Sydney

Der Beginn eines Traums!

31.01.2009 – 14.02.2009

DOWN UNDER: SYDNEY

So ziemlich jeder, der schon einmal Sydney besucht hat, kann sich der Lobeshymnen kaum enthalten: Sydney ist die schönste Stadt, Sydney ist so cool, Sydney ist einfach wunderbar, Sydney ist umwerfend… Die Messlatte liegt hoch. Was würde uns erwarten? Ist es ein müder Abklatsch vom Amerikanischen? Ist es London, nur kleiner und wärmer? Sind die Menschen hier böse – stammen sie ja letztendlich alle von Sträflingen, von Gewaltverbrechern ab? Schließlich haben die Engländer ja keine Kleinverbrecher für so viel Geld einmal um den Erball geschippert. Das musste sich schon rentieren, um den Bösewicht ein für alle Mal von der englischen Bildfläche verschwinden zu lassen…

0006Klar, jeder kennt das Sydney-Opera-House von unzähligen Bildern. Und natürlich die Brücke, die Sydney-Harbour-Bridge. Dann hört es aber mit geistigen Bildern über diese Stadt auch schon auf. Was hat man sonst noch über Australien und seine Bewohner für Stereotypen? Die Australier kommen gerne und zahlreich auf das Oktoberfest und, ihnen sei Dank, ertrinken einen nicht unbedeutenden Umsatz für die Wiesenwirte. Australier essen nur Känguru und trinken dazu Fosters-Bier?! In Australien werden surfende Einheimische und Touristen von riesigen weißen Haien verschlungen?! So weit, so gut.

Der Zoll, 12 kg Muscheln und Welcome in Down Under

Sydney Airport ist für uns das Tor zu Sydney, Australien und eine Welt voll Kängurus. Das Land ist 7.692.030 km² riesig, die Einwohnerzahl mit 21.360.000 eher nicht. Im Vergleich dazu: in Mumbai, der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt, leben ca. 13,7 Mio. Menschen oder in Istanbul, immerhin auf Platz 6 der bevölkerungsreichsten Städte der Welt, leben immer noch knapp über 10 Mio. Menschen. Folglich teilen sich in Down Under 2,7 Menschen einen Quadratkilometer; in Mumbai sind das 4.792 Menschen/km² und in Istanbul sogar sagenhafte 6.521 Menschen/km². Im kleinen Wolfratshausen, malerisch zwischen den Flüssen Loisach und Isar gelegen und Heimat von Fast-Bundeskanzler und Fast-Superminister Ede Stoiber, leben immerhin 1.923 Menschen/km².

Von den ca. 21 Mio. Einwohnern Australiens leben ca. 4,2 Mio. im Ballungsgebiet Sydney (2.180 Menschen/km²). Wir sind versucht, Sydney für eine Weltstadt zu halten. Ist sie auch. Der Flughafen jedoch nicht wirklich. Obwohl Sydney Airport jedes Jahr mehr Passagiere (29,1 Mio.) abwickelt wie das Land Einwohner hat, scheint er klein, überschaubar und diesen beiden Tatsachen zum Trotz extrem verwinkelt.

Doch bevor es raus an die frische Luft geht, muss erst noch gekonnt und geschickt der Zoll überwunden werden. Der australische Zoll gilt nicht gerade als zimperlich – Australias last Frontier. An allen Ecken und Enden und an jedem Gepäckband stehen sie, die Zöllner und Schmugglerfänger.
Ganz nach dem Credo „Reise, aber reise mit Stil“ haben wir einen alten Fruchtsaftkarton dabei. Dass dieser auch noch mit neon-grünem Klebeband zugeklebt ist bzw. zusammengehalten wird und einen grell orangenen Aufkleber der Air Tahiti Nui mit der Aufschrift „Fragile“ hat, macht die Sache der Zoll-Passierung nicht gerade leichter. Seit dem Gate sind wir an unzähligen Hinweisschildern oder besser gesagt gigantischen Geradeauslauf-Barrieren vorbeigekommen, die zum x-ten Male darauf hinweisen, was man einführen darf und was nicht. So wie wir das riesige bunte Bild interpretieren, besteht für den Inhalt unserer alten Fruchtsaftkiste – immerhin stolze 12 kg mühselig am Strand gesammelte Muscheln – wohl eher kein Durchkommen. Auf die Frage der Zöllners, ob wir denn etwaige Dinge mitführen würden, schauen wir ihn wohl so dämlich an, dass er uns die verneinende Antwort ohne Weiteres Nachfragen abnimmt. 12 kg Muscheln und zwei vom Stress durchschwitzte „Schmuggler“ treten aus den Tiefen des Airports an die frische Luft, schnaufen durch und sind angekommen. Im Land der Kängurus! Welcome in Down Under!

