Christchurch 2.0

The Quake-City

04.01.2017

Christchurch liegt malerisch gelegen an einer sanft geschwungenen Bucht, im Hinterland geschützt von schneebedeckten Bergen, ringsherum umgeben von saftigen Wiesen und mit Aussicht auf einen gewaltigen, erloschenen Vulkan. Es geht kaum schöner. Was die Stadt jedoch „bewegt“ liegt im Untergrund: gewaltige, tektonische Verschiebungen in der Umgebung lassen die Stadt immer wieder wackeln. Erdbeben sind die Einwohner hier gewohnt.

Doch zwei Erdbeben sollten die Stadt für immer verändern: der seismische Alptraum nimmt seinen Anfang am 4. September 2010. Mitten in der Nacht erschüttert ein heftiges Erdbeben – 7,1 auf der Richterskala – die Region. Die Sachschäden sind beträchtlich, viele Gebäude in sich zusammengefallen oder schwer beschädigt, aber es gibt keine Todesopfer. Das Aufatmen, die Erleichterung sind groß. Doch knapp sieben Monate später, am 22. Februar 2011, bebt die Erde wieder, diesmal tagsüber, zur Mittagszeit, die Strassen sind voll und unzählige Menschen sitzen an ihren Schreibtischen in den Büros. Das Epizentrum liegt fast direkt unter der Innenstadt. Mit einer Stärke von 6,3 auf der Richterskala werden etliche Gebäude dem Erdboden gleich gemacht, Hochhäuser stürzen ein, ganz Fassaden fallen auf die Bürgersteige – es ist ein Alptraum, dem 185 Menschen zum Opfer fallen.

Wir besuchen im Dezember 2016 Christchurch, die Stadt strahlt zwar Optimismus aus, doch die Spuren der verheerenden Erdbeben sind bis heute allgegenwärtig. Der Wiederaufbau geht nur schleppend voran, Grund dafür ist die sogenannte Bodenverflüssigung: der Untergrund – ein Großteil der Stadt ruht auf einem trockengelegten Schwemmgebiet – wurde im Zuge des zweiten Erdbebens von riesigen Wassermassen geflutet und ist seitdem eher eine breiige Masse denn idealer Baugrund.

Große Teile des Stadtzentrum existieren einfach nicht mehr, viele Häuser und denkmalgeschütze Gebäude wie die Christchurch Cathedral sind einsturzgefährdet, eingezäunt und wirken wie ein dusteres „Mahnmahl“ ob der unglaublichen Naturgewalten, die hier am Werke waren. Umgebaute Schifffahrtscontainer, Bauzäune, Bagger und große, leere Flächen prägen das Stadtbild.

Die Stadt wirkt leblos, irgendwie gespenstisch, ein bisschen surreal und auf eine besondere Art faszinierend: die Menschen trotzen den Ereignissen, wollen ihre Stadt zurück, wieder aufbauen, sie wieder beleben. Zahlreiche Wände von Häusern wurden farben- und ideenreich bemalt und bunte, ausrangierte Container an- und aufeinanderstellt. Die „Containerstadt“, hoffnungsvoll Re:START genannt, bildet heute das lebensfrohe Zentrum mit Kneipen, Bars und Geschäften. Die schwer beschädigte, nicht zugängliche Kathedrale findet temporären Ersatz in Form eines beachtlichen Ersatzbauwerkes aus Kartonröhren (!), Holz und Stahl. Auf dem Platz davor erinnert eine offene und frei zugängliche Gedenkstätte mit 185 verschiedenartigen, weißgestrichenen Stühlen auf ergreifende Art und Weise an die Todesopfer des Erdbebens.

Christchurch lebt, hofft, baut, malert, improvisiert – und hat noch viel vor sich.

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  1. Doris 2 Jahren ago Reply

    Hätte nicht gedacht, dass 5 Jahre nach dem großen Erdbeben die Schäden immer noch so offensichtlich sind. Beeindruckende Bilder!

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