Marokko_3

Marrakesch und mehr

So folgen wir dem Lauf des Draa-Flusses in nordwestliche Richtung. Dattelpalmen säumen dieses grüne Tal und mächtige Kasbahs thronen auf Bergkuppen und Felskanten. Im Schatten einer dieser herrlichen Kasbahs in Agdz,  ehemals wichtiger Rastplatz der Karawanen auf den Weg von Marrakesch ins sagenumwobene Timbuktu, finden wir einen gemütlichen Stellplatz, lassen die Seele baumeln, waschen Wäsche, fegen immer noch Sand aus Aloisius und genießen die orientalische Atmosphäre, den fernen Ruf des Muezzin immer in Hörweite.

Jetzt haben wir ein Dilemma. Östlich und westlich von Marrakech gibt es zwei herrliche Passstraßen über den Hohen Atlas. Und wir fahren ja gerne Passstraßen. Wir können uns nicht entscheiden, welche Route wir nehmen sollen. So beschließen wir kurzerhand, beide zu fahren. Die eigentlich perfekte Lösung. Nordwestlich nach Marrakesch über den Tizi n’Tichka-Pass mit stolzen 2.260 Metern Passhöhe, ein Tag Pause in Marrakesch, dann weiter Richtung Südwesten über den Tizi n’Test-Pass, mit einer Passhöhe von immer noch beachtlichen 2.092 Metern, in die fruchtbare Ebene um Taroudant hinunter. Nur leider hat diese Lösung einen Haken: überall steht geschrieben, dass der Tizi n’Test-Pass für Fahrzeuge über 3,60 Metern Höhe auf Grund eines überhängenden Felsens nicht passierbar sei. Zu guter Letzt fallen uns Bekannte ein, die erst kürzlich über den Tizi n’Test-Pass gefahren sind – mit einem ähnlichen Auto. Wenn die durchkamen, müssten wir das ja auch schaffen. Ein kurzes WhatsApp-Telefonat und die Sache ist klar: wir passen durch. An dieser Stelle sei klar gesagt: unser Aloisius ist 3,73 Meter hoch und unter besagtem Felsen waren letztendlich noch mindestens 50 Zentimeter Platz. Vergesst, was in einschlägigen Reiseführern und Foren steht. Und der Tizi n’Test-Pass ist es definitiv wert „erfahren“ zu werden: herrliche Aussichten, schmale Straße, enge Kurven, halsbrecherische Abhänge links oder rechts der Straße – nichts für schwache Nerven, aber super!

Südlich des Tizi n’Test-Pass erreichen wir die fruchtbaren Ebenen zwischen Hohem Atlas, Agadir und dem Anti Atlas. Dieser kleine Gebirgszug mit Höhen von bis zu 2.500 Metern ist der kleine Bruder des Hohen Atlas und das Südlichste der drei Marokkanischen Atlas Gebirge. Die dem tosenden Atlantik zugewandte Seite ist die fruchtbare Kornkammer Marokkos. Im Gegensatz zum Hohen Atlas sind die Straßen im Anti Atlas durchweg gut ausgebaut, wir kommen gut voran. Die klassischen Abstecher in diesen Gebirgsauszug gehen in das wunderbare grüne und dicht bewachsene Tal der Ammeln, in das Örtchen Tafroute und zu den berühmten „Roches Bleues“. Diese Felsen (Roches) wurden 1984 von einem belgischen Künstler mit über 20 Tonnen, meist blauer Farbe angepinselt – nach 33 Jahren ist die Farbe ein bisschen ausgeblichen und auf viele der Felsen sind inzwischen Graffiti aufgesprüht, wodurch sicherlich ein Großteil der Magie verloren gegangen ist. Schade. Und dann liegt halt auch noch der omnipräsente Müll überall herum… Trotzdem ist es ein schöner Ausflug, durch schöne Landschaft und mit einem herrlichen Platz für die Nacht mitten in der Wildnis unter schattenspendenden Bäumen und zwischen riesigen Felsen.

Im unscheinbaren Ort Guelmin erreichen wir den südlichsten Punkt unserer Marokkoreise; wir sind Luftlinie fast 900 Kilometer südlich von Tanger und gerade mal 340 Kilometer westlich von Arrecife auf den Kanarischen Inseln. Bei der Stadt Sidi Ifni treffen wir nach langer Zeit wieder auf das Meer. Das Städtchen wird als Art-Deco-Perle Marokkos beschrieben, in unseren Augen wirkt der Ort recht abgerockt, etwas verkommen, Art-Deco finden wir wenig und die Promenade ist ein Slalom um enorm große Schlaglöcher herum – naja, uns erschließt sich der in allen Reiseführern angepriesene Charme nicht und nebenbei liegt in Sidi Ifni wirklich der Hund begraben, auf jeden Fall zu dieser Jahreszeit. Im Winter soll hier ja der Bär im Kettenhemd tanzen.

Wir folgen der Küste nordwärts und sind maßlos enttäuscht. Größtenteils ist die Küste mit unsagbar hässlichen Ferienanlagen verbaut. Diese Gebäudekomplexe erscheinen fast alle verlassen, leer und öde. Und zu allem Überdruss sind sich auch noch unzählige dieser Ferienanlagen Bauruinen – dem Augenschein nach seit Mitte der 90-er Jahre. Nicht schön.

