Ab durch die Mitte

Die Tücken einer Lehmpfanne

30.04. – 23.05.2016

Nach Tausenden von Kilometern auf Wellblechpisten erscheint es uns fast schon als Erlösung, bei Coober Pedy wieder einmal auf ebenen, wellblechfreien Teerstraßen zu fahren. Für unsere „Hintern“ ist das Spa Deluxe! Coober Pedy, das für seinen Abbau von Opalen bekannte Städtchen ifinden wir – naja, wie soll man es sagen – eher trostlos. Es werden zwar immer noch viele Opale aus dem Boden geholt, ansonsten hat es aber eher den Anschein eines riesigen Freilichtmuseums. Irgendwie hatten wir uns das outbackiger, verruchter vorgestellt. Also, schnell wieder rauf auf den Bock und weiter. Jetzt freuen wir uns auf Alice Springs und das Rote Zentrum!

Animals on the Road

Uns gefällt diese kleine Stadt mitten in der Wüste, da bleiben wir doch gleich mal ein bisschen länger als geplant. Wir lernen nette Leute kennen, Reisende, Einheimische und „Angekommene“ wie Laura und Fillipo, einem abenteuerlustigen Pärchen aus der Nähe von Bergamo, die es mit Haus und Hund hierher verschlagen hat. Das leckere, echt italienische Essen und der lustige Abend bei den beiden wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Auch Aloisius bekommt sein Verwöhnprogramm in Form von im x-gewechselten Reifen, geflicktem Steinschlagloch in der Windschutzscheibe, zusätzlichen Schmutzfängern für die Vorderräder und festeingebautem australischem Funk für weitere Outbacktouren – sicher ist sicher!

Zudem erleben wir zwei Tage mit sintflutartigen Regenfällen. Die Auswirkungen davon werden wir noch Wochen später auf Tiefste „durchfahren“. Hier im Zentrum hat es seit Monaten keinen Niederschläge mehr gegeben, dafür jetzt umso mehr. Regenfälle dieser Art sind in einer derart trockenen Region einerseits fast schon ein Spektakel, andererseits aber auch Fluch und Segen. Überflutetete Straßen sind gesperrt, Farmen, teils ganze Ortschaften kurzfristig von der Außenwelt abgeschnitten; für die Natur hingegen ist es der Startschuss.

So haben wir das seltene Glück, ein paar Tage später, als einige Straßen um Alice Spring nach den Überflutungen wieder geöffnet sind, die Natur auf eine ganz besondere Weise zu erleben: die vormals braune Öde hat sich ein wahres Meer aus Grün verwandelt, überall sprießt und blüht es, das Gurgeln der Bäche unterbricht die Stille und unzählige bunte Kakadus, Heerscharen von grellgrünen Wellensittichen und schneeweiße Papageien baden und planschen in den Wasserlöchern. Jeder Botanische Garten ist ein Scherz dagegen.

So wird die Erkundung der MacDonnell Ranges östlich und westlich von Alice Springs mit all seinem Schluchten und Tälern zu einem ganz besonderen Erlebnis. Auch wenn so mache Wandertouren gute Schwimmkenntnis voraussetzen würden (kein Witz, diesen Warnhinweis haben wir tatsächlich am Eingang zu einer Schlucht gefunden), bleiben genügend Wanderwege, die wir trockenen Fußes in Angriff nehmen können. Und für den Rest nehmen wir einfach Aloisius. Er erweist sich sowohl auf vielen schmalen, steinigen Offroad-Tracks als auch bei zahlreichen Flußdurchfahrten unterschiedlicher Tiefe und Breite einmal mehr als treuer Begleiter und guter Dampfer!

