Türkei

Seidenstrasse, Teil 2

20.03. – 02.04.2018

Welcome to Turkey! Jetzt sind wir also wieder da. Unsere Gefühlswelt ist eine Mischung aus Freude, Müdigkeit und Anspannung. Die Hintern sind, nach abermals 2.000 Kilometern in drei Tagen über die ehemals als „Autoput“ bekannte Strecke platt gesessen. Egal, wir sind froh und erleichtert, wieder auf Tour zu sein, neue Abenteuer in Angriff zu nehmen und uns unbekannte Ecken der Welt zu erkunden.

Ein paar Kilometer östlich von Istanbul rollen wir auf einen Campingplatz, der ein Mix aus Drecksloch, Müll und düster dreinblickenden Dauercampern ist. Nach einem langen Hickhack mit den Verantwortlichen ob des geeigneten Stellplatzes buxieren wir Aloisius zwischen winterlich verschlossene Restaurantgebäude, einen verfallenen Grillplatz und einer halbverfallenen Strohhütte. Ok, der Platz ist nicht der Knaller, aber der Spaziergang am Meer entlang, der Blick vom Bett auf die sanft wogenden Wellen und das Zwitschern der Vögel entschädigt. Wir üben uns im Blick auf’s Positive.

Der nächste Tag küsst uns sanft und sonnig aus dem Schlaf. Es ist ein herrlicher Tag, der Himmel strahlt blau, die Sonne gelb und wir ganz glücklich. Los geht’s. Neuer Tag, neues Glück, neue Abenteuer.

Zwischen all den halb- und ganz verfallenen Hütten, zwischen denen wir parken, baumeln Kabel vom Hütte zu Hütte mit Büschen und Bäumen als Behelfspfosten.  Als wir Aloisius langsam vorfahren, bleibt eines dieser dünnen, fuzzeligen Kabel an der Reserveradhalterung am Heck hängen. Nicht weiter schlimm eigentlich. Ein Stückchen zurückfahren, Kabel aus der Halterung wurschteln, weiter fahren. Doch warum wippt das gesamte Reserverad zum sechs-Zylinder-Beat des Motors sanft mit? Das ist irgendwie komisch!

Während wir noch darüber nachdenken, rollen wir vom Platz und steuern die nächste Tankstelle an. Aloisius braucht mal wieder Kraftsaft. Bis so ein 300-Liter-Tank voll ist, braucht es Zeit; Zeit genug, die Reserveradhalterung genauer zu begutachten. Hm, das Rad wackelt wirklich, wenn man daran nackelt. Sollte nicht sein. Darf nicht sein.

Vielleicht sind ja die nur Schrauben locker? Dürfte auch nicht sein, aber, wie gesagt, wir üben uns im Blick auf’s Positive. Kaum ist der Tank gefüllt, rollen wir auf den Parkplatz der Tankstelle. Das muss jetzt kontrolliert werden. Schauen, rütteln, wieder schauen, diesmal erstaunt, noch mal rütteln, Schrauben auf Sitz prüfen und gänzlich dämlich drein schauen.  Die Schrauben sitzen (leider) bombenfest. Irgendwie gut, irgendwie schade, wäre es doch das einfachste aller möglichen Probleme zum Lösen gewesen.

Also, auf und los. Werkzeug holen, Flaschenzug dazu, Leiter raus und runter mit dem Reserverad. Langsam rattert der Flaschenzug mit dem Rad und bei uns macht sich Entsetzten breit. Das kann doch jetzt nicht sein! Die Halterung ist an ihren Schweißnähten, mit denen sie auf eine Platte, die wiederum mit der Aufbaurückwand verklebt/verschraubt ist, gebrochen. Ungläubig starren wir das Fiasko an. Die aufmontierte Halterung hängt nur noch am sprichwörtlichen seidenen Faden.

Ein oder zwei kräftige Bodenwellen – und derer gibt es  in der Türkei reichlich, und die Halterung wäre mitsamt dem Reifen (der immerhin stolze 180 kg wiegt) abgerissen und als wild gewordenes Geschoss unkontrolliert über die Strasse geholpert. Kaum vorzustellen, was hätte passieren können, wenn dieses Geschoss auf ein hinterherfahrendes Auto gefallen wäre. Bei der Vorstellung werden wir ganz bleich.

Die gute Stimmung von heute früh ist weg. Darf das denn war sein, kaum sind wir wieder in der Türkei, schon das nächste Problem? Aber wen wundert’s: „Autoput – Auto kaputt“ war ein geflügelter Ausdruck über die ehemalige Ruppigkeit der Strecke von Westeuropa an den Bosporus.

