Te Waipounamu

oder einfach Neuseelands Südinsel

19.12.2016 – 13.01.2017

Nach gut 6.000 gefahrenen Kilometern stehen wir im Norden des Südens, in ein paar tagen geht es mit dem Boot zurück auf die Nordinsel. Hatte es die Südinsel nun in sich? Kurz gefasst ließe es sich ungefähr so zusammenfassen: Einmal rundherum, ein paar Stichstraßen hier und da, ein bisschen Zickzack durchs Inselinnere, den einen Pass hinauf, den anderen wieder hinunter, durch flache Ebenen, über grüne Hügel, vorbei an türkis-blauen Seen und schneebedeckten Bergen, durch tiefgrünen Regenwald und tiefgraue Regenwolken.

Die südliche der beiden Hauptinseln Neuseelands, so lesen wir, lockt mit unzähligen „Highlights“: Bergen, Seen, Stränden und einem relaxten Kiwi-Way-of-Life. Ja, hier gibt es Berge, sogar recht hohe, weshalb man die Berge auch gleich mal Alpen nennt, es gibt Seen, tiefblau oder türkis (und der schönste ist ein Stausee), die Strände sind allesamt unscheinbare, oft modrig riechende grau-braune Sand- oder Kiesstrände und der relaxte Kiwi-Way-of-Life zeigt sich darin, dass wir fast vom Campingplatz fliegen, Jakob sich hinter einem Baum versteckt und Tina gezwungen wird, dem aufgebrachten Campingplatzbetreiber den elektrischen Schaltplan von Aloisius zu erklären. Aber eins nach dem anderen….

Die Südinsel ist berüchtigt für ihre Wetterkapriolen. Man sagt, das Wetter könne sich hier achtmal am Tag ändern. Vereinfacht kann man sagen: im Osten schön und mild, im Westen stürmisch und regnerisch, im Norden von beiden ein bisschen, im Süden unbeständig. Und in der Mitte thront der majestätische Mount Cook, schneebedeckt, mit eisigen Flanken und meist in einem undurchdringlichen Weiß aus Wolken gehüllt. Also haben wir fix den Wunschzettel für das Christkind umgeschrieben und nur eine Sonne darauf gekritzelt. Und da steht er, der höchsten Berg des Landes, 3.724 Metern hoch, mit einen Hauch von Schnee und Eis auf seiner Spitze und kein Wölkchen weit und breit. Die Sonne lässt den Berg erstrahlen und die zu seinen Füßen liegenden Seen Lake Tekapo und Lake Pukaki glitzern derart intensiv türkis, würde man es nicht mit eigenen Augen sehen, hielte man es für eine Fotomontage. Dass wir genau zu Heiligabend im Schatten des Berges einen Stellplatz mit direktem Blick auf diesen steinig-eisigen Koloss finden, ist ein wirklich tolles Weihnachtsgeschenk.

Ganz anders sieht es da im Fjordland im Südwesten der Insel aus. Regen, Starkregen und noch mehr Regen, all das gepaart mit heftigen Windböen. So sehen wir leider nicht viel. Die auf dem Pflichtprogramm eines jeden Neuseelandbesucher stehende obligatorische Bootstour durch den Milford Sound überstehen wir tapfer, aber klitschnass. Manchmal erspähen wir zwischen den Wolkenwänden Wasserfälle und am Himmel neue Wolken und frischen Regen. Im Jahresdurchschnitt fallen hier an knapp 200 Tagen rund 8.000 Millimeter (ja, das sind 8 Meter!) Regen; bei uns hat es – gefühlt – von diesen 8.000 mm an einem Tag 7.995 abgeregnet.

Beim nächsten, „absolut einzigartigen“ Highlight haben wir zwar mit dem Wetter mehr Glück, sehen aber auch nichts. Vor uns liegen der Fox-Gletscher und nebenan der Franz-Josef-Gletscher. Der Neuseeländer im Allgemeinen und der Nationalparkranger im besonderen sind sehr, sehr sicherheitsbewusst, weshalb man sich den Gletscher nur mit großem Sicherheitsabstand nähern darf. Und jetzt wird der Gletscher ja auch noch jedes Jahr kürzer und der Sicherheitsabstand immer größer. Über einen engen Trampelpfad stapfen wir mit Heerscharen von Gletscher-Afficionados zu den winzigen Aussichtsplattformen, 750 Meter von der Gletscherzunge entfernt, und sehen: nicht viel. Ein bisschen Eis am Horizont, ein bisschen Gletscherwasser davor. Einzigartig ist etwas anderes.

Wir unternehmen ein paar kleine Wanderungen durch dichten, in unzähligen, herrlichen Grüntönen wuchernden Regenwald, lauschen den Vogelgezwitscher und dem Plätschern der Bäche, spazieren an einsamen Stränden entlang, an denen sich zwar keine einzige Muschel, dafür umso mehr Treibholz findet, betrachten das ständige und schnelle Wechselspiel aus Sonne, Wolken, Regen und Wind und versuchen, die allgemeine Faszination für Neuseeland zu begreifen.

Ein paar Tage später, ein paar Täler weiter finden wir bei absoluter Dunkelheit in den Tiefen einer Höhle eine funkelnde, blau schimmernde Wunderwelt. Erst zu Fuß und dann in einem winzigen Bötchen geht es in die Tiefe diese Höhlenlandschaft, bis schließlich Millionen winziger „Glowworms“ wie funkelnde Kristalle über uns leuchten. Die Glühwürmchen sind eigentlich Larven die, wenn sie Hunger haben, ihren Schwanz hell leuchten lassen und die dadurch angelockten Insekten gleich auffressen. Dieses einzigartige Naturschauspiel ist einfach wunder-wunderschön! Ansonsten haben wir, was das erfolgreiche Suchen und Finden der hiesigen Tierwelt betrifft, weniger Glück. Außer beeindruckend großen Albatrossen und stink-faulen Seelöwen sehen wir weder die nur hier vorkommenden Gelbaugenpinguine (auch andere Pinguine sehen wir nicht), noch den nur hier vorkommenden Bergpapagei (Kea gennant), geschweige denn den endemischen, sehr seltenen und sehr schüchternen flugunfähigen Vogel namens „Kiwi“. Ok, wir sehen viele der vermeintlich 35 Millionen Schafe….

Über eine schöne, kurvige Strasse holpern wir in das kleine im November letzten Jahres von einem heftigen Erdbeben heimgesuchte Örtchen Kaikoura an der Ostküste der Insel. Hier freut man sich über jeden Besucher – der Ort ist seit dem schrecklichen Beben immer noch von der aus Norden kommenden Hauptstraße abgeschnitten, der einzige Zugang erfolgt eben über eine enge, kurvenreiche und auch erdbeben-gebeutelte Straße über viele lange Kilometer. Fast alles hat hier geschlossen, viele Gebäude sind einsturzgefährdet, der Meeresboden hat sich um unglaubliche 6 Meter angehoben. Von den ehemals rund 16 täglichen Whale-Watching-Touren laufen nur noch drei aus, bei Flut. Bei Ebbe ist der Hafen nicht mehr schiffbar. Wir laufen über den ehemaligen Meeresgrund, um uns herum ein paar schlafende Seelöwen und ein paar verstreute Touristen. Ein seltsames Gefühl, ein merkwürdiger Anblick, der Boden wirkt fremd, unberührt. Am nächsten Tag wollen wir über die eigentlich tagsüber geöffnete Küstenstraße Richtung Süden zurück. Doch die ist seit der letzten Nacht wieder mal gesperrt – wegen erneuten Erdrutschen. Es wird noch lange dauern, bis in diesem kleinen Fleckchen Erde wieder normales Leben zurückkehrt.

Bleibt die Frage offen, warum wir fast vom Campingplatz fliegen, sich Jakob hinter einem Baum versteckt und Tina den elektrischen Schaltplan von Aloisius einem nicht ganz so relaxten Kiwi erklären muss. Im verschlafenen Örtchen Geraldine rollen wir also auf einen Campingplatz, richten uns ein, freuen uns des Sonnenscheines, bis sich ein mächtig schnaubender Campingplatzmanager vor Jakob aufbaut und aufs Wüstete beschimpft, was denn das solle. Was was soll? Unsere Anschluss an den Landstrom entspreche nicht der Norm, sei illegal, brandgefährlich, eine Frechheit und unser Aloisius eine Gefahr für die neuseeländische Elektrizitätsinfrastruktur. Wie bitte? Nach genügend „aggressiver Provokation“ und, um die Situation nicht vollkommen eskalieren zu lassen, versteckt sich Jakob lieber hinter besagtem  und dem Schauplatz des Geschehens ausreichend entferntem Baum, während Tina versucht, die technischen Raffinessen in Angriff zu nehmen.

Und dann? Auch Tina’s Charme hilft nichts, ein Elektriker wird gerufen, begutachtet Aloisius und stellt fest: wir haben ja gar keine neuseeländischen Steckdosen im Fahrzeug. Wie bitte? Nach viel Überredungskunst und dem Vergleich, ein Kreuzfahrtschiff aus einem anderen Land, dass in Neuseeland Station mache, würde ja auch keine neuseeländischen Stecker benötigen, lenkt der Elektriker ein, überprüft nunmehr eher alibimäßig ein paar Sicherungen und Kabel, nimmt uns dafür 70 NZ-Dollar ab und überreicht uns das inzwischen von uns heiß ersehnte „Electrical Warrant of Fitness“-Kleberchen. Das wir – natürlich – zu all den anderen Kleberchen und Kärtchen nun vorne an der Windschutzscheibe kleben haben. Ob wir nun jetzt vollkommen und ausreichend „certified“ sind?

So zeigt sich uns die Südinsel durchaus facettenreich, gespickt mit einigen wirklich tollen (landschaftlichen) Höhepunkten. Im Großen und Ganzen jedoch schafft es Neuseeland bisher nicht, uns in seinen Bann zu ziehen oder zu begeistern. Aber das ist subjektiv. Objektiv ist es ein Land am anderen Ende der Welt, von dem man sich auf Grund eben dieser Lage wohl mehr Exotik, Spannung und tolle Eindrücke erwartet hat . Warum eigentlich? Warum muss ein Land, bloß weil es weit weg ist, anders sein als eine unglückliche Melange aus Taunus, Lüneburger Heide, Alpenvorland und grimmigen Menschen?

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  1. Doris 2 Jahren ago Reply

    Wunderschöne Landschaften mit hohen Bergen und Seen, die aber auch in Österreich sein könnten….gut, so viele Schafe haben wir dort nicht. Der neuseeländische Sommer scheint recht kühl zu sein, Ihr seid eigentlich immer winterlich angezogen. Der Campingplatz auf dem Bild „Camping with view“ sieht sehr gemütlich aus! Die Bürokratie allerdings ist reichlich übertrieben, zusammen mit der dargebotenen Unfreundlichkeit könnte man tatsächlich leicht ausflippen.
    Ich wünsche Euch eine angenehme Fortsetzung der Reise und ausnahmweise auch mal gute Erfahrungen mit richtig netten Einheimischen!
    Viele Grüße aus dem kalten und tief verschneiten München!

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