Das Sydney-Opera-House – „betonierte Orangenschalen“

Am 13. September 1955 eröffnete der damalige Premierminister von New South Wales Joseph Cahill den Architekturwettbewerb für den Bau des Sydney-Opera-Houses. Ziel war es, einen „Mehrzweckkonzertsaalkomplex“ von internationalem Rang und Ansehen in Sydney zu bauen und zu etablieren. Hierfür gingen insgesamt 233 Entwürfe aus 32 Ländern ein. 1957 wurde schließlich der Gewinner bekannt gegeben: Jørn Utzon aus Dänemark. Im Abschlussbericht des entsprechenden Komitees hieß es zu Utzons Entwurf: “The drawings submitted for this scheme are simple to the point of being diagrammatic. Nevertheless, as we have returned again and again to the study of these drawings, we are convinced that they present a concept of an Opera House which is capable of becoming one of the great buildings of the world“.

0001Spatenstich für dieses einzigartige Gebäude war am 5. Dezember 1958. Zu diesem Zeitpunkt hatte Utzon jedoch noch nicht einmal die kompletten Pläne für den Bau fertig. Eine Tatsache, die sich noch rächen sollte. 1957 ging man von einer Bauzeit von etwas mehr als fünf Jahren (das Sydney-Opera-House sollte ursprünglich am 26. Januar 1963 eröffnet werden) und von Kosten von $7 Mio. aus. Fertig gestellt wurde es schließlich im August 1973. Gekostet haben die „betonierten Orangenschalen“, wie die Oper oft bezeichnet wird, sagenhafte $102 Millionen. Die Fertigstellung erlebte Utzon jedoch nicht mehr mit. Am 28. Februar 1966, nach heftigen Streitereien mit dem neuen Premierminister Hughes über nicht bezahlte Honorare, schmiss Utzon das Handtuch und kündigte. Nicht einmal zur feierlichen Eröffnung am 20. Oktober 1973 durch Queen Elizabeth II. wurde Utzon eingeladen. Und überhaupt kehrte Utzon nie wieder nach Australien zurück. Gekränkter Kreativenstolz! Sein Meisterwerk hat er fertiggestellt nie zu Gesicht bekommen. Dafür aber Heerscharen von Touristen. Und wir.

Den ersten wirklichen Blick auf dieses architektonische, expressionistische Meisterwerk genießen wir von der Sydney-Harbour-Bridge. Elegant und erhaben ragen die zehn segelförmigen Dächer in den blauen Himmel Australiens. Strahlend weiß. Eine Formensprache und Formgebung, gänzlich ungewohnt. Wir sind begeistert. Irgendwie ist es seltsam, eigenartig. Wir stehen am anderen Ende der Welt und betrachten ein Gebäude, das uns von unzähligen Bildern irgendwie bekannt, ja vertraut erscheint. Gerade auf Grund und auch trotz all dieser Bilder ist die Wirklichkeit, die Wahrhaftigkeit im Jetzt, Hier und Dort zu stehen und unsere Blicke über diesen, wie von Götterhand aus dicken Wolken in den Himmel gebauten Geniestreich eines jungen und verwegenen Architekten eigenäugig zu sehen, umwerfend. Einmal mehr vergleichen wir die Vorstellung mit der Realität und sind uns einig, dass es zur Realität keinen Vergleich gibt.

Wir klettern von der Brücke und machen uns entlang des Kais auf den Weg zu diesem einzigartigen Gebäude. Jeder Schritt, jeder Meter, den man sich der Oper nähert, nährt Zweifel, macht uns Schaudern. Gerade war es doch noch so schön. Einmal direkt davor, auf den Stufen zum Haupteingang, sind wir enttäuscht. Die kühn und visionär in den Himmel gebauten Segel stehen auf einem Fundament, so hässlich, so unansehnlich, so überhaupt nicht visionär, so gar nicht kühn, so einfach unglaublich gruselig.

