Lanai

Die Unbekannte!

19.12.2008 – 08.01.2009

HAWAII: LANAI UND OAHU

Kennen wir sie nicht alle, diese Fernsehmeldungen von kleinen, wackeligen Propellermaschinen, die an Orten und Enden der Welt aus dem Himmel fallen. Verschollen? Mausetot? Im Meer verschwunden? Meistens sei die Ursache Nebel. Oder irgendwas anderes, aber auch irgendwie egal. Die meisten dieser Orte kennt eh kein Mensch. Und nicht mal mit Hilfe einer Karte wird ersichtlich, wo sich das Unglück zugetragen haben soll. Lanai? Auch der Beiname „Die Abgeschiedene“ hilft da wenig. Als TV-Konsument hätten wir beim Erlauschen dieses Beinamens die Hoffnung für die armen Passagiere aufgegeben. Und umgeschaltet. „Wetten das….“ oder „Dr. Frank – der Arzt, dem die Frauen vertrauen“. Und ausgeschaltet.

Im Terminal der Bizarrheiten

Am Terminal geht es zu wie bei einem Sommer-Ziegen-Schlussverkauf in den jemenitischen Bergen. Um eine schmucklose Säule herum gruppiert ist eine Live Band angetreten, fiedelt und dudelt, dudelt und fiedelt. Schauderhaft. Am Boden verstreut kleine und größere Kinder. Schlafend, spielend, gelangweilt und immer der Gefahr ausgesetzt, platt getreten zu werden. Hyperventilierende, japsende Männer eilen von links nach rechts und zurück. An beiden Seiten ist jedoch nichts zu finden – sie eilen vom linken Nichts zum rechten Nichts. Vorbei an auf dem Boden liegenden Kindern. Und die Frauen? An hektische, japsende Männer und verstreute Kinder gewöhnt, sind sie in all diesem Trubel ein Hort voder Ruhe, der Gelassenheit. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein fremder, hektischer und japsender Mann auf eines ihrer verstreuten Kinder tritt. Dann geht das Geschrei los. Bei Kind, Mutter und, wir sind ja noch in Amerika, bei allen. Kinder plärren, Mütter kreischen, Auf-Kind-getretener-Mann flucht, verdammt, und ist „so sorry“. Die Tonkünstler spielen. Unbeirrt. Sie untermalen diese Szenerie mit mehr oder weniger rhythmischen Klängen. Durcheinander, Chaos und schlechte Musik. Sie musizieren, komme was wolle! Das war schon auf der Titanic so.

Auf unsere Frage, zu welchem Gate wir denn müssten, bekommen wir die so einfache wie bestechende Aussage, dass wir durch die Tür gehen sollen, die als nächstes geöffnet werde. Wir seien ja der nächste Flug. Irgendwie müssen wir an Robert Lembke und sein heiteres Beruferaten denken. Nur halt nicht „Was bin ich?“, sondern eher „Wo bin ich?“. Eine Tür öffnet sich schließlich, und wir schreiten heraus aus diesem bizarren Kosmos. Die Musik wird leiser, das Geschrei auch, und ehemals hektische Männer stöhnen nun unter der Last des Handgepäcks ihrer Frauen und versuchen trotz allem, Humphrey Bogart gleich, aus dem Terminal zum Flugzeug zu schlendern. Vergeblich.

Wir besteigen eine Maschine, wie wir sie bisher nur von Archivbildern kennen. Die Nachrichtensender zeigen sie gerne in der linken oberen Ecke. Auf dem Rest des Bildschirms sieht man die glimmenden, rauchenden und zerborstenen Überreste eines Flugzeuges – vorher und nachher. An Bord geht es gemütlich zu. Sitzplatzzuweisung, eigentlich zur eventuellen Identifizierung von gehobener Wichtigkeit, gibt es hier nicht. Dann setzen wir uns wenigsten an den Notausgang. Vielleicht hilft’s. Die wenigen Sitzplätze füllen sich schnell, zwei brau gebrannte Surfer steigen zu und verschwinden im Cockpit. Die Piloten. Die nette Stewardess heißt uns willkommen und im „very unlikely event of an emergency“ seien die Schwimmwesten unter dem Sitz.