Wir fragen den netten und hilfsbereiten Tankwart, ob es hier eine Schweißwerkstatt gäbe. „Ja, gleich da drüben“ sagt er. Aber kann man denn das so einfach schweißen? Wir holen – einmal mehr – fachmännischen Rat von unserem österreichischen Support-Team. „Auf keinen Fall schweißen! Dazu muss erst die Platte von der Rückwand, und die ist so stark verklebt, die kriegt nicht jeder mal so einfach runter.“ Ok, verstanden, leuchtet ein – haben wir uns auch schon so gedacht.

Also (mal wieder) eine Planänderung: da das Reserverad definitiv mit muss, brauchen wir einen anderen Platz dafür. Nur wohin mit dem guten Stück? Passt das Ding ja nun nicht gerade in jede Hosentasche. Wie gut, dass wir einen großen Stauraum haben. Wo sich ein Plätzchen für Schneeketten, Werkzeug und sogar eine Waschmaschine findet, wird schon auch noch ein Reserverad rein passen. Oder? Naja, wo kein Platz ist, wird eben Platz geschaffen. Vier Stunden später ist das Reserverad verstaut, alles sitzt, hat Platz und sogar noch ein ganz bisschen Luft. Ok, zwei große Zarges-Aluboxen (Klopapiernotfalldepot) müssen weichen – das Klopapier bleibt aber und wird als schmückendes Element an die Wand gezurrt. Vom nächstgelegenen Postamt schicken wir die beiden leeren Zarges-Aluboxen nach Hause. Das Postamt finden wir aber auch nur, weil uns ein sehr netter und hilfsbereiter junger Mann mit den Fingern die Route in den Staub außen am Auto „pinselt“.

Reifen verstaut, Boxen weg, Döner im Bauch und weiter kann es gehen. Etwas erschöpft rollen wir endlich gen Istanbul. Da wir ja von der Türkei bisher notgedrungen nicht so viel gesehen haben, beschließen wir, unsere eigene kleine „Big-Bus-Tour“ mit Aloisius durch Istanbul zu machen. Wir suchen uns auf der Karte eine nette Strecke durch die Stadt mit dem Ziel, möglichst viele Sehenswürdigkeiten wenigstens durch die respektabel verdreckte Frontscheibe zu sehen. Und natürlich wollen wir über die große Bosperos-Brücke, von der man einen tollen Blick auf die Istanbuler Altstadt hat.

Der Verkehr, die Staus, dafür ist Istanbul bekannt. Motorisiertes Sightseeing im Schneckentempo. Teils stockt es, aber im Großen und Ganzen fließt der Verkehr gut. Wir rollen gemütlich durch die Istanbuler Straßen, so dass noch Zeit zum gucken, schauen und genießen bleibt.

Kurz vor der bekannten Brücke über den Bosporus werden wir von der Polizei gestoppt. Wir werden freundlich gefragt, was wir denn hier machen würden. Ob wir hier irgendwo einen Lastwagen sehen würden. Äh, nein, tun wir nicht. Die Brücke sei wegen ihrer Altersschwäche für Lastwagen gesperrt, sagt man uns. Für LKW gebe es eine Umfahrung – aber eben ohne Blick.

Der nette Herr der „Trafik Polis“ will Führerschein, Fahrzeugschein und Pässe sehen. Nach eingehender Kontrolle der überreichten Dokumente meint er, wir dürfen weiterfahren, es koste aber eine kleine Strafe. Zahlbar in bar und vor Ort. Wie viel? 1.000 Türkische Lira! Ja, hat der denn ein Rad ab? Wir haben ja auch eines ab…. das sind knapp über € 200! Wir flunkern, dass wir nicht so viel Bargeld dabei hätten. Ok, wie viel hätten wir denn? Keine Ahnung, sagen wir, Bargeld liege vorne im Fahrerhaus, müssten wir kurz nachschauen.

Im Fahrerhaus „leeren“ wir unauffällig den Geldbeutel, kommen mit 335 Türkische Lira (rund € 70) zurück und überreichen dem inzwischen nicht mehr ganz so freundlichen „Polisi-Mann“ die „Spende“. An Kleingeld scheint er nicht interessiert zu sein, denn die 35 Lira steckt er in unsere Pässe, überreicht sie uns  und deutet uns missmutig an, jetzt endlich weiterzufahren. Verschmitzt grinsend reihen wir uns als einziger LKW wieder in den fließenden Verkehr ein.