Und außerdem ist das Sydney-Opera-House nicht weiß, sondern eher cremefarben mit einer leichten Tendenz zu einem verwaschenen Hellbraun. Nur es wirkt nicht gewollt, sondern einfach nur vom Mövenschiss verdreckt. Dass die Außenhaut von 1.056.006 sich selbst reinigenden dänischen Fließen bedeckt ist, erfahren wir erst später. Aus der Nähe betrachtet, hat das Gebäude eher den Charme eines still gelegten Busdepots. Beton so weit das Auge reicht. Bräunlich in der Farbgebung und hässlich wie die Nacht. Dies ist eines der Gebäude, das seine Schönheit nur und wirklich nur aus der Ferne offenbart. Die wenigen Fenster sind mit einer teils abblätternden, braun-goldenen Folie beschichtet, ähnlich den Fensterscheiben russischer Überlandbusse. Es gibt für dieses riesige Gebäude erstaunlich wenige Türen, und die imposanten Massivbetontreppen führen nicht etwa zum Haupteingang, sondern schlicht ins Nirgendwo.

Nach ein wenig Suchen finden wir den Eingang. Wäre ja gelacht gewesen. Der Eingang ist ein Gewirr aus Beton, niedrigen Decken und spärlicher Beleuchtung. Das Innere macht auf uns eher den Eindruck eines riesigen, unübersichtlichen Bunkers oder eines Parkhauses kurz vorm Abriss.

Der Name Sydney-Opera-House ist eigentlich irreführend. Ist hier doch nicht nur die australische Oper zu Hause, sondern in erster Linie das Sydney Symphony. Insgesamt beherbergt das Sydney-Opera-House sechs Säle. Die Concert Hall mit 2.679 Plätzen ist der größte, gefolgt vom Opera-House mit immer noch 1.507 Plätzen. Die weiteren Säle bieten je zwischen 200 und 400 Gästen Platz.

Auf einer einstündigen Tour besichtigen wir die Innereien der Oper. Nur die eigentliche Sehenswürdigkeit, die Concert-Hall, sehen wir nicht. Proben! Wie sollte es auch anders sein. Wir machen uns also auf eine Zeitreise in die Geschmacklosigkeiten der 70er Jahre. Nun hat ja heutzutage wieder vieles aus den 70er Jahren seinen Platz in der Designwelt gefunden. Aber eben auch nicht alles. Und es scheint, als sei all jenes, was seinen Platz nicht gefunden hat, hierher gebracht worden.

Ein sicher im Herzen guter Mann, in der Außenwahrnehmung eher gelangweilter und lustloser Guide, führt unsere Gruppe durch die Tiefen und Katakomben des Opernhauses. Erstaunlich ist, dass er zu so ziemlich jedem Detail feststellt, dass es eigentlich unpraktisch sei. Die Bühne des Opera-Houses sei zu klein für wirkliche Opernproduktionen, nicht absenkbar und zu niedrig, zu schmal, und von der Tiefe will er gar nicht sprechen. Die Concert-Hall leide unter ähnlichen Fehlplanungen. Es verwundert, dass hier überhaupt noch Konzerte und Opern aufgeführt werden. Das Opera-House und die Concert-Hall verfügen gemeinsam über knapp 4.200 Plätze. Die durchschnittliche Jahresauslastung aller Veranstaltungen liegt angeblich bei 92%! Das muss man sich erst einmal überlegen. Davon können europäische Konzerthäuser nur träumen. Und das ohne nennenswerte Gastspiele internationaler Orchester oder Opernhäuser. Als Fazit bleibt: hässlich, aber rentabel.

Über Geschmack kann man streiten, Schönheit ist subjektiv und liegt im Auge des Betrachters. All dies mag stimmen. Das Sydney-Opera-House ist aus genügend großer Entfernung eine Augenweide. Von Nahem und im Inneren ist es das Gegenteil, aber vielleicht dauert es noch einmal 30 Jahre, und dann finden wir diese Art des Bauens und Beleuchtens wieder ganz wunderbar. Im Moment nur jedoch nicht.

Der Geburtsort Australiens – Bayern mittendrin

„The Rock“. Hier fing Australien an. Die Wiege des europäischen Australiens. Westlich der Oper, die es damals freilich noch nicht gab, oberhalb einer kleinen Bucht, der Sydney-Cove, finden wir unzählige Ecken und Gassen voll Geschichte. The Rock ist jener Ort, an dem im Januar 1788 die ersten Strafgefangenen aus England an Land gingen und somit die erste permanente europäische Siedlung auf australischem Boden schufen. Heute ist es ein erquickendes Gewirr aus engen Gassen, steilen Treppen und altenglischen Gebäuden. Über Jahre hinweg hausten die hier „Inhaftierten“ in ärmlichen, heruntergekommenen Häusern. Erst Mitte der 1970er Jahre erkannten die Verantwortlichen den historischen und touristischen Wert dieser Gegend. Heute finden sich an allen Ecken und Enden lebhafte Bars, Kneipen, Restaurants und Didgeridoo-Läden. Wir kommen an einem Sonntag hierher, und die Straßen und Gassen sprühen nur so vor Leben. Es ist Markt. Und es gibt auf diesem so ziemlich fast alles: Haifischgebisse, ausgestopfte Babykrokodile, Ketten mit Alligatorzähnen dran, unzählige, bunte und obertonreiche Didgeridoos, top-modische Fellstiefel „Made in Australia“ – eigentlich so ziemlich alles, was sich aus Krokodilen, Alligatoren und Haifischen herstellen lässt.