Und dann wartet noch ein ganz besonderes Abenteuer auf uns. Von Alice Springs unternehmen wir einen „Abstecher“ in die Simpson Wüste. Über den „Old Andado Track“, Teil des legendären Binns Tracks, stoßen wir tief in die menschenleere Einsamkeit vor. Der Track führt uns durch atemberaubend schöne und sehr abwechslungsreiche Wüstenlandschaften, entlang mächtiger Bergketten und durch endlose, topfebene Lehmpfannen mitten in die ersten Ausläufer der Simpson Wüste mit ihren feuerroten Dünen.

Die winzige Ansiedlung Mt. Dare, eine ehemalige Schaffarm und heute ein typisches Outback-Pub mit Übernachtungsmöglichkeit, Tankstelle, Werkstatt und Sammelbecken wilder Typen, ist einer der wenigen besiedelten Orientierungspunkte hier draußen. Und mit all seinem kalten Bier Sehnsuchtsort all jener, die von Birdville aus die schwierige Querung der Simpson Wüste geschafft haben. Oder eben noch vor sich haben. Dann lockt hier der Diesel und die Möglichkeit, noch einmal einen saftigen Burger mit Pommes und Ketchup zu genießen. Auch für uns ist Mt. Dare ein Etappenziel. Wir arbeiten uns also fröhlich durch die Wüste, genießen die Landschaft, durchqueren die ein oder andere „Pfütze“, kurven gekonnt an matschigen, aufgeweichten Stellen vorbei oder, wenn kein Umweg möglich, mitten durch sie hindurch. Am Horizont können wir schon das Windrad der Wasserpumpe von Mt. Dare erspähen. Fast geschafft. Fast.

Wäre da nicht diese eine, letzte weiche Stelle inmitten der endlos erscheinenden Lehmpfanne. Guter Dinge zielen wir darauf zu, den Spuren folgend und durch. Hat ja bisher auch gut geklappt. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: wir zielen darauf zu, folgen der Spur und versinken im Matsch. Da hilft alles Lenken und Denken nichts mehr, die Räder machen, was sie wollen, es zieht uns nach rechts und dann geht nichts mehr. Wir stecken fest! Mitten im Matsch, tief aufgeweicht vom vielen Regen von vor zwei Wochen, tief, tief drin. Wir schaufeln und schaufeln, doch der Matsch ist klebrig, fest und schwer, fast wie Beton. Die mit Mühe untergelegten Sandbleche helfen nichts, wir graben uns bei jedem Versuch, herauszukommen, immer mehr, immer tiefer ein. Glücklicherweise sind wir nur rund vier Kilometer von Mt. Dare entfernt und so rufen alsbald mit unserem neuen Funk (als hätten wir es geahnt) um Hilfe. Wenig später erreichen uns Gregory und Tony mit ihrem Toyota Lancruiser und wir alle fragen uns einen kleinen Moment lang, wie dieses kleine Autschgerl unseren gewichtigen Aloisius da raus ziehen soll. Doch nach drei Versuchen ist es geschafft, Aloisius ist draußen, eingematscht von oben bis unten. Egal, Hauptsache draußen!

Letztendlich laden auch wir in dem Pub, gönnen uns ein kaltes „Ginger Beer“ und zwei Tüten Chips zum Mittagessen. Frisch gestärkt und motiviert geht’s wieder raus auf die Piste und rein in den Matsch. Auf dem Weiterweg haben wir durchaus noch die ein oder anderen Wassermassen und Schlammlöcher zu überwinden. Auch so mancher Baum muss mal wieder gefällt werden. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang sind wir ehrlicherweise froh, wieder trockenem Boden unter den Reifen und den Füßen zu haben. Und all das am geografischen Mittelpunkt Australiens. Wir stehen im Mittelpunkt – ganz alleine. Was für ein Übernachtungsplatz! Und als wäre das alles nicht genug, werden wir mitten in der Nacht von einem unerklärlichen Wackeln des Autos geweckt. Erst denken wir, ein blindes Kamel sei gegen Aloisius gerumpelt. Tatsächlich ist es aber das heftigste Erdbeben seit Jahren in der Region, das uns aus dem Schlaf rüttelt. 6,1 auf der Richterskala – da wackelt der beste Laster.