Keine 200 Meter weiter winken uns schon die nächsten Polizisten raus. Wie dumm, dass wir keine „Spendenquittung“ bekommen haben. Wollen die etwa auch eine Spende? Doch bevor wir diesen Gedanken zu Ende denken können, rasen unsere „Trafik-Polisi-Freunde“  von vor gerade eben schon mit Blaulicht und Tatütata über den Seitenstreifen an, gestikulieren wild ihren Kollegen zu, die verstehen, lachen und winken uns durch. Wenigstens muss Mister „Trafik-Polisi“ die Spende von 300 Türkische Lira jetzt durch vier teilen. Ätsch!

Nach diesem kurzen Exkurs in interkultureller Kommunikation und der Aufbesserung türkischer Schattenwirtschaft genießen wir die Überfahrt über den Bosporus, mitten durch Istanbul, erst recht. Der Blick ist sagenhaft und – wir üben uns weiterhin in der Sicht auf’s Positive – irgendwie auch € 70,- wert. Immerhin haben wir den Preis um 70% gedrückt.

Rund 650 Kilometer östlich von Istanbul, einen Tag später und nach Überquerung des Kizilirmak-Gebirges erreichen wir Bogazkale mitten im Anatolischen Hochland. Rund um diesen unscheinbaren Ort, mit seinen grasenden Kühen, holprigen Strassen und im Kreisverkehr spielenden Kindern lag einst das Zentrum des bronzezeitlichen Reichs der sagenumwobenen Hethiter. Deren ehemalige Hauptstadt, Hattuscha, liegt oberhalb des Ortes und ist ebenso unbekannt wie eine der bedeutendsten antiken Stätten der Türkei. Hattuscha war zwischen 1660 und 1190 vor Christus die Haupstadt der Hethiter, verschwand dann von der Bildfläche und wurde erst 1834 von einem abenteuerlustigen französischen Wanderer wieder entdeckt.

Wir kommen am frühen Nachmittag an, die Sonne scheint, wir finden einen herrlichen Platz oberhalb des keinen Ortes, mit herrlichen Ausblicken auf die hügelige, etwas karge, aber sympathisch anmutende Landschaft.

Den nächsten Tag, es regnet und ist bewölkt, lassen wir Aloisius erholen und auch wir haben dringend eine kleine Pause nötig. Am Nachmittag, als die Sonne ein bisschen zum Vorschein kommt, erkunden wir Hattuscha. Das Areal mit seinen Ruinen, alten Kopfsteinpflasterstrassen und verfallenen Maueren ist weitläufig und ganz schön hügelig. Nach so viel Sitzen die letzten Tage kommen wir bei läppischen 300 Metern Höhenunterschied – Hattuscha liegt an einer Bergflanke – ganz schön ins Schwitzen. Zu sehen gibt es viele uralte Mauerfundamente, Reste des Königspalastes, Getreidespeicher und schöne Natur.

Frohgemut und voller frischer Energie nehmen wir die nächste Etappe in Angriff, um am Nachmittag in Sivas in der Zentraltürkei endlich wieder auf Hanne und Christian treffen. Das Wiedersehen ist herzlich, gleich werden die jeweiligen Erlebnisse ausgetauscht, die Zeit vergeht wie im Fluge. Ab jetzt geht es wieder im Team weiter.

Mit jedem Kilometer, den wir Richtung Osten zurücklegen wird die Landschaft karger und rauher. Auch menschenleerer. Der Himmel ist diesig, die Landschaft verschwimmt zwischen den Wolken, nur manchmal erspähen wir am Horizont schneebedeckte Berge. Kaum merklich schraubt sich die Straße in die Höhe, es wird kühl, windig und bald tauchen wir in die Wolken ein. Wir passieren Pässe mit rund 2.100 Metern, hier oben liegt noch viel Schnee, von den Gipfeln pfeift ein eisiger Wind. In Erzincan, einer lebhaften, kleinen Provinzhaupstadt im Nirgendwo, reiht sich eine Tankstelle an die nächste, dazwischen geschäftiges Treiben, chaotischer Verkehr und lautes Hupen. Hier schnuppern wir in einem modernen Einkaufszentrum ein bisschen Zivilisation und kaufen im gut sortierten Supermarkt kräftig ein.

