Südostaustralien

Ab in den Süden!

08.02.2011

SÜDOSTAUSTRALIEN

Es ist soweit: wir erhalten von der Agentur das erlösende und lang ersehnte Email, dass „(y)our vehicle is now customs and quarantine clear and is ready for you to pickup“. Knut, unser Expeditionsmobil, so erfahren wir in selbiger Email, stünde im Yampi Way in Port Kembla und warte darauf, abgeholt zu werden. Also auf nach Port Kembla. Am 18. Januar um 7.54 Uhr verlassen wir Sydney Central per Vorortzug Richtung Süden, Richtung Port Kembla, Richtung Yampi Way. Die Fahrt entlang der Küste ist schön, unsere Vorfreude enorm und aufgeregt erreichen wir nach knapp zwei Stunden Port Kembla. Vom Bahnhof aus geht es mit einem sehr redseligen und leider ebenso ortsunkundigen, aber scheinbar dem einzigen Taxifahrer in der Gegend weiter. Zum Glück arbeitet seine Tochter in eben jenem Yampi Way und letztendlich ist es nur ihr, ihrer telefonischen Navigationshilfe und ihrer scheinbar grenzenlosen Geduld mit ihrem Vater zu verdanken, dass wir unser Ziel vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Die Formalitäten sind schnell erledigt, wir erhalten die Autoschlüssel, werden vom Sicherheitsdienst zu Knut gebracht, inspizieren alles auf Vollständigkeit und Unversehrtheit, steigen ein und, – ja wirklich! – sind wieder „back on the road“. Und da ist es, dieses wunderbare, unbeschreibliche Gefühl der Freiheit, welches sich den Daheimgebliebenen so schwer erklären lässt – man muss es erlebt haben, um es wirklich zu verstehen. G’Day Australia!

Nach einer letzen Nacht in Sydney starten wir am nächsten Morgen unsere 220 PS und steuern frohgemut Katoomba in den Blue Mountains an. Die Fahrt verläuft ereignislos, alles am Laster klappert noch so wie früher und nach zwei Stunden Fahrt rollen wir auf den netten Katoomba Caravan Park. Aus Fehlern lernt man, heißt es. Dies haben wir uns zu Herzen genommen (manche mögen sich an das Fiasko der Wassertankbefüllung 2008 bei 45°C – im Schatten – in Florida erinnern, wo wir als einzigen möglich Ausweg damals eigentlich nur die Sprengung des Expeditionsmobiles sahen) und beschlossen, uns diesmal viel Zeit zu nehmen, um den dicken weißen Knut nach der langen Verschiffung und Standzeit im Hafen wieder reisefertig zu machen. Selbst quartieren wir uns in einem nahe gelegenen kleinen B&B ein. Diesmal wollen wir uns frei machen von dem Druck, dass alles sofort klappen muss; wir wollen einfach Zeit haben, sollte mal was schief gehen.

Und es war eine weise Entscheidung. Mindesten dreimal fluten wir wegen verklemmten Über-und Unterdruckventilen große Teile des Campingplatzes, bis das Wasser endlich in den eigentlich dafür vorgesehen Tanks bleibt. Mindestens zwei Stunden stochern wir mit einem alten Kleiderbügel wie die Wilden in unserem Dieseltank herum – fast blind vor Dunkelheit und mit der Angst, die Taschenlampe könne im Dieselnirwana absaufen-, um den hängen geblieben Tankgeber wieder frei zu rütteln. Erfolglos. (Die Tankuhr zeigt einfach immer voll, weswegen wir noch in Deutschland bei der Überführung Knuts von München nach Bremerhaven nach bereits 89 km – das fängt ja gut an! – am malerischen Rasthof Köschinger Forst stehen blieben. Es dauerte eine Weile und kostete sagenhafte €250,- für den LKW-Notdienst um festzustellen, dass kein motorisiertes Vehikel dieser Erde ohne Treibstoff fahren kann. Dass sich der Motor auch nach Umschalten auf den Ersatztank nicht erneut starten ließ, ist uns bis heute ein Rätsel und wird es wohl auch immer bleiben – aber dies nur am Rande). Nun, in Katoomba, weit entfernt von jeder M.A.N. Vertragswerkstatt, entscheiden wir uns, den Tankinhalt ab sofort und gezwungenermaßen optisch zu kontrollieren. Gas- Strom- und Wasseranschlüsse müssen auf australische Norm umgerüstet werden, sämtliche Funktionen testen wir wieder und immer wieder und zu guter Letzt werden der Kühlschrank, die „Vorratskammer“ und der „Weinkeller“ wieder mit Leben, sprich Inhalt erfüllt. Fünf ganze Tage werden es letztendlich, bis wir Knut wieder reisefertig, sauber und „ready to go“ haben.


Nach diesen fünf Tagen, vielen schlauen und meist wenig hilfreichen Sprüchen unserer neu gewonnen Campingfreunde und dank dem vielen ausgelaufenen Wasser inzwischen umgeben von herrlich grünem Rasen und Büschen, suchen wir uns den ersten wirklich heißen Tag für unsere erste Wanderung durch die Täler und Schluchten der Blue Mountains aus. Wir durchwandern wunderbare, archaisch anmutende und von unbeschreiblichen Vogelgesängen durchdrungene Eukalyptus- und Regenwälder. An dem dem Parkplatz angeschlossenen Lookout ist noch die Hölle los, Busladungen fröhlicher und fußlahmer Touristen schießen ihre Fotos, bevor es im klimatisierten Reisebus rasch weiter geht. Nach ein paar hundert Metern Fußmarsch jedoch sind wir meist alleine, lauschen den Papageiengesängen und haben das Gefühl, ja, jetzt sind wir wirklich angekommen, die Reise hat begonnen. Dort, wo die Wentworth Wasserfälle noch einmal ca. 100 Meter tief abfallen, finden sich einige weitere Naturliebhaber. Vor diesem aufmerksamen, jedoch relativ kleinen Publikum beschließt Tina die Rutschfestigkeit ihrer Wanderschuhe zu testen. Nun, wie bereits erwähnt, ist das so eine Geschichte mit dem Wasser und uns. Und prompt macht es „Platsch“, ein markerschütternder Schrei durchdringt das Tal. Vögel fliegen auf. So rutschfest sind die Schuhe dann also doch nicht. Tina ist nicht über die Kaskade gerutscht und zwei blaue Flecken waren der Lohn des Produkttests unter realen Bedingungen. Als Trostpflaster gönnen wir uns, zurück in der Zivilisation, ein Stück Sachertorte und Kirschstreusel bei der deutschen Bäckerei Schwarz. Yummie! (wie der Australier sagt, wenn’s schmeckt).

Dieser wunderbare Tag endet mit der Erkenntnis, dass es vielleicht doch besser ist, vor Fahrten (ob kurz oder lang) den Kühlschrank auch wirklich zu verriegeln. Als wir am Abend die „Haustür“ öffnen kommen uns schon die ersten Dosen, einige Tomaten und eigentlich ein repräsentativer Durchschnitt des Kühlschrankinhaltes entgegengerollt. Über all dem schwebt der wirklich widerliche Gestank von warmen, alten Bier, das sich aus zerbrochenen Flaschen den Weg in jede auch noch so kleine Ritze gesucht hat. Mit Blasen an den Füßen, blauen Flecken und schlechter Laune wuchten wir die biergetränkten Teppiche raus, lösen einige Holzplatten des Unterbodens und trocknen Kabelstränge, Wasserleitungen, Heizungsrohre usw. mit schier unglaublichen Mengen Küchenpapier. Am Abend, in der heilen und biergestanksfreien Welt des B&B, sind wir uns sicher, die Lektion mit dem Kühlschrank gelernt zu haben. Sollten. Müssten. Auf jeden Fall für den Moment.

Mit verriegeltem Kühlschrank blicken wir ein letztes Mal auf die Blue Mountains und machen uns mit einer neuen Kühlschrankfüllung auf den Weg Richtung Süden. Unser Etappenziel heute: der Abercrombie River National Park, den man auf einer einfachen, bequemen Piste gemütlich erkunden kann und an dessen Ende ein malerischer Campingplatz in wildromantischer Einsamkeit wartet. Durch eine von sanften Hügeln geprägte Weidelandschaft und über eine von Schlaglöchern gesäumte Strasse kommen wir recht gut voran und durchfahren schließlich das Eingangstor des angesteuerten National Parks.

Bereits nach wenigen Metern eröffnet sich uns die Frage, was einfach und bequem in Australien bedeuten möge. Der Track ist extrem ausgewaschen mit teils etwa 50 cm tiefen Furchen, Angst einflößenden Steigungen und nicht gerade das, was man sich landläufig unter einer gemütlichen Ausfahrt ins Grüne so vorzustellen mag. Schließlich kommt dann zu unserer Überraschung ein Hinweisschild, das uns ernsthaft hätte stutzig machen müssen(!!): “Beyond this Point only 4×4”. Wir fragen uns, welches „normale“ Vehikel ohne vordachhohe Bodenfreiheit und turbodieselbefeuerten Allradantrieb jemals überhaupt bis zu diesem Hinweisschild vorgedrungen sein mag. Jeder Zweifel wird über Bord geworfen, wir sind ja hier, um was zu erleben und weiter geht’s. Und so liegt vor uns plötzlich eine Abfahrt, die sich gewaschen hat: ca. 800 Meter, ohne Kurve, schnurgerade und mit schwindelerregenden Steigung. Wir lösen die Bremse und rollen los, bergab. Es gibt es kein Zurück mehr. Das rechts im Abgrund liegende, zerschellte Auto macht uns auch nicht gerade mehr Mut. Im Gegenteil. Weiter. Im Schleichgang. Unser sonst so geduldiger, behäbiger Knut bekommt von uns ganz ungewollt einen schier unbändigen Drang nach vorne und fängt an, mit all seinem Gewicht über die Vorderräder zu schieben. Und wie! Kein schönes Gefühl… Endlich unten in der Senke angekommen, sind wir schweißgebadet. Nach kurzer Inaugenscheinnahme dessen, was vor uns liegt, ist uns klar: kein Meter weiter! Geordneter Rückzug. Also wieder hoch; da beißt die Maus kein Faden ab. Endlich wieder oben angekommen, stellen wir den Motor ab, steigen aus und genießen die Stille. Der Kühlschrank blieb bei all dem Gerüttel und Geschüttel geschlossen. Keine Sauerei. Immerhin was. Lektion gelernt! Wir ändern unseren Plan, kehren dem Park den Rücken zu und brausen über gut ausgebaute Fernstrassen gen Canberra.


Canberra, Australiens Retortenhauptstadt, ist wahrlich beeindruckend. Wie aus dem Nichts liegt sie auf einmal vor uns, umgeben von viel Nichts und durchzogen von noch mehr Nichts. Wir waren noch nie in einer Stadt, deren Besichtigung locker und bequem per Laster absolviert werden kann. Parkplätze ohne Ende, breite Straßen – letztendlich legen wir in der großzügig angelegten Stadt an die 300 km (!!!) in vier Tagen zwischen den verschiedenen Sehenswürdigkeiten zurück. Die Museen der Stadt sind beeindruckend, sehr informativ und ebenso zeitintensiv. Wir lernen viel über die Kunst und Kultur der Aborigines, die Planung, Entstehung und Zukunft Canberras, das Münzwesen und warum es hier den Australischen Dollar und nicht das Australische Pfund gibt, durchwandern schier endlose Parklandschaften und treffen in einer Stadt mit fast 340.000 Einwohnern so gut wie nie eine Menschenseele. „The Day after“ könnte hier gedreht worden sein. Canberra ist spannend, gespenstisch, beeindruckend, einsam, weitläufig, unnahbar. Mancherorts wirkt das Stadtbild wie eine Kulisse im Nirgendwo, eine Geisterstadt. Nur an wenigen Orten bekommt man das Gefühl, wirklich in einer Stadt, einer Großstadt, einer Hauptstadt mit all seinen Facetten zu sein.
Durch die Snowy Mountains, die Australischen Alpen, geht es in den Kosciuszko National Park, der seinen Namensgeber, den Mount Kosciuszko, weitläufig umgibt. Dieser Park lockt weniger mit wüsten Tracks, die einem das Fürchten lernen, denn mit einer wirklichen Besonderheit: Australiens höchstem Berg mit immerhin 2.228 Metern, eben dem Mount Kosciuszko. Bei teils orkanartigen Regenfällen warten wir zwei Tage auf einem nahe gelegenen Campingplatz auf ein geeignetes Wetterfenster, um den Berg zu besteigen. Das lange Warten wird von kurzen, dafür intensiven Schönwetterphasen unterbrochen. Diese kurze Zeit nutzen wir, um auf kurzen Wanderwegen die herrliche Landschaft zu erkunden. Und endlich ist es soweit: wir sehen unser erstes Wallaby! Wir können es kaum glauben. Von wie vielen Baumstümpfen waren wir schon überzeugt, dass sie jeden Moment loshüpfen, um dann doch bei näherer Betrachtung nichts als ordinäre Baumstümpfe zu bleiben und eben nicht zu hüpfen. Aber dieser Baumstumpf hüpft – und wie. Vor uns über die Strasse. Und weg war er auch schon wieder. Ein Wallaby! Und am Abend geht es gleich weiter: mehrere Wallabys hüpfen keine 10 Meter von uns entfernt am Esstisch im Schatten Knuts an uns vorbei. So lange haben wir keine gesehen und die Tiere schon für eine nette Erfindung der hiesigen Tourismusmarketingindustrie gehalten. Und plötzlich, wie auf Knopfdruck, taucht so einiges auf, was kreucht und fleucht: Possums drehen argwöhnisch Runden um Knut, dicke rote, handtellergroße Spinnen hängen von den Astabweisern am Auto, ganz zu schweigen von unzähligen, nicht zu definierenden Fluginsekten. Von diesen erreichen manche Größen, dass sie anderorts wahrscheinlich als Vogel klassifiziert werden würden.

Nach zwei Tagen und zwei Nächten (wir wollen eigentlich schon aufgeben) ist es kaum zu glauben: wir schauen nach dem Aufstehen aus dem Dachfenster von Knut und sind baff: blauer Himmel. Schnell werden die Wanderschuhe angezogen, das Vorzelt abgebaut, der Motor gestartet und los geht’s voller Vorfreude auf den Parkplatz, von welchem die Wanderung auf den höchsten Berg Australiens beginnt. Bei dieser Wanderung ist definitiv nicht der Weg das Ziel. Sondern das Ziel das Ziel. Über einen breiten, topfebenen Forstweg geht es vom Charlotte Pass (ca. 1.800 m ü. M) auf den Gipfel. Die knapp 400 Höhenmeter werden auf einer 9 km langen Wanderung problemlos überwunden und nach nicht einmal zwei Stunden stehen wir auf dem Gipfel des Mount Kosciuszko. dem höchsten Berg eines ganzen Kontinents. Bei wunderbaren Wetter genießen wir die sagenhafte Aussicht und finden es einfach schön. Und irgendwie cool. Der höchste Berg einen Kontinentes. Wow!

Die nächsten zwei Tage fahren wir bei strömenden Regen durch die Ausläufer des Zyklons Yasi, erleben eine sonst sonnenverwöhnte Landschaft mal anders. Die Berge sind von dicken Wolken verhangen – eine wunderbar melancholische, fast schon poetische Stimmung. Das Wetter fordert seinen Tribut: keine 5 Meter, nachdem wir vorbei gefahren sind, stürzt ein nicht gerade kleiner Baum hinter uns auf die Strasse. Der Lärm war ohrenbetäubend und wir sind froh, nicht ein paar Sekunden später dran gewesen zu sein.

Die letzten Tage waren geprägt von enormen, sinnflutartigen Regenfällen, vielen Highlights, unbeschreiblichen Erlebnissen und der Erkenntnis, dass unser dicker, weißer Knut wieder mal der ideale Reisebegleiter ist. Über überflutete Strassen, vorbei an evakuierten Dörfern und über reisende Bäche geht es an der Küste entlang nach Melbourne.

 

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