Grenze zu Russland überquert, erreicht uns die WhatsApp von Ronald, dass das Ersatzteil angekommen sei. Die nächsten Tage werden sie aufschließen auf uns und dann ist der kleine Konvoi Richtung Mongolei nicht mehr zu stoppen, oder?


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  1. Doris 2 Monaten ago Reply

    Mich würde interessieren, wie es im „Salon de Provence“ in Almaty aussieht (Foto # 13)! Ich glaube, beim Burger King ist man besser aufgehoben.
    Beeindruckend, Deine Fähigkeiten als Bush Mechanic, Jakob!

    • thehaeusgens 2 Monaten ago Reply

      Nachdem wir ja nur im Burger King waren, hm, schwer zu sagen, aber von außen hat der Burger King einfach mehr hergegeben. Uns lecker war’s auch….und vielen Dank für das Lob ob der Bush Mechnic – man tut was man kann und manchmal muss 😉

  2. Niki 3 Monaten ago Reply

    Da lob ich mir doch Venedig, wo es keine Autos und folglich auch keine Ladeluftnehmer, Kupplungskühler und Ähnliches gibt…! Spaß beiseite – die Photos sind eindrucksvoll und Ihr seid wirklich an Orten, wo der Massentourismus nicht stattfindet! In dieser Hinsicht lob ich mir Venedig ganz und gar nicht…

    Herzliche Grüße aus der Lagune nach Irkutsk,
    Euer Niki

    • thehaeusgens 2 Monaten ago Reply

      Lieber Niki, tja, die technischen Tücken einer Fernreise. Aber alles halb so wild, nichts, was nicht irgendwie gelöst werden könnte. Und Massentourismus ist hier gänzlich unbekannt, obwohl wir uns sicher sind, dass die Einwohner von Irkutsk den auch gerne hätten, bringt ja viele Arbeitsplätze und auch Wohlstand…

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