Und mittendrin steht die Löwenbräu-Bar. An Biertischen sitzen Einheimische wie Touristen und genießen (angeblich) bayerische Kultur oder wenigstens das, was es bis hierher geschafft hat. Die bedienenden Damen laufen in weiß-blauen Dirndln rum, die Herren in Krach-Lederhosen, wahrscheinlich aus Känguruleder. Auch finden sich in dem Eventkalender so einige Seltsamkeiten: im Juli 2008 fanden hier unter fachmännischer Anleitung und Vorsingen die Australian-Yodel-Heats statt. Und – Schande den Bayern! – am 15 November 2007 stellte der Restaurant-Manager Reinhard Wurtz, inzwischen australischer Staatsbürger, den Weltrekord im Bierkrugweitragen auf: 20 Maßkrüge über 40 Meter. Die bisherige Rekordhalterin Anita Schwartz schaffte „nur“ 16. Somit ist ein urbayerischer Rekord ins Land der Kängurus, Koalas und Didgeridoos gegangen. Das ist so, als wenn die Chinesen besser jodeln würden. Nach unserer Rückkehr wird ein straffes Fitnessprogramm gestartet und versucht, den Rekord wieder nach Hause zu holen!!!

Und gastronomisch wird hier bayerischer Hochverrat begangen: der bayerische Wurstteller schaut eher aus wie eine internationale Schlachtplatte. Es gibt Klaus’ Gulaschsuppe (urtypisch bayerisch!?), der Kaisersalat ist ein „Crispy Caesar Salad“, Allgäuer Kässpätzle sind „Baked Cheese Spätzle (fresh home made Bavarian Pasta)“ – na ja, für den Schwaben ist das Hochverrat an seinem Leibgericht. Auch ein warmer Dattelkuchen und eine Schwarzwälder Kirschtorte werden hier als „bayerisch“ verkauft. Es fällt uns leicht, dem allen zu widerstehen, wir lassen es links liegen. Lieber gehen wir in eines der zahlreichen, netten Cafés in der Nähe.

Tödliche Spinnen, ekelige Viecher und das MOS

Das Gute vorweg: in Australien gibt es keine Würgeschlangen. Wir sind ja so erleichtert! War das doch unsere größte Besorgnis: von einer Schlange im Großstadtdschungel erwürgt zu werden. Wahrscheinlicher ist es schon, von einer Spinne in Sydney zu Tode gebissen zu werden: die Sydney-Trichternetzspinne ist die giftigste Spinne der Welt, und sie lebt ausschließlich in und um Sydney herum. Das Männchen ist etwas kleiner als das Weibchen, aber dafür sechsmal giftiger. Und dann schauen die Viecher auch noch der Vogelspinne ähnlich. Noch etwas Gutes vorweg oder inzwischen mitten drin: wir haben keine gesehen, auf jeden Fall nicht bewusst. Und gebissen wurden wir auch nicht.

Australien wird auch gerne der giftigste Kontinent der Welt genannt. Bei solchen Spinnen alleine schon kein Wunder, aber dann kommen ja noch die Schlangen dazu. Sechs der zehn giftigsten Schlagen weltweit nennen Australien ihr Zuhause. Die „Fierce Snake“ (deutsch: Inland-Taipan) ist die giftigste Schlange der Welt. Ihr Artgenosse, die Östliche Taipan, schafft es immerhin auf Platz drei.

0013Was gibt es hier nicht sonst noch alles für wunderbare Tierchen: Salzwasserkrokodile mit einer möglichen Körperlänge von bis zu 8 Metern. Das Süßwasserkrokodil im Gegenzug ist eher klein, maximal 3 Meter Körperlänge und scheu. Immerhin etwas. Und dann gibt es die aus den zahlreichen Folgen von „Der weiße Hai“ bekannten Haie. Auch wenn pro Jahr statistisch nur 1,2 Menschen in Australien von Haien angegriffen werden. Weltweit ereignen sich jährlich so zwischen 50 und 80 Angriffe, von welchen ca. 15 tödlich enden. An dieser Stelle wollen wir zu unserer eigenen und zur Beruhigung aller die Statistik heranrufen: im Jahr 2000 starben weltweit mehr Menschen, nämlich 200, an den Folgen herabfallender Kokosnüsse!