Letzter Stopp an der Küste ist dann das hübsche Fischerstädtchen Essaouira; die Stadt ist lebhaft, quirlig, der Hafen geschäftig und, naja, nennen wir es geruchsintensiv. Überall legen die Händler ihr Fische auf Planen oder Platten auf den Boden, ohne jegliche Kühlung warten die Fische derart auf Käufer. Das Angebot ist beeindruckend, von Aalen über gelb-goldene Moränen bis zu Zackenbarschen gibt es alles, die wuselig-geräuschintensive Atmosphäre inklusive. Im Wasser wuseln Hunderte kleine und große Fischerboote, es wird wild gestikuliert, geschrien, Netze werden geknüpft und Fischer stapfen müde von Bord nach Hause. Eine Besonderheit an Essaouira sind übrigens die absolut rechtwinklig angelegten Gassen, was die Orientierung deutlich vereinfacht. Wir bummeln gemütlich durch die Gassen, lassen uns treiben und genießen den Hippie-Flair der Stadt.

 

Entgegen dem Plan verlassen wir die Küste und halten uns wieder landeinwärts. Anstatt tagelang der wenig ansprechenden Küste zu folgen, entscheiden wir uns kurzentschlossen, für drei Tage nach Marrakesch zu fahren. Aloisius parken wir sicher auf einem nahegelegenen Campingplatz, während wir uns in ein wunderschönes Riad in der Medina einquartieren.

Wir erkunden diese einzigartige, bunte und pulsierende Stadt mit seinen orientalischen Palästen, die zahlreichen Souks, den berühmten Platz Djemaa el Fna mit seinen Garbuden, die schön angelegten Gärten inmitten der Häuser – und erleben ein wieder ganz anderes Marokko. Der Kontrast könnte kaum ausgeprägter sein. Marrakesch ist wirklich, wie man sich eine orientalische Stadt aus 1001 Nacht vorstellt: bezaubernd, intensiv, exotisch. Und natürlich verirren wir uns mehrmals im unübersichtlichen Gewirr aus trubeligen Gassen, auf von Betriebsamkeit pulsierenden Plätzen und in düsteren Sackgassen. Teil des Abenteuers – und ein Heidenspaß!

Wir haben eine Menge erlebt, gesehen, erfahren (im wahrsten Sinn des Wortes) und die Zeit in Marokko geht dem Ende entgegen. Von jetzt an heißt es Kilometer fressen. Über überraschend perfekt ausgebaute Autobahnen düsen wir an Casablanca vorbei, umfahren die stetig wachsende Metropole Rabat und fahren geradewegs hinein in die Zeitmaschine. Zurück zu den Römern. Ja, auch hier waren sie! Volubilis, nördlich von Meknes, ist eine riesige Ruinenstadt, deren Blütezeit fast 1.800 Jahre zurückliegt, deren ehemaliger Glanz sich jedoch heute noch erahnen lässt:  Bunte Mosaike, imposante Säulengänge, ein mächtiger Triumphbogen und unzählige Ruinen der ehemals über 10.000 Einwohner-Stadt. Im Abendlicht, gegen die untergehende Sonne, wirkt die „Skyline“ von Volubilis nicht ruinös, nein, eher glaubt man, gleich erwache die Stadt zu neuem Leben.

Von den Römern geht es noch einmal in den Orient, in die unscheinbarste der ehemals vier Kaiserstädte, nach Meknes. Klar, Marrakesch und Fes hat jeder auf dem Radar, Meknes nicht mehr viele. Kleiner, nicht so hip wie die beiden anderen, aber nicht weniger exotisch, spannend und sehenswert.  Hier tickt die Uhr noch anders: kaum Souvenirläden, wenige Hotels, kaum Touristen. Auch sind die Sehenswürdigkeiten nicht so herausgeputzt, oft erkennt man diese kaum, obwohl man direkt davor steht. Durch ein winziges Tor gelangt man in die ehemaligen Stallungen des Sultans – für über 10.000 Pferde, nebenan ein Wasserbecken für die bis zu 400 (!!!) Konkubinen des Sultans und hintendran ein Getreidespeicher, groß wie 15 Kathedralen. Beeindruckend.

Es ist ein wunderbarer Ausklang für eine anstrengende, oft schweißtreibende aber auch ebenso spannenden Reise. Die letzte Nacht – so glauben wir auf jeden Fall – verbringen wir unter uralten Olivenbäumen, am Horizont funkeln die Lichter von Meknes in der Nacht, der Mond scheint und freche Katzen springen um Aloisius herum.

Die Fahrt nach Tanger Med ist unaufregend und wir kommen genau rechtzeitig für die 14-Uhr-Fähre im Hafen an. Denken wir. Doch der Check-In hat schon geschlossen, die 17-Uhr-Fähre fällt aus und die 20-Uhr- oder gar 2-Uhr-Fähre wollen wir nicht nehmen, da kämen wir mitten in der Nacht in Spanien an. „Macht ja nix“ meint der nette Mann am Ticketschalter, wir könnten auch hier im Hafen bleiben. So stellen wir Aloisius unterhalb einer riesig hohen Stützmauer im grellen Scheinwerferlicht neben einen Müllwagen. Das ist sie dann, unsere letzte Nacht in Marokko. Weit und breit definitiv kein Olivenbaum. Dafür ein sagenhafter Blick über die Bootsanleger auf die Lichter von Europa auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar, einer so ganz anderen Welt.  So nah und doch so fern. Egal auf welcher Seite man steht.

 

LEAVE A COMMENT

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close