Frisch ausgeschlafen und gut durchgeschüttelt geht es am nächsten Tag auf die „Schiene“. Wir folgen dem Verlauf der alten Bahnlinie des „Ghans“, die einstige Bahnverbindung von Adelaide nach Darwin mitten durchs Zentrum, über den „Old Ghan Railway Heritage Trail“. Teils hoch über der umgebenden Landschaft fahren wir auf der alten Bahntrasse, heute eine sandige Piste, und müssen höllisch aufpassen. Nicht wegen dem Sand, nicht wegen Steinen oder gar unserem Freund, dem Matsch. Nein, es sind Tausende stählerner Bolzen, mit denen die Piste über und über gespickt ist. Nach der Stilllegung der Bahnlinie hatte man zwar Schienen und Bahnschwellen entfernt, die Bolzen jedoch wurden liegen lassen. Uns zwei Brillenträger gelingt es, jeden Bolzen kunstvoll zu umfahren. Aloisius’ Reifen bleiben heil!

Alles andere wäre dann doch auch irgendwie zu viel geworden……

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  1. Petra 2 Jahren ago Reply

    Ihr lasst ja wirklich nix aus. Sensationelle Bilder, tolle Landschaft und ein tolles Team. Danke für die coolen Berichte. Wir wünschen euch weiterhin das Beste und gute Fahrt!
    Liebe Grüße,
    Petra

  2. The Hubers 2 Jahren ago Reply

    Hallo Ihr Zwei!
    Wir Schlamper aus der Nachbarschaft haben endlich euren Blog gefunden! Ordnung sei Dank!
    Hier steht alles noch und der Garten wächst und gedeiht dank Dauerregen – ich denke bis Herbst ist kein Wasser erforderlich 😉
    Eure Reise hört sich super an! Super Abenteuer! Und Eure Bilder sind wunderschön!

    Der Dackel hat bestimmt schon „Kopfschmerzen “ bei dem Gewackel!

    Bleibt gesund und munter! Freuen uns auf neue Geschichten – nachdem wir jetzt mitlesen können!

    Liebe Grüße
    Die Hubers

  3. Alexa 2 Jahren ago Reply

    Schöne Geschichte und coole Bilder – bleibt weiterhin vor Erdbeben und Fluten verschont. Viele liebe Grüße von Alexa

  4. Hallo, liebe Nachbarn,

    Endlich ein Blick in den Computer! Wir sind geplättet von euren Abenteuern, aber auch von den sagenhaften Fotos.

    Für die Weiterfahrt wünschen wir euch stets festen Boden unter den Reifen und noch viele positive Abenteuer!

    Voller Bewunderung,

    Helmut und Sigi

    • thehaeusgens 2 Jahren ago Reply

      Ein herzliches Servus nach München,

      freut uns von euch zu lesen und dass euch unsere „kleinen“ Abenteuer gefallen. Ja, wir genießen die Zeit sehr und erleben wirklich viel. Euch beiden nun ganz herzliche Grüße, gesendet aus der Shark Bay, wo wie aber leider keinen Hai gesehen haben. Lasst es euch gut gehen, Jakob und Tina

  5. birdfarm team 2 Jahren ago Reply

    Hallo Ihr beiden, das war dann ja wohl Spitze! dann macht nachher das sauber machen sogar Spass wenn das Abenteuer ohne Blessuren überstanden ist. So manches Foto kommt uns jetzt bekannt vor, ist ja noch nicht solange her als wir da rumkurvten.

    Grüsse Nobby und Specki

  6. Doris 2 Jahren ago Reply

    Hallo Tina und Jakob,
    eine wahrlich abenteuerliche Story, aber mindestens einmal Steckenbleiben gehört zu einer echten Outbacktour dazu, finde ich!!! Tolle Bilder von der Natur nach dem Regen, die wassertrinkenden Papageien gefallen mir besonders gut!

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