Jedoch allein in den zwei Wochen, die wir in Sydney waren, gab es zwei Haiattacken im Sydney-Harbour: ein Marinetaucher wurde von einem Bullenhai (Bull shark) angegriffen. Er verlor bisher ein Bein, und ob der Arm auch noch amputiert werden muss, das war bei Abreise noch nicht bekannt. Keine zwei Tage später weckte der Arm eines Surfers am bekannten und stets überfüllten Bondi-Beach den Appetit eines Haies. Bei dem Surfer hing der Arm nur noch an einem Fetzen Haut. Aber wenigstens das Bein war dran geblieben. Glück gehabt. Dies waren den Zeitungen zu Folge die ersten Haiangriffe im Sydney-Harbour seit 1964!

Nun gibt es zwei Orte in Sydney, an denen man diese zierlichen oder giftigen oder krabbelnden oder schwimmenden (oder alles zusammen) Tierchen sehen kann: das Australia-Museum und den Taronga-Zoo. Wir gehen, da sind die Viecher ausgestopft und sicher tot, erst einmal in das Australia-Museum. Im so wohl- und kuschelig klingenden Saal „The Skeletons Gallery“ finden sich dann allerlei Skelette. Von Schlagen, Mäusen, Kängurus, Menschen, Koalas, Ratten, Fischen, und sogar ein Fahrrad fahrendes menschliches Skelett gibt es. Ein kleines Gruselkabinett, aber dafür interessant.

Das Australia-Museum ist Australiens größtes Naturkundemuseum, und irgendwann hat sich mal einer die Mühe gemacht, alle oder auf jeden Fall sehr viele einheimische Vögel zu fangen und auszustopfen. Ein wenig bizarr wirken diese leblosen Federlinge dann schon auf ihren Plastikbäumen und Sträuchern. Das muss das Paradies für den frische Luft scheuenden Ornithologen sein. Für Reisende wie uns ist das ein wunderbarer Ort. Wir können all die Schätze und Wunder dieses riesigen Kontinentes bewundern. Und das in nur zwei Stunden.

Dem an giftigen Tieren und Australien interessierten Leser möchten wir an dieser Stelle gerne ein ganz besonderes Buch, einen Reiseführer der anderen Art, vorstellen: „See Australia and Die – Tales of Misadventure Down Under“ von Wendy Lewis, erschienen im New Holland-Verlag. In dieses Buch haben es 67 Individuen geschafft. Nicht alle sind gestorben, aber doch fast. Auffallend ist, dass 39 der Opfer aus Australien selber kamen, 6 aus den USA, 6 aus England und sogar ein Opfer aus Deutschland. Die deutsche Touristin aus der Nähe von München wurde im Oktober 2002 von einem Krokodil gefressen! Wir gehen hier in diesem Land NIE baden, außer in die Badewanne oder städtische Schwimmbäder!

Nach diesem Ausflug in die Tierwelt von Down Under ist es wieder Zeit für etwas Trockenes, „Normales“ und nicht Tödliches. Das MOS, das Museum of Sydney. Im Reiseführer heißt es lapidar: „You may come away feeling less factually informed than you might expect from a more traditional museum“. Und auf den ersten Eindruck hin ist es auch eher unscheinbar und erscheint wenig spektakulär. Einmal drinnen, ist es das komplette Gegenteil! Das MOS erläutert die Geschichte der Stadt von den Anfängen bis heute. Meist sind Museen dieser Art eine gesunde Mischung zwischen grabeslustig und staubtrocken. Ungemein spannend, interessant und informativ jedoch erläutert das MOS an Hand zahlreicher Multimediaexponate, Bilder, Schaukästen und den verschiedenartigsten Ausstellungsstücken eine turbulente und an Geschichten reiche Historie.