Los geht es. Am Notausgang sitzend, genießen wir ein Privileg der modernen Luftfahrt. Frischluft. Es ist nicht so, dass die Türe gleich ganz fehlt. Nein, so fatalistisch ist die Airline dann doch nicht. Aber durch einen kleinen Schlitz, der kleine Finger passt gerade nicht hinein, können wir rausschauen. Und je schneller die Maschine rollt bzw. fliegt, desto besser wird die Lüftung. Für Klimaanlagenhasser ein Traum, für sicherheitsverliebte Passagiere eher ein Albtraum. Wir genießen die frische Luft und denken, wir werden schon nicht so hoch steigen in den 20 Minuten Flugzeit. Und dass der Unter- bzw. Überdruck bzw. deren Ungleichgewicht dieser knatternden Flugröhre sicher nichts anhaben wird. Nach 20 Minuten Flug landen wir frisch gelüftet und ein klein wenig erleichtert auf der „der Abgeschiedenen“.

30 Meilen, zwei Hotels und ein Irrtum

Aus der Flugröhre hinaus geht es über das Rollfeld in einen Flughafen, der eher an eine Hochsicherheitsscheune erinnert. Auf jeden ankommenden Passagier kommt ein halber Mitarbeiter der Homeland-Security. George W. Bush versprach Sicherheit. Und lieferte. Bemerkenswert ist, dass diese Herrschaften teils sportlicher Statur sind, teils – und das aber zum Großteil – eher den Anschein eines Michelinmännchens machen. Laufen, gar rennen, um einen Bösewicht zu schnappen – Fehlanzeige.

Sämtliche Mitreisenden werden in einen Hotelshuttle geladen und dorthin verbracht. Wir nicht. Nicht, dass wir keine Reservierung hätten. Nein. Wir haben, wie wir bald merken sollten, sogar eine zu viel. Nämlich für einen Mietwagen. Von einem anderen Shuttle werden wir zur Verleihstation gebracht. Dort werden wir schon sehnsüchtig erwartet. Wieder ein Dummer, der einen Mietwagen gebucht hat. Warum dem so ist? Die nette Dame händigt uns eine Straßenkarte der Insel aus. Der Inhalt hätte auch auf ein Mini-Post-it gepasst. Die nette Dame sagt, es gebe 30 Meilen asphaltierte Straßen und ebenso viele Meilen unasphaltierte. Macht zusammen 60 Meilen. 26,2 Meilen wären die Distanz eines Marathons und 112 Meilen die der Radstrecke eines Triathlons. Nur so zum Vergleich.

Wetterbedingt seien aber die unasphaltierten Straßen alle gesperrt, sagt die nette Dame. Bleiben also noch 30 Meilen übrig. Diese 30 Meilen sind die Distanz zwischen den beiden Hotels, ein kleiner Abstecher zum Flughafen und die Durchfahrung von Downtown Lanai City (1.200 Einwohner). Langsam keimen Zweifel, wofür wir hier einen Mietwagen brauchen. Ein Fahrrad hätte es auch getan. Point of no Return erreicht. Ein Irrtum, zugegeben!

Wir übernehmen also unseren eidottergelben Jeep, fahren fast das gesamte Straßennetz der Insel ab und kommen zum Hotel. Dort treffen wir dann auch wieder alle anderen Reisenden aus dem Flugzeug. Wo hätten sie auch sonst hingehen sollen. Wir sind angekommen in einem der beiden Hotels der Insel. Das zweite Hotel ist dann auch „nur“ das Schwesterhotel und liegt in den Bergen. Dort ist es deutlich kälter, und von der Architektur her erinnert es ein bisschen an einen englischen Landsitz. Nur die Palmen stören das Bild. Als wir eines Abend den Weg nicht scheuen und uns auf in die Berge machen zum Abendessen, sind wir überrascht. Das Hotel liegt auf nur ca. 600 Meter Höhe, und doch ist es hier abends so kalt, dass wir eine Gänsehaut bekommen, sich die Zehennägel aufrollen und wir uns dick in die Pullis einmummeln.

Über die Insel Lanai gibt es nicht viel zu sagen, ist sie ja wie gesagt doch recht überschaubar. Vor dem Jahr 1922 gab es einige wenige Einheimische, deren Vorfahren in den verschiedensten inner-hawaiischen Kriegen fast komplett ausgemerzt worden waren. Keine nennenswerte Kultur, von einer Stadt ganz zu schweigen. Im Jahr 1922 jedoch änderte sich das Schicksal der Insel mit einem Schlag. James Dole aus der Obstdynastie Dole kaufte die gesamte Insel für den sogar damals schon läppischen Preis von 1,1 Millionen Dollar. Die weltgrößte Ananasplantage war geboren. James Dole ließ wirklich auf der gesamten Insel, immerhin 364 km², Ananas anpflanzen. Die einzige ananasfreie Zone war das Plantagenstädtchen Lanai City. Da bereits in den 1920ern Amerikaner nicht die mühselige Arbeit des Ananaspflückens erledigen wollten, wurden hunderte Erntehelfer von den Philippinen engagiert. Noch heute sind über 80% der Einwohner der Insel philippinischen Ursprungs oder sogar noch Philippinos. Little Manila auf Lanai.

1991, der Ananasmarkt war auch nicht mehr das große Zugpferd, wurden die letzten Ananasfrüchte geerntet und aus der größten Plantage der Welt war Brachland geworden. Der heutige Besitzer von Dole und folglich der Insel, David Howard Murdock, Schulabbrecher und Frauenheld, ließ bereits einige Jahre zuvor die beiden Hotels bauen, um die Insel nicht vollkommen brach liegen zu lassen. Heute ist sein erklärtes Ziel, statt Ananas anzupflanzen riesige Solarstromfelder aufzustellen, um das immer energiehungrige Honolulu damit zu versorgen.

Wir bleiben eine Woche, legen die Füße hoch, lassen uns die Sonne auf die Bäuche scheinen und genießen die Wärme, das Meer und die Ruhe.

Das absolute Highlight unserer Zeit auf Lanai war der 24. Dezember. Nein, nicht wegen Weihnachten. Das fällt hier kaum auf. Mal abgesehen von dem armen Philippino im Nikolauskostüm, der bei ca. 29°C durch die Sonne schlappen muss und stets fröhlich „Hau hau hau“ rufen muss. Nein, an diesem Tag war in der kleinen Bucht unterhalb des Hotels eine Gruppe von ca. 70 Spinner-Delphinen. Den ganzen Tag. Bis auf ein paar Meter konnten wir an sie heran schwimmen und uns von den flinken und geschmeidigen Tieren beeindrucken lassen. Schwimmen mit Delphinen – in freier Natur! Das war ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art. Einzigartig!

Klausur, glühende Finger und 19.525 Wörter

Nach einer Woche Ananasplantage ging es wieder nach Honolulu. Nach Waikiki. Hochsaison und bumsvoll. Manchmal kamen wir uns eher vor wie in Tokio denn in Honolulu. So viele Japaner machen auf Hawaii Urlaub, heiraten in Hotelgärten und lassen sich von japanischen Reiseveranstaltern durch die Gegend kutschieren, dass es eher wie Japan denn wie die USA wirkt. Hat aber, um ehrlich zu sein, auch was. Japaner sind sehr nett, beim Stadtbummel angezogen und Budweiser und Baseball scheinen nicht grundsätzlich das höchste der Gefühle zu sein. Uns ist durchaus bewusst, hier ein wenig die Klischees zu bedienen, aber, na ja, das ist eine andere Geschichte. Und die werden wir bald, sehr bald erzählen…

Bei unserem letzten Stopp auf Oahu haben wir es garantiert nicht langsam angehen lassen. In drei Tagen hatten wir Hunderte von Meilen abgefahren, viel angeschaut und erlebt. Dies im Hinterkopf gehen wir es ruhig an. Haben wir ja nun genügend Zeit, eventuell Verpasstes nachzuholen. Uns gefallen Honolulu und Waikiki, der Dschungel ist nur ein paar Fahrminuten entfernt, und ruhige, herrliche und leere Strände finden sich auch in nächster Umgebung. Wir wohnen in einer Großstadt mit einem Umland, das seinesgleichen sucht.

Hier bleiben, hier leben? Hmm, warum nicht. Aber jetzt erst einmal in … Klausur. Ja, Klausur. Die letzten Wochen hatten wir so so viel erlebt, gesehen, aber nichts ge- bzw. beschrieben. Von eingefleischten Fans hatten wir Mails bekommen, wann wir denn mal wieder gedenken, etwas auf die Homepage zu stellen. Bald. Versprochen! Und nun sollte es endlich so weit sein. Aller Anfang ist schwer, aber dann macht es uns ja auch unheimlich viel Freude. Noch einmal über alles nachdenken, nachlesen, recherchieren, gegenchecken, aufsetzen, alles umschmeißen, wieder neu und so weiter und so weiter. Das Berichteschreiben ist uns inzwischen zu einer liebgewordenen Reflektion des Erlebten geworden. Schreiben, Fotos aussuchen (und bearbeiten, d.h. klein rechnen und den ein oder anderen Farbstich entfernen), Videos editieren und alles aufeinander abstimmen, sind bis heute nicht zur Routine geworden. Jeder Bericht ist anders, jede Recherche neu und teils langwierig, oft haben wir nicht das passende Foto, oder das Video will mal wieder nicht so wie wir. Die Videos. Die sind das Salz in der Suppe, und zwar in der Suppe eines echt verliebten Kochs. Der Windows-Movie-Maker ist zwar in der Theorie einfach, in der Praxis auch, aber typisch für Windows: laufen tut nichts. Immer wieder nur schwarzes Bild. Alles weg. Futsch. Verflucht. Die Technik wird verwünscht, der generelle Sinn des Filmens in Frage gestellt und überhaupt. Nicht, dass es bei den Fotos und Texten anders wäre, aber wenigstens bewegen sich die nicht. Wobei, nach 10 Stunden Tippen bewegen sich auch Buchstaben….

Aber genug gejammert. Wir waren in diesen Tagen fleißig, so denken wir jedenfalls: wir haben 5 Berichte mit insgesamt 49 Seiten, 2.243 Zeilen, 19.525 Wörter, 126.280 Zeichen (ohne das ewige Hin und Her beim Löschen), 293 Absätze, 282 Fotos, sagenhafte 25 Videos eingestellt (Auszüge aus insgesamt ca. 180 Minuten) und aus unzähligen Links die 38 besten ausgesucht. Im Vergleich: unser allererster Bericht vom März 2008 war damals eher klein und mickrig: 4 Seiten (das hielten wir damals schon fast für epochal), 166 Zeilen, 1.511 Wörter, 9.914 Zeichen und 17 Absätze.

Aloha New Year

Silvester ist fast überall auf der Welt eine riesige Fete. Komisch ist es aber schon, wenn man am 31. Dezember die Füße ins warme Wasser des beschaulich ans Ufer schwappenden Pazifiks hält und um 13 Uhr weiß, dass die Freunde und Familien daheim (bei Minusgraden und Schnee) schon im neuen Jahr sind. Und wir noch im Jahr 2008. Im Krisenjahr. Weil angeblich ja 2009 alles besser wird. Sagt man. Denkt man. Wünscht man. Hofft man. Wir sagen, dass man sich das denkt, was man sich wünscht und hofft, dass es auch so kommt.

Um Mitternacht stehen wir am Strand in Waikiki, und los geht es. Auf einer schwimmenden Plattform, weit draußen auf dem Meer, wird ein wunderschönes und farbenfrohes Feuerwerk in den Himmel gezaubert. Es ist beeindruckend, der Himmel wolkenverhangen, pechschwarz, kein Stern, kein Mond und dann diese Blitze und Explosionen, die den Himmel erhellen.

Wir stoßen an, sagen, denken, wünschen und hoffen. Und sind dankbar und glücklich, hier und heute zu sein. Was es wohl bringen wird, das Jahr 2009? Lassen wir uns überraschen. Die Quersumme von 2009 ist 11. Und diese Zahl hat uns bisher immer Glück gebracht.

 

 

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