Knapp alle 200 Kilometer passieren wir Städte, die diese Bezeichnung auch verdienen. In Erzurum, knapp über 300.000 Einwohner, Universitätsstadt und „Basislager“ des bekanntesten türkischen Skigebietes, stärken wir uns mit der örtlichen Leibspeise, dem Cag Kebab (einem Kebab, der auf einen horizontalen, nicht vertikalen Spieß über rot glimmender Holzkohle zubereitet wird). Das ist ein Erlebnis, muss man hier nicht bestellen sondern bekommt Nachschlag, bis man wirklich vehement verneint. Erst dann hört das Auftischen auf – bis zum ungefragt gebrachten Nachtisch. Kugelrund und pappsatt erkunden wir nun Stadt. Es ist Sonntag, die Menschen bummeln durch die Straßen, es ist lebhaft, quirlig, interessant. Für eine kleine Gruppe junger Fotografie-Studenten scheinen wir das gefundene Objekt, ja geradezu Exoten zu sein; wir werden von allen Seiten und in allen möglichen Posen abgelichtet. Wir fühlen uns wie Popstars, die Stundeten wie Entdecker. Die Kommunikation erfolgt einmal mehr über Google-Translate. Man kann über die „neuen Medien“ sagen was man will, sie können auch völkerverständigend wirken. Das ist toll!

Am nächsten Morgen sticht eine kleine Pfütze unter dem Motor von Aloisius ins Auge. Nee, oder? Tropft da schon das nächste Problem? Bevor wir uns zu sehr den Kopf zerbrechen, fahren wir kurzerhand zur MAN-Werkstatt, der letzten in diesem Winkel der Türkei. Das Problem ist schnell gelöst. Das Fahrerhaus wird gekippt, eine Schlauchklemme am Kühlwaserschlauchsystem angezogen (und sicherheitshalber die anderen auch noch gleich), fertig. Juhu!

So sehr das Leben in Erzurum pulsiert, so ruhig und beschaulich wird es, kaum haben wir Stadtgrenze hinter uns gelassen. Die Landschaft wird rau, unwirtlich, trocken, steinig. Die abgelegen, in der Landschaft versprenkelten Dörfer wirken wie stumme Zeugen der nicht enden wollenden Landflucht – ein paar Esel, ein paar bucklige Alte, immer eine wellblechgedeckte Moschee und der Eindruck eines sterbenden Dorfes.

Die nordöstliche Türkei ist nicht nur letzter Außenposten dieses riesigen Landes, sondern irgendwie auch das Ende. Es wirkt ein wenig, als ob hier bald die Welt endet. Über all dem hängt der unsichtbare Schleier tiefer Melancholie. Genau diese Stimmung machte sich der türkische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk zu eigen. Hier am Ende der türkischen Welt, in Kars – bis Georgien und Armenien ist es nicht weit – spielt sein tragisch-melancholischer Roman „Schnee“, dessen Held namens „KA“ sich hier verliebt, dichtet, verhaftete wird, Verrat begeht, nicht geliebt wird und später andernorts den Tod eines Verräters findet. Schon in den Monaten der Planung war klar – nach Kars, da müssen wir hin. Doch der Weg sollte steiniger werden als gedacht.

Irgendwo im Nirgendwo machen wir kurz Pause, rechts rauscht ein Fluss. Wäre die Brühe nicht derart braun, es wäre malerisch. Bei Brot und Käse lauschen wir dem Rauschen der Flusses, bevor es weitergeht. Doch der Schein der Abgeschiedenheit und beschaulichen Berglandschaft währt nur kurz.

Im unscheinbaren Örtchen Karakurt, einer Ansammlung zweier Tankstellen und einiger weniger Häuser, werden wir an einer derart nicht unscheinbaren Strassensperre des Militärs angehalten. Junge Soldaten mit alten G3-Gewehren, Sandsäcke überall, Mauern mit Schießscharten, Stacheldraht, Radpanzer – die Jungs in der Provinz lassen die Muskeln spielen.

Papiere, Pässe, das Übliche. Der junge Soldat überreicht all diese einem „Commanadante“, der verschwindet mit den Papieren im Inneren er Kaserne. Es dauert. Irgendwann werden wir gebeten, unsere Laster auf einem Parkplatz zu parken. Harsch werden wir aufgefordert mitzukommen. Ins Büro. Alle vier. Dort werden wir gefragt, was wir hier machen. „Vacation“, sagen wir. Ein ungläubiges „What?“ ist die Antwort. „Tourism“, erklären wir, „Holiday“. „Hier Urlaub?“ Hier sei doch nichts, kein Meer, nichts. „Natur, Landschaft“, sagen wir. Und „history“. Die Soldaten schauen uns an, als stünde der Leibhaftige vor Ihnen.

Ob wir denn nicht wissen, dass wir hier nicht angeln dürfen. Angeln? „Nein, nein“, sagen wir, „angeln wollen wir hier nicht. Nur die Natur bewundern“. Aber warum hätten wir dann am Fluß geparkt? „Zum Mittagessen.“ Erleichterung macht sich breit. Kein Angeln, gut.

Wo wir hin wollen. „Nach Kars.“ entgegen wir. Warum das denn? „History“, sagen wir. „Aha.“ ist die ungläubige Antwort. „Und dann?“ „Nach Ani“ entgegnen wir. „Ani? Nie gehört.“ „Ani,“ sagen wir, „history“. „Ah, Ani, in the centre of Kars“ lautet die Antwort. Äh, ja… „yes, in the centre of Kars. Lot of history, Ani“. Dass Ani 45 Kilometer außerhalb direkt an der armenischen Grenze liegt, verschweigen wir jetzt einfach mal.

Manchmal fällt das Wort „PKK“, „kurdish terror“; wir gehen gar nicht erst darauf ein, versuchen es mit seichtem Blabla über Fussball, FC Bayern und Lothar Matthäus – den hier scheinbar jeder kennt. Wir trinken dann alle gemeinsam Tee, dann lässt man uns wieder warten. Irgendwann fragen wir nach, ob alles ok sei. „Yes, yes, all good. Wait here“. Ok, wir warten. Nach rund eineinhalb Stunden sind wir entlassen, wir dürfen weiterfahren. Das tun wir schleunigst.

Und erreichen alsbald erleichtert Kars. Es ist, ja, wahrlich melancholisch hier. Trist, grau, abgelegen. Viele Straßen haben Schlaglöcher, Müll liegt herum, von den Häusern bröckelt die Farbe ab, der Wind weht grauen Staub durch die Gassen. Wir finden ein großen Parkplatz an der Universität, ideal für die Nacht. Leider sieht das der für das Unigelände zuständige Sicherheitsdienst anders. Man will unsere Pässe sehen, notiert Namen und Kennzeichen, irgendwann ist ein Sicherheitstrupp von vier Personen zugegen, die Kommunikation ist schwierig. Hier hilft nicht mal mehr Google-Translate. Irgendwann verstehen wir, dass wir hier nicht parken dürfen. Außerhalb des Unigeländes „no problem“, hier „yasak“ (verboten, das immerhin sagt Google-translate). Ok, wir packen zusammen und suchen einen neuen Platz. An einer Tankstelle an der nördliche Ausfallstrasse mit klappernden Gullideckeln werden wir fündig. Zwischen halbfertigen Häuserblocks, Traktoren und viel Plastikmüll verbringen wir eine überraschend ruhige Nacht. Man wird ja genügsam.

Von Kars nach Ani ist es ein Katzensprung – läppische 45 Kilometer. Aber es ist eine Zeitreise in eine andere Welt. Die handvoll Einwohner der Siedlung Ani darben ein karges Leben. Warum wir hier sind? Am Ortsrand von Ani erstreckt sich das historische Ani, heute Ruinenstadt, UNESCO-Weltkulturerbe und einst Heimat für bis zu 100.000 Bewohner. Teile der mächtigen Stadtmauer stehen imposant in Mitten grüner Wissen, dahinter, versprenkelt auf einer riesigen Fläche, ragen halb verfallene Kirchen, Moscheen und Gebäude in den Himmel. Eingerahmt von Grenzzäunen, Wachtürmen und Soldaten. Ani liegt genau auf der armenisch-türkischen Grenze. Und Freunde sind diese beiden Nationen nie geworden – das wir hier ganz klar.

Der Spaziergang durch diese mythische Landschaft mit all den Ruinen am Horizont ist bezaubernd, eine Zeitreise. Wo keine Stadtmauer aufragt, boten tiefe Canyon einen natürlichen Schutz vor Feinden. Die Art und Weise wie diese Stadt in die Landschaft integriert ist, begeistert uns sehr.

Einen schöneren Abschluss unserer Fahrt durch die Türkei hätte es nicht geben können. Schade, dass wir aufgrund unseres „kleinen Umwegs“ ins Alpenland vieles nicht sehen konnten. Grund genug also, irgendwann man wieder zu kommen. Jetzt geht es aber erst mal weiter.

Noch ein paar Tage Pause in Dogubayazit, der letzten Ortschaft vor der iranischen Grenze, bis dahin sind es nur noch 35 Kilometer. Und ganz ehrlich: Dogubayazit ist wirklich das Ende der Welt. Grau, trist, traurig und baufällig. Sogar Noah strandetet hier mit seiner Arche – liegt Dogubayazit doch am Fuße des Berges Ararat.

Auf Wiedersehen, Türkei.

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  1. Nobby u Rita 7 Monaten ago Reply

    Super geschrieben, tolle erlebnisse, weiter so ohne pannen und viel spass

    Gruss nobby u rita