Gift hinter Glas – der Zoo

Vom Circular Quay aus geht es mit der Fähre zum Zoo. In 12 Minuten. Durch, wie wir ja jetzt wissen, „haiverseuchtes“ Wasser.
Nun ist die Besichtigung eines Zoos immer auch eine strategische Herausforderung. Es geht darum, was man sehen will, sollte oder müsste. Für einen ersten Überblick ist es geradezu herrlich, mit der Zoo-Gondel über einen großen Teil des Zoos zu schweben. Und da sehen wir auch gleich eine echte Besonderheit: rammelnde Elefanten im Wasser. Unter lautem Getöse schwingt sich der Dickhäuter auf seine Liebste, und los geht’s. Leider können wir die Gondel nicht stoppen, um diesen „gigantischen“ Paarungsakt in voller Länge zu bewundern. Das Geschnaube und Getöse ist aber auch weit entfernt noch laut und deutlich zu vernehmen. In den USA hätten bei einem solch „pornographischen“ Akt die Mütter ihren Kindern die Augen zugehalten, und ihnen wäre die Schamesröte ins Gesicht gestiegen. Hier ist das anders. Unter lautem Gebrüll wird der Bulle ermutigt, ja nicht aufzugeben. Die Kinder lernen, dass es eben nicht nur Schmetterlinge und Störche gibt. Denn wie soll ein Storch bitte alleine ein solches Kalb transportieren. Die wiegen ja bis zu 100 kg. Das müsste dann schon ein Fracht-Storch sein. Ganz zu schweigen vom Schmetterling.

Da wir aus Zeitmangel leider nicht wirklich weit aus Sydney herauskommen werden, sind die Besuchsprioritäten klar: erst einmal zu den Kängurus bzw. Wallabys. Und die sind süüüüüß. Die hüpfen ja wirklich. Wie das Duracell-Häschen. Und einen Beutel haben die auch. Leider waren alle Beutel gerade leer. Keine Wallaby-Babies. Schade. Nun ist ein Wallaby zwar der Familie der Kängurus zugehörig, ist aber irgendwie doch auch wieder keines, werden Wallabys auch nur bis zu 90 cm hoch. Ein echtes, wie von Hugh Jackman („ist der süüüß“ – siehe Fanseite) bzw. seinem Freund vor den Augen Nicole Kidmans („die ist ja sooo scharf“ – siehe ebenfalls Fanseite) im Film „Australia“ kaltblütig abgeschossenes Känguru wird halt dann doch stolze 180 cm hoch. Ist schon etwas anderes. Für uns tun’s aber erst einmal die Wallabys.

Von den Wallabys geht es zu den Kakerlaken. Warum? Kakerlaken? Spinnen die beiden jetzt? Nein. Das dient dem reinen Selbstschutz, denn Sydney ist die Kakerlakenwelthauptstadt. In keiner Metropole gibt es angeblich mehr Kakerlaken. Wir glauben das nach zahlreichen abendlichen Spaziergängen gerne, laufen die putzigen Ekel doch in Heerscharen die Bürgersteige auf und ab. Die knacken herrlich unter den Füßen. Wir lernen in der Kakerlakenabteilung des Zoos, wie man sich auf ökologisch korrekte Weise der Mitbewohner entledigt. Sollte diese Art der Schädlingsbekämpfung einen Leser interessieren, schicken wir gerne die Anleitung. Es werden auch keine Fragen gestellt.

Nach diesem Exkurs der Schädlingsbekämpfung geht es zu den Reptilien. Pfui Deifl! Schlangen, Skorpione und anderes Ekel-Krabbeltier. Und da ist sie dann auch, die giftigste Schlange der Welt. Giftig, aber schön. Und elegant. Für Freaks sicher das geeignete Haustier. Neben uns stehen drei Australier, die sich dann auch noch über die von ihnen daheim gehaltenen Schlangen unterhalten. Wie schön die seien und so ein Klasse Haustier. Die drei schauen irgendwie nicht so aus, als hätten sie beim anderen Geschlecht den Erfolg, den sie sich wünschten. Wen wundert’s, wer will schon mit einem Schlangensammler intim werden, die Inland-Taipan im Terrarium neben dem Bett…

Wir schauen uns noch die eine oder andere Schlange an, alle giftig und wir stets in der Hoffnung, dass keines der Terrarien ein Loch hat. Der insgesamt beste und spannendste Teil des Zoos jedoch ist jener mit der Tierwelt Australiens. Wir spazieren durch die verschiedenen Gehege, genießen es und sind vom Regen durchnässt.

Die blauen Berge

The Blue Mountains, wie die Einheimischen hier sagen, liegen ca. 60 km außerhalb Sydneys und stellen somit einen wunderbaren Tagesausflug dar. Gesetzt den Fall, man findet aus Sydney heraus. Ganz einfach sei das, sagt man uns. Immer nur der Straße nach, hier mal links, dort mal rechts. Zur Sicherheit haben wir uns sogar einen Routenplaner ausgedruckt. Und es zusätzlich aufgeschrieben. Von der netten Autovermietung bekamen wir sogar einen solch detaillierten Atlas, dass eigentlich, und die Betonung liegt auf eigentlich, nichts hätte schief gehen können. Ging es aber! Und wir gehören wohl zu den wenigen Touristen, die ohne Übertreibung sagen können, die Gewerbegebiete und Vororte Sydneys wirklich recht gut zu kennen. Die normale Fahrzeit beträgt angeblich knapp eine Stunde. Leuchtet ein bei 60 km. Wir kamen dann nach gut 2 ½ Stunden auch mal an. Etwas hinter dem Zeitplan und im Nebel.

Die Blue Mountains haben ihren Namen nicht etwa daher, weil deren Bewohner von zu viel Fosters immer blau sind, nein, sondern weil diese Region von unzähligen Eukalyptusbäumen bewaldet ist. Durch die Hitze verdampft aus den Blättern der Bäume ein wenig Eukalyptusöl und färbt den Himmel blau. Theoretisch. Bei uns war er grau, durchzogen von Regen und Gewitter. Die Fernsicht auf manche dieser Berggipfel sei atemberaubend, heißt es. Die 12 m Fernsicht, die sich uns eröffnete, war schön. Schön regnerisch. Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn wir in unserer ersten Woche in Sydney hierher gekommen wären. Da war das Wetter noch sagenhaft, sonnig und heiß. Die zweite Woche war regenreich, trüb und kühl. Genau auf diese Woche hatten wir alle Ausflüge und Open-Air-Unternehmungen gelegt. Im Regen könnte man so gut in Museen gehen, aber nein, wir sind im Regen lieber draußen an der frischen Luft.

Die Fahrt durch die Landschaft ist trotz allem herrlich. Sanfte Hügel, über und über mit Eukalyptusbäumen bewaldet, tiefe Täler und weite Landschaften; ja, manchmal, für wenige Momente reißt der Himmel auf und ein motivierter Sonnenstrahl taucht die Landschaft in ein wunderbares Licht. Diese Region, reich an üppiger Vegetation, ist seit dem Jahre 2000 auch Mitglied im elitären Club der Weltkulturerben. Unter anderem vielleicht wegen einer speziellen Pflanze, der Wollemie (lat. Wollemia nobilis): die letzten 60 Millionen Jahren galt die Pflanze als ausgestorben. Optisch wirkt dieses Gewächs wie eine Mischung aus Palme und Kiefer. Doch dann kamen das Jahr 1994 und David Noble. Und die Wollemie wurde wieder entdeckt. Dieser Fund gilt als einer der bedeutendsten der modernen Biologie. Inzwischen wird die Wollemia weltweit vermarktet. Der Standort der Blue Mountain-Wollemias wird allerdings aus Angst vor möglicher Einschleppung von Krankheiten durch Touristen geheim gehalten. Über die deutsche Gartenbaufirma Kientzler in Gensingen kann man das Pflänzchen inzwischen beziehen, aber in Australien wird es gehütet wie die Kronjuwelen.

Der wichtigste, größte und von Touristen am meisten besuchte Ort ist Katoomba, was in der Sprache der Aborigenies so viel bedeutet wie „fallendes Wasser“. In Katoomba kann man mit insgesamt drei verschiedenen Bahnen die Flora und Fauna der Blue Mountains erkunden. Mit der ersten, altertümlich anmutenden, geht es auf Schienen in einer flunderflachen Zahnradbahn in die Tiefe des Tales. Die maximale Steigung beläuft sich hier auf 52%, womit es die steilste Zahnradbahn Australiens ist. Die Fahrt an sich ist schon ein Abenteuer und wäre das Bähnlein ein wenig schneller, eine jede Achterbahn wäre ein Scherz. Über einen Lehrpfad spazieren wir durch dichten Regenwald. Sind einmal nicht gerade chinesische oder japanische Reisegruppen in der Größe eines Kampfbataillons unterwegs, herrscht eine wunderbare Ruhe. Nur das Rauschen der Bäume und das nicht enden wollende Zirpen unzähliger Vögel.

Nach dem kurzen Spaziergang geht es wieder aus dem Tal hinauf. Diesmal mit der Gondel. Nun ist ja Gondelfahren für uns Ski fahrende Mitteleuropäer nicht gerade das Großereignis eines Urlaubes. Anders für das chinesische und japanische Bataillon. Vor der Stütze, wenn die Gondel etwas schaukelt, wird man vom netten Gondoliere auf das mögliche Schaukeln hingewiesen. Schaukelt es dann endlich, sind die gute Stimmung und das glucksende Gegacker der Japaner und Chinesen nicht mehr zu bremsen. Japsend und gurgelnd vor Freude werden ein paar verwackelte Fotos vom Stützpfeiler gemacht. Fertig, abgehakt, weiter geht‘s.

Und dann treffen sich alle wieder am nächsten Highlight. Unbeschreiblich. Unfassbar. So was hat die Welt noch nicht gesehen. Eine Gondel über eine Schlucht. Das „über“ ist hier das Thema. Und einen Glasboden gibt es auch. Gestandene Japaner, einst gefürchtete, das Leben nicht liebende Kamikaze-Flieger, erstarren vor Angst. Die Nikon vorm blassen Gesicht wird ein Foto des Schreckens gemacht. Klick!

Durch noch mehr Nebel, noch mehr Vororte und noch mehr Gewerbegebiete geht es wieder nach Sydney zurück. Der Ausflug in die Blue Mountains war wunderbar, auch wenn das Wetter leider nicht mitgespielt hat.

Epilog

Die Vorschusslorbeeren für Sydney waren vergeben, die Messlatte lag hoch. Wir waren sehr, sehr gespannt. Und sind total begeistert. Sydney ist eine wirklich sagenhafte Stadt. Es gibt so viel mehr als die Oper und die Brücke. Es gibt kleine, nette, sympathische Stadtteile. Es ist ein Vergnügen, ziellos die Straßen entlang zu schlendern, sich treiben zu lassen. Die Menschen sind extrem freundlich und hilfsbereit. Stehen wir mal wieder etwas verloren an einer Straßenkreuzung und blicken fragenden Blickes auf den Stadtplan, dauert es nicht lange, bis sich ein Sydnianer unserer annimmt und uns wieder auf den „rechten Weg“ bringt.

Sydney hat außerdem extrem viel zu bieten: nette Kneipen, peppige Lokale, The-Rocks-Museum, den Sydney-Tower, das wunderschöne Queen-Victoria-Building, das Customs-House (die wohl abgefahrenste öffentliche Bibiothek, die wir bisher gesehen haben), einen herrlichen und riesigen Botanischen Garten mitten in der Stadt, die mit großen und kleinen Meistern bestückte Art-Gallery-of-New-South-Wales, eine ehemalige Münzprägeanstalt in einem behutsam renovierten und modern erweiterten Gebäude aus der Jahrhundertwende, ein gigantisches Aquarium (und wir haben auf der Reise bisher viele gesehen), ein sehr lehrreiches und liebevoll gestaltetes Maritim-Museum, das Barrack-Museum, das eindrucksvoll die Geschichte der Strafgefangentransporte und das Leben der „Gefangenen“ in ihrer neuen Welt erläutert, das Power-House-Museum, in dem sich alles findet, was in den anderen Museen der Stadt keinen Platz gefunden hat, den zweitgrößten Fischmarkt der Welt und zu guter Letzt den riesigen Hafen mit Hunderten von Buchten, die man entweder auf einer Hafenrundfahrt oder mit einer der zahlreichen Pendlerfähren erkunden kann.

Und es gibt ein Observatorium. Oben auf einem kleinen Hügel steht es. Das älteste in ganz Australien. Das Besondere daran ist, dass man das Observatorium auch zu nächtlicher Stunde besichtigen kann. Dann werden die wirklich wenigen Interessierten von Astronomiestudenten in die Tiefen des Weltalls eingeführt. Absolutes Highlight ist natürlich das Sterne gucken! Durch ein riesiges, über 100 Jahre altes Teleskop schauen wir uns die Venus, einen Sternennebel, den Mond mit seinen Kratern und seinem Gesicht und Beetlejuice an. Und wie gerne hätten wir auch noch in die Zukunft geblickt. Aber das ist den von den Astronomen nicht gerade geschätzten Astrologen vorbehalten.

Einmal, ja einmal fragen wir sogar in einem Hotel, ob es denn Jobs gäbe. Wir seien noch (recht) jung, flexibel und wollten so gerne hier bleiben. Es gibt leider keine Jobs, aber wir sollten uns doch mal wieder melden, das könne sich ja schnell ändern…hier die Visitenkarte!

Sydney war einfach sagenhaft. Die Stimmung, die Menschen, die Atmosphäre, das Leben. Einfach alles. Australien im Ganzen und Sydney im Besonderen haben es uns angetan. Wenn, ja, wenn wir mal wieder ein Jahr reisen, dann auf dem giftigsten Kontinent der Welt. Darauf könnt ihr alle Gift nehmen…

 

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