Pilbara Industries

Blaue Küsten, roter Bergbau, schwarze Wolken

23.06. – 13.07.2016

Eigentlich obliegt es ja den Engländern, über wenig anderes als das Wetter zu reden. Aber manchmal müssen auch wir darüber reden. Und jetzt ist es soweit. Extreme oder seltene Wetterphämomene scheinen wir ja magisch anzuziehen. So war es schon im Jahr 2011, als wir das letzte Mal den australischen Kontinent bereisten. Damals war es das regenreichste Jahr in Australien seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Dieses Jahr, also 2016, gehört bereits jetzt zu den heißesten und trockensten Jahren überhaupt.

Doch das sollte sich ändern! Was haben wir uns auf die Pilbara, eine Landschaft, so rot, so trocken, so australisch, mit all ihren Bergen und tiefen Canyons gefreut. Kaum angekommen in Tom Price, dem „Tor“ zum Karijini Nationalpark, einem absoluten Highlight in der Pilbara-Region, fängt es an, wie aus Kübeln zu schütten. Jahreszeitenuntypisch regnet es über viele Tage heftig und ausgiebig. Nicht nur wir, nein, alle stehen da und schauen ungläubig in den tiefgrauen, wolkenverhangenen Himmel. Die unsagbaren Wassermassen überfluten alles. Der Nationalpark wird wegen Überflutung gesperrt, ebenso fast sämtliche Straßen, die von Tom Price an die Küste oder weiter ins Inland führen. Die Australier nennen das „trapped by the waether“, eingeschlossen vom Wetter. Wir verkriechen uns in Aloisius, lauschen dem Prasseln des nicht enden wollenden Regens und warten. Und warten. Drei Tage lang.

Unsere eigentlichen Pläne müssen wir also anpassen und so fahren wir nach ein paar Tagen, der Wettergott meint es kurz gut mit uns und wenigstens die Strassen sind teilweise wieder offen, weiter. Erst einmal weg von hier. An die Küste, zum weltberühmten, einzigartigen Ningaloo Reef. Türkisblaues Meer, weiße Sandstrände und eine gigantische Unterwasserwelt erwarten uns hier. Und Sonne satt. Es ist wunderschön, besonders die Küste entlang des Cape Range Nationalparks. Doch zum Baden oder Schnorcheln ist es leider viel zu kalt. Es weht ein eisiger Wind, das Wasser ist vom Starkregen der letzen Tage aufgewühlt und die Sicht gleich null. So bleibt die Unterwasserwelt leider unerforscht und unsere Schnorchelausrüstung trocken.

Ein Stücken weiter Richtung Süden, in Carnarvon, dem „Tor zu den Tropen“ wachsen Bananen, Zitrusfrüchte, Avocados und viel, viel frisches Gemüse. Es erscheint uns wie das Schlaraffenland! Wir decken uns direkt bei den Erzeugern auf den Plantagen mit frischen Vitaminen ein. Da sich das Wetter beruhigt hat und die alle Straßen wieder offen sind, drehen wir lieber noch eine kleine Runde im Outback, anstatt dem geteerten Küstenverlauf zu folgen. Keine Menschenseele kreuzt unseren Weg, Einsamkeit, überwältigende Stille und der wenig bekannte, aber sehr beeindruckende Kennedy Range Nationalpark mit seinem aus der Ebene aufragenden, senkrechten Felswänden und die wüstenartigen Landschaften faszinieren uns abermals.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die von Industrie geprägten Zwillingsorte Karratha und Dampier mit ihren riesigen Tiefseehäfen an der Küste des Indischen Ozeans. Pittoresk ist hier wenig, dafür wird hier Geld, sehr viel Geld gemacht, umgesetzt und verladen. Hier entsteht seit ein paar Jahren die angeblich weltweit größte Erdgasverarbeitungsanlage. Das vor der Küste gewonnene Erdgas wird hier angelandet, veredelt und in einem langwierigen Prozess auf -162 Grad gekühlt und als so genanntes Flüssiggas verschifft. Rio Tinto, einer der weltweit größten Rohstoffkonzerne, hat den lokalen Abbau von Eisenerz sowie die Gewinnung industriellem Salzes fest in seiner Hand. Das unter anderem in Tom Price abgebaute Eisenerz wird auf kilometerlangen Zügen und in bis zu 640 Tonnen schweren Roadtrains hierher transportiert und im Hafen von Dampier weltweit verschifft. Es ist beeindruckend,  die über 300 Meter langen Frachter an- und ablegen zu sehen.

Wir folgen dem Weg des Eisenerzes in entgegengesetzter Richtung, immer entlang den Bahngleisen im Schatten dieser unglaublichen, stoisch dahin ratternden Zügen zurück nach Tom Price. Bevor es wieder in die unberührte Natur gehen soll, buchen wir noch eine Tour durch die im Tagebau betriebene Eisenerzmine. Es ist unglaublich: ganze Berge sind schon abgetragen, Täler, mehrere hundert Meter tief gegraben, Hügel einfach weggesprengt und in einem kaum verständlichen Gewirr aus Wegen holpern über 750 Tonnen schweren Muldenkipper herum. Es wirkt ein bisschen wie ein Chaos-Sandkasten in Gigantisch-Groß.

Nach so viel Industrie, Staub und Krach gehen wir Versuch Nummer Zwei an und steuern mal wieder den Karijini Nationalpark an; keine zwei Stunden Fahrt und wir stehen an schroffen Abbruchkanten oberhalb Millionen Jahre alter Canyons, durch die das Wasser leise plätschert. Das intensive Blau-Grün des Wassers, die fast knallroten Felswände und das frische, satte Grün der unzähligen Spinnifex-Büsche bilden ein Farbenspiel der besonderen Art.

Ja, und es regnet nicht. Noch nicht. Am Horizont baut sich eine dicke, furchteinflössende schwarze Wolkenwand auf, die sich langsam, aber beständig in den beginnenden Nachthimmel schiebt. Nach Einbruch der Dunkelheit geht es los, der Himmel öffnet seine Schleusen. Das ist kein Regen mehr, das ist eine Sintflut.

Der Uhr nach müsste es der nächste Tag sein, doch die dicken, tiefhängenden Wolken lassen kaum erahnen, dass irgendwo da oben eine Sonne scheinen mag. Wir sehen kaum ein paar Meter weit, das Wetter „verhüllt“ die eigentliche Schönheit der Natur. Das Wasser sammelt sich auf den Straßen, der rotbraune Staub verwandelt sich in eine eklig-klebrige Matsche. Es soll nicht sein. Wir geben auf. Lieber Karijini Nationalpark, wir besuchen dich ein anderes mal wieder. Aber bestimmt nicht mehr auf dieser Reise.

Stundenlang fahren wir durch dichten Regen, Richtung Küste. Port Hedland jedoch begrüßt uns mit Sonne, tropisch-feuchter Wärme und herrlichen 30°C. Unzählige Palmen, Frangipanis und sonstige tropische Gewächse lassen unsere Augen strahlen. Ansonsten strahlt in Port Hedland aber wenig. Die Hafenstadt wird über und über von einer braunroten Staubschicht überzogen. Nicht einmal mehr die Zebrastreifen sind noch weiß. Hier im Hafen wird fast ausschließlich Eisenerz umgeschlagen, dass mit Zügen aus dem Outback rund um Marble Bar herangekarrt wird. Was für Karratha das Bergbauunternehmen Rio Tinto darstellt, ist hier in Port Hedland der große Konkurrent BHPBilliton. Um unseren Wissensdurst ob des Bergbaus weiter zu stillen, buchen wir uns auch hier auf eine Tour durch die Anlagen der lokalen Schwerindustrie: riesige, stillgelegte „Crasher“, die ehemals, sehr zum Leidwesen der Anwohner, unter ohrenbetäubendem Lärm das grobe Gestein gemahlen und zerkleinert haben, kilometerlange Förderbänder, gigantische Aufbereitungs- und Sortieranlagen, himmelhohe Wassertürme und vollautomatisierte „Eisenbahnwaggonräderschleifmaschinen“, alles eingehüllt in dicken, roten Staub prägen das Bild. Port Hedland ist sicherlich keine Schönheit, aber es steht synonym für die Bedeutung der Schwerindustrie und das Leben und Arbeiten im Rohstoffgeschäft hier in der Pilbara.

Die viele Industrie, der Bergbau und die damit einhergehenden Einschnitte in die Natur – auch das gehört zu Australien, ganz so wie Kängurus, Koala-Bären und weite, unberührte Natur. Man sollte beides gesehen haben, um dieses Land ein bisschen besser verstehen zu können.

Uns zieht es jetzt magisch nach Norden. In die Tropen. Noch ein kurzer, dreitägiger Stopp am wunderschönen 80-Mile-Beach und wir erreichen endlich Bromme, die Stadt der Perlen, Sonnenuntergänge und Kamele. Dieses sehr sympathische Städtchen mitten in den Tropen gefällt aber nicht nur uns. Es sind Hauptsaison und Schulferien zugleich, dementsprechend herrscht hier Ausnahmezustand. Verzweifelt grasen wir alle Campingplätze ab, doch überall erwartet uns die gleiche Antwort: „sorry, fully booked“. So stranden wir die erste Nacht auf einem so genannten Overflow-Camping mitten im Industriegebiet gegenüber zweier Speditionen und einem Road-Train-Assemby-Platz auf dem Gelände des lokalen „Pistol Clubs“ an dessen Einfahrt ein alter, ausrangierter Schützenpanzer „Wache steht“. Ein Traum von Stellplatz. Die unzähligen Road-Trains kommen und gehen die ganze Nacht, all das unter lautem Gebrumme und Gescheppere – ach, wie herrlich.

Doch am nächsten Tag wir haben unheimliches Glück und ergattern doch noch einen herrlichen Stellplatz auf einem einen netten Campingplatz, im Schatten unter Palmen, in Laufnähe zum endlos langen Cable Beach. Broome, jetzt sind auch wir da! Bei hochsommerlichen Temperaturen und blauem Himmel wird unter Reisenden immer wieder das schlechte Wetter in und um den Karijini Nationalpark, das seit Wochen nun infernalischen Regen mit sich bringt, diskutiert. Denn: sowas gab’s noch nie. Nicht mal 2011.

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  1. birdfarm team 2 Jahren ago Reply

    Hei ihr beiden, das liest sich aber abenteuerlich und steht sowas von krass im Gegensatz zu unserem Erlebten und das ist ja mal grad 4 Monate her. Aber, da sieht man mal wieder, Australien ist immer für eine Überraschung gut. Grade die unterschiedlichen Jahreszeiten und das damit unterschiedlich Erlebte macht jede Reise immer wieder spannend. Wir beobachten Euch weiter aus der Ferne und sind für jede Überraschung dankbar um dann hoffentlich in 2Monaten wieder mit Euch das ein oder andere Bierchen in
    Downunder zu schl……., Na denn , PROST, bis dahin!
    Rita Norbert Neda Puma Cliff

    • thehaeusgens 2 Jahren ago Reply

      Hoi ihr zwei Bald-wieder-da-seier, freuen uns auch schon auf euch und die leckeren Bierchen… Vielleicht auch mal ein Eis mit Likörchen? Bis bald in Cairns, Team Haeusgen

  2. Michael Rittmeyer 2 Jahren ago Reply

    Hallo Tina und Jakob,
    es ist immer eine Freude und ein Genuss Euch zu begleiten auch wenn es nur aus der Ferne ist. Schöne und eindrucksvolle Bilder, begleitet von ansprechenden Texten lassen die Schönheit des Landes erahnen.

    Liebe Grüße aus Starnberg
    Jutta